Zauberer

Die große Illusion

Von Philipp Eppelsheim

26. Januar 2007 David Copperfield steht auf der Liste der bestbezahlten Unterhaltungskünstler auf Rang 13. Er ist der Superstar unter den Zauberern mit einem Jahresumsatz von rund 100 Millionen Dollar. Auch für andere Zauberer in den Vereinigten Staaten sind Tagessätze von 5000 bis 10 000 Dollar für Vorführungen auf Messen keine Seltenheit.

In Deutschland können Zauberer von diesen Gagen nur träumen. Noch immer haben sie das Image von Ulkvögeln. Doch die Zauberszene in Deutschland verfügt über ein gutes Netzwerk - es gibt einen Dachverband, Zauberkongresse, Meisterschaften und Zeitschriften - und ein paar hundert Zauberkünstler leben von ihren Tricks und Illusionen.

Neun professionelle Zauberer haben sich zusammen mit zwei Semiprofis zusammengeschlossen und sind seit 1994 "Die Fertigen Finger". Seitdem haben einzelne Teammitglieder, die alle auch noch Einzelprojekte durchführen, sechs internationale Preise bei Weltmeisterschaften der Zauberkunst gewonnen, sie hatten Auftritte in Australien und Amerika, sind unter anderen in Las Vegas, dem Mekka der Zauberei, aufgetreten, hatten eine monatliche Kolumne in der weltweit auflagenstärksten Fachzeitschrift "Magic" und haben ein zumindest in Zauberkreisen vielbeachtetes Buch geschrieben.

Der Kartentrick als Einstiegsdroge

Der Münchener Zauberer Thomas Fraps ist der Organisator der Truppe. Das Erlebnis, das ihn zur Zauberei führte, war ein Kartentrick seines Vaters. „Ich dachte, mein Vater ist so cool wie Terence Hill.“ Es folgten der erste Zauberkasten und Bücher. Mit 17 Jahren bekam der heute 39 Jahre alte Zauberkünstler Kontakt zum Magischen Zirkel, dem 1912 gegründeten Dachverband der Zauberkünstler in Europa mit rund 2700 Mitgliedern in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Dessen alle drei Jahre stattfindenden Deutschen Meisterschaften sind ein Sprungbrett zum Profitum.

Fraps besuchte den Ortszirkel in München, nahm an Seminaren und Kongressen teil und stieß so immer weiter in die Zauberszene vor, die, so sein Kollege Gaston alias Reinhold Florian, ein bisschen wie die Mafia ist. „Die sind erst einmal freundlich reserviert, dann zeigt man einen Trick, und es öffnet sich eine Tür. So geht es immer weiter, immer mehr Türen gehen auf.“

Während seines Physik-Studiums hatte Fraps die ersten Auftritte als Zauberer. „Nach meinem Studium wollte ich nur ein Jahr zaubern, aber es hat sich bislang immer um ein Jahr verlängert.“ Die Arbeit als Zauberprofi beschreibt Fraps als Dienstleistungszauberei. In Deutschland gebe es einen Markt für Zauberer, gerade in den vergangenen zehn Jahren habe sich eine Theaterzauberszene mit zahlreichen Hinterhoftheatern, Kabaretts und Varietés in Deutschland entwickelt. Doch sei es notwendig, neben Theaterprojekten, die man als selbstfinanzierte Werbung verstehen müsse, auch für Firmenveranstaltungen gebucht zu werden, um ein Auskommen zu haben.

Firmenfeiern, Geburtstage - des Zauberers Alltag

Vorstellungen bei Firmen, aber auch Auftritte bei Geburtstagen - das ist der Zauberalltag. Ein Alltag, der harte Arbeit ist. Das, was auf der Bühne einfach aussehen soll, muss mühsam einstudiert werden. Bis zu drei Jahre braucht Fraps für einen Trick. Bei dem Fertigen Finger Nicolai Friedrich, der schon als kleiner Junge für Nachbarn zauberte, sein ganzes Taschengeld in Zaubertricks steckte und mit 23 Jahren die Fernsehrechte eines Tricks an David Copperfield verkaufte, können es bis zu fünf Jahre werden. Und das ist noch längst nicht alles. Um die Momente des Unvorstellbaren zu schaffen und die Welt auf den Kopf zu stellen, bedarf es weit mehr.

Zwar gibt es keine Grundvoraussetzungen, um Zauberprofi zu werden. Ganz im Gegenteil: „Je nachdem, welche Voraussetzungen man hat, wird man ein solcher oder solcher Zauberer“, sagt der Jüngste der Fertigen Finger, Pit Hartling. Aber ein Zauberer muss Entertainer mit Präsenz, Humor und Körpergefühl sein. Er muss kommunizieren können, er muss wissen, wie er sich elegant bewegt, und er muss zumindest ein psychologisches Grundverständnis haben. Wissenschaft, Handwerk und Kunst kommen in der Zauberkunst zusammen.

