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Hochschulpolitik Witten/Herdecke soll gesunden Von Jürgen Kaube
Heute beginnen Verhandlungen, die für die erste deutsche Privatuniversität von entscheidender Bedeutung sind. Die Leitung der Universität Witten/Herdecke fährt nach Heidelberg, um dort mit dem Direktorium des Unternehmens SRH (Stiftung Rehabilitation Heidelberg) über dessen Beteiligung an der Hochschule zu verhandeln. Nachdem zuletzt die "International University Bremen" nur durch eine großzügige Zuwendung in Höhe von zweihundert Millionen Euro ihres heutigen Namensgebers Klaus Jacobs gerettet werden konnte (lesen Sie International University Bremen: Harvard ist der Maßstab), zeichnet sich nun die zweite Lösung einer Finanzkrise privater Universitäten in Deutschland ab. In Witten/Herdecke lebt man seit der Gründung vor fünfundzwanzig Jahren in der Spannung zwischen Wirtschafts- und Bildungsinteressen. Nicht etwa, dass die Gesellschafter der Hochschule sich von ihr Gewinne versprochen hätten. Sie hat die Form einer gemeinnützigen GmbH. Aber sie ist finanziell zu knapp dreißig Prozent von Sponsoren und Stiftern abhängig. Und was ein Unternehmer, sei es nun aus dem Hause Bertelsmann oder Oetker, sich unter einer Hochschule vorstellt, mag doch im Einzelfall von den Idealen mancher Hochschullehrer und Universitätspräsidenten abweichen - und tat es in Witten auch. Seitdem die staatlichen Hochschulen ebenfalls stärker um private Unterstützung bemüht sind, ist zudem die Konkurrenz um Sponsoren auf dem begrenzten Feld industrieller Spendierfreudigkeit in Deutschland gewachsen. Zuletzt drohte der Wissenschaftsrat
Zuletzt hatte überdies der Wissenschaftsrat der Universität Witten/Herdecke angedroht, er entziehe ihr die Anerkennung - ehe sie dann doch im Juli 2006 unter Auflagen vollständig akkreditiert wurde. In der Medizin werde zu wenig und nicht gut genug klinisch geforscht, hieß es. Dass die Ärzte aus Witten zu den besten nordrhein-westfälischen Absolventen ihres Faches zählen, schien zunächst so wenig ins Gewicht zu fallen wie die Tatsache, dass es mit der klinischen Forschung in Deutschland insgesamt nicht gut steht. Die Auflagen, die der Wissenschaftsrat machte, zwingen die Universität zu erheblichen Investitionen in die "Versorgungsforschung", also in jene medizinische Studien