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| Glaubt nicht an Abschreckung durch W-Besoldung: Frankfurts Uni-Präsident Rudolf Steinberg |
05. März 2008
Sie ist Expertin für Geothermie und untersucht, wie sich Erdwärme in nutzbare Energie verwandeln lässt. Noch sind in Deutschland nicht viele Wissenschaftler auf diesem Gebiet tätig. In der Industrie könnte sie gut verdienen, deutlich besser als dort, wo sie jetzt arbeitet. Die 37 Jahre alte Geologin ist Juniorprofessorin an der Universität Mainz. Sie bekommt das Grundgehalt der Besoldungsstufe W1: 3405,34 Euro brutto im Monat.
Er ist Geisteswissenschaftler, forscht und lehrt in einem Fach, das selten in die Schlagzeilen kommt und kaum finanzstarke Förderer anlockt. Aber er ist eine Kapazität, eine Universität im Rhein-Main-Gebiet wollte ihn haben und war bereit, dafür ordentlich zu zahlen. Der W3-Professor, 44 Jahre alt, unverheiratet und kinderlos, erhält zusätzlich zur Basisvergütung sogenannte Leistungsbezüge. Im Monat kommt er auf 5953,44 Euro brutto. Und damit zählt er an seiner Hochschule noch nicht einmal zu den Spitzenverdienern.
W-Grundgehälter hemmen Wechsellust
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| "Idiotisch, eine begrüdungslose Gehaltsabsenkung", meckert der emeritierte Historiker Lothar Gall |
Ein Prof. vor dem Namen kann auf ein hohes Einkommen hindeuten, muss aber nicht - das gilt umso mehr seit der Einführung der W-Besoldung im Jahr 2005. Noch sind die Professoren, die nach diesem System entlohnt werden, in der Minderheit: An der Universität Mainz zum Beispiel gelten für 326 von 445 Hochschullehrern weiterhin die Regeln der alten C-Besoldung, und niemand ist gezwungen, ins neue System zu wechseln, solange er sich nicht auf eine andere Stelle bewirbt. Die Lust, dies zu tun, wird nach Ansicht von Kritikern jedoch durch die niedrigen W-Grundgehälter stark gedämpft. Wissenschaftler mit jahrzehntelanger Ausbildung bekämen mitunter weniger Geld als ein Realschullehrer, heißt es. Absolut idiotisch sei das W-Modell, schimpft der emeritierte Frankfurter Historiker Lothar Gall. Die Umstellung erscheint ihm als glatte, begründungslose Gehaltsabsenkung. Sie trage dazu bei, dass das Ansehen des Professorenberufs weiter schwinde und begabter Nachwuchs von der akademischen Laufbahn abgehalten werde.
In den Hochschulpräsidien sieht man das nicht so düster. Es ist absolut falsch, zu sagen, dass die W-Besoldung abschreckend wirkt, meint der Frankfurter Uni-Präsident Rudolf Steinberg. Die Leute, die das behaupten, schauen immer nur auf die Grundgehälter. Wir haben bisher nahezu allen mehr als das Grundgehalt gezahlt. Auch Steinbergs Mainzer Amtskollege Georg Krausch weist den Vorwurf der pauschalen Schlechterstellung zurück: Die Universität versucht immer, angemessene Gehälter zu zahlen. Ich kann schließlich keinen Hochschullehrer für das Gehalt eines Hauptschullehrers einstellen. Der Spielraum, den er bei Verhandlungen hat, reicht Krausch offenbar aus. In den letzten Monaten ist nur selten eine Berufung am Geld gescheitert.