Jörg Alexander, ein weiterer Fertiger Finger, hat sich auf „die Zauberei ganz nah dran“ spezialisiert. Um die Erwartungen seines Publikums zu erfüllen, nimmt er Tanzunterricht, macht Sprechübungen, Sport und übt sich in Schauspiel und Pantomime. „Neben der Freude am Zaubern muss man viel Zeit, Liebe und Geld investieren, damit die Zauberkünste gut werden“, sagt er. Auch Alexander hat wie Fraps mit einem Zauberkasten begonnen, sich Bücher gekauft und so als Autodidakt seine ersten Tricks erlernt. Bis sich ein Zauberer seiner annahm und ihn in einem klassischen Schüler-Lehrer-Verhältnis immer mehr beibrachte. Doch dieser Weg als Zauberlehrling wird immer seltener, kaum Zauberer bilden noch aus.

„Das Herz muss brennen“

Autodidakten sind gefragt. Zauberbücher gibt es unzählbare. Wolfgang Sommer, Präsident des Magischen Zirkels, nennt rund 4000 sein Eigen. Der beschwerliche Weg des Lesens ist unvermeidbar, gleich wenn auch in der Zauberei der Fortschritt Einzug gehalten hat und DVDs und das Internet die Studien einfacher machen.

Gaston, der amtierende Weltmeister der Sprechzauberkunst, ging mit 17 Jahren auf die Münchener Zauberschule und konnte so in die Zauberwelt einsteigen. Mittlerweile ist aus der Zauberschule die Zauberakademie Deutschland geworden. Fast 500 Zaubernde haben den Abschluss an der Akademie von Christiane Havener gemacht. Leute unterschiedlichsten Alters und jeder Berufsgruppe studieren dort die Zauberkunst, vom Manager bis hin zur Hausfrau; und hin und wieder sind auch solche wie Gaston dabei, die später als Profizauberer tätig sind.

In zwei Jahren - aufgeteilt in vier Semester zu je 740 Euro - lernen die Studenten die Grundlagen in den acht Sparten der Zauberei: Party- und Bühnenzauberei, Kartenzauberei, Close-up-Magie, Zauberkunst für Kinder, Mentalmagie, Manipulation, Illusion und Schauspiel. Der Abschluss an der Zauberakademie ist zugleich die Aufnahmeprüfung für den Magischen Zirkel. Profis sind die Absolventen dann noch lange nicht. Aber es ist ein Einstieg. „Das Herz muss brennen, man muss sehr viel üben und sich vermarkten können. Zudem sollte man in allen Zaubersparten fit sein, um Profi zu werden“, sagt Schulleiterin Havener.

Eine Spur liebevoller Wahnsinn

Gaston stieg nach seinem Abschluss in die Wettbewerbsschiene des Zauberns ein. Nach Abitur und Zivildienst ging er auf eine Schauspielschule. Er machte Ballett, Jazztanz und Pantomime. Seine Ausbildung finanzierte er sich mit kleinen Jobs als Zauberer. Nach der Schauspielschule war ihm dann klar, dass er die Bühne zu seinem Beruf machen wollte, und zwar als Zauberer. „Man braucht eine gute Spur liebevollen Wahnsinn“, sagt er. Sonst sei das stundenlange Üben vor dem Spiegel nicht zu bewerkstelligen. Doch der Beruf des Zauberers hat auch seine Vorteile.

„Die große Freiheit ist, dass man sich sein Leben einteilen kann“, sagt Hartling. Und die Abwechslung mache den Reiz aus. Von einem Theaterfestival zu einer Messe und dann in ein Varieté - verschiedene Bühnen, Städte und Länder: immer etwas anderes.

War die Konkurrenz unter Zauberern früher groß und gerade die Bekannten einander feind, so hat sich dies geändert, auch wenn ein Projekt unter Freunden wie „Die Fertigen Finger“ noch immer außergewöhnlich ist. „Unter Zauberern ab einer gewissen Liga ist es unkompliziert. Es gibt kein großes Konkurrenzdenken und man empfiehlt sich weiter“, sagt Hartling. Dies sieht auch Friedrich so, der sich trotz abgeschlossenen Jura-Studiums für die Zauberkunst entschied. Teamarbeit sei fast schon die Regel: „Jeder kennt jeden.“ Nur Laien gegenüber bleibt die Szene verschlossen. Denn wer weiß, wie ein Trick funktioniert, der staunt nicht mehr.

Wie viel „Die Fertigen Finger“ mit ihren Illusionen verdienen, bleibt ebenso ein Geheimnis wie ihre Tricks für den Zauberlaien. Millionäre gebe es unter Zauberern wenige, doch als guter Magier habe man auch ein gutes Auskommen und stünde besser da als viele Musiker, sagt Friedrich. Und Fraps fügt hinzu: „Die Gage ist höher als vermutet, sonst würden mich nach meinen Auftritten die Leute nicht so oft fragen, ob man davon leben kann.“

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.01.2007, Nr. 3 / Seite V17
Bildmaterial: © fotolia.com

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