Leistung statt Alter soll sich lohnen
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| W-Löhne sind attraktiv auch für ältere Gelehrte, glaubt der Mainzer Uni-Präsident Georg Krausch |
Eine angemessene Vergütung soll in der neuen W-Welt vor allem durch die Leistungsbezüge sichergestellt werden. Während bei der C-Besoldung das Gehalt mit dem Dienstalter steigt, kann das W-Gehalt nur aufgestockt werden, wenn ein Professor besondere Taten in Forschung oder Lehre vollbringt oder sich in der Verwaltung engagiert. Zudem darf die Hochschule etwas drauflegen, wenn ein begehrter Wissenschaftler berufen oder zum Bleiben bewegt werden soll. Manche Universitäten haben in Richtlinien genau geregelt, was ihnen überdurchschnittlicher Einsatz wert ist. In Marburg etwa gibt es für über die Erfüllung der Dienstpflichten deutlich hinausgehende Leistungen einen Zuschlag von 400 Euro im Monat, für die entscheidende Mitprägung der internationalen Reputation der Universität dagegen 2500 Euro. Die Frankfurter Universität bevorzugt ein anderes System, wie ihr Kanzler Hans Georg Mockel erläutert. Mit den Neuberufenen werde ein Zielgehalt vereinbart, das zu mindestens zehn Prozent evaluationsabhängig sei. Nach drei Jahren werde die Leistung des Professors bewertet. Gehöre er in seiner Gruppe zu den zehn Prozent der Besten, werde der variable Anteil der Bezüge erhöht, zum Beispiel verdoppelt. Die schlechtesten zehn Prozent hingegen verlören ihren Zuschlag.
Die Belohnungs-Idee macht das W-Prinzip nach Meinung der Befürworter auch für ältere Gelehrte attraktiv. Mit 49 Jahren erreicht man in der C-Besoldung die höchste Dienstaltersstufe, erklärt der Mainzer Uni-Präsident Krausch. Im W-System kann dann durch die Leistungsbezüge das Gehalt unter Umständen noch gesteigert werden. Ein freiwilliger Wechsel von C nach W ist nach Auskunft des hessischen Wissenschaftsministeriums ohne weiteres möglich. Bisher hätten nur wenige dieses Angebot genutzt, sagt Kanzler Mockel. Ich stelle aber ein zunehmendes Interesse fest, wegen der Leistungsanreize und auch wegen der höheren Funktionszulagen, zum Beispiel für Dekane. An der Technischen Universität Darmstadt haben sich laut Sprecher Lars Rosumek ebenfalls Professoren von C nach W versetzen lassen. Um wie viele es sich handelt, verrät aber auch er nicht.
Leistungsbezüge sind wissenschaftsfremd
Die Leistungsbezüge missfallen indes vielen Gegnern des W-Systems ebenso wie das Grundgehalt. Geschichtsprofessor Gall sieht die Gefahr, dass das Einkommen eines Wissenschaftlers nicht nur nach objektiven Maßstäben festgelegt, sondern auch von seinem Wohlverhalten gegenüber dem Präsidium abhängig gemacht wird. Eine Einengung der akademischen Freiheit befürchtet auch der Lehrstuhlinhaber mit dem 5900-Euro-Gehalt. Er hat sich nach eigenen Worten geweigert, eine Zielvereinbarung zu unterschreiben, in der geregelt worden wäre, welche Leistungen er bis zu einem bestimmten Termin zu erbringen hätte. Solche Festlegungen sind wissenschaftsfremd. Sie folgen einem Fünfjahresplandenken, jedes spielerische Moment in der Forschung geht dadurch verloren. Der Mann erschien der Uni-Leitung offenbar so wertvoll, dass sie sein Nein in diesem Punkt akzeptierte.
Andere Forscher, denen es an Renommee fehlt oder einfach nur an Verhandlungsgeschick, haben es in der W-Welt schwerer. Sie gehören zu den Verlierern des Systems, ebenso wie die Juniorprofessoren: Ihnen werden keine Leistungsbezüge gewährt, Sonderzulagen sind nur in Ausnahmefällen möglich. Die Mainzer Geothermie-Expertin ist dennoch zufrieden. Ihr gefällt die Freiheit an der Universität, die ihr in diesem Ausmaß kein Unternehmen gewähren könnte. Sie sagt das Gleiche wie der besserverdienende Geisteswissenschaftler: Geld ist mir nicht so wichtig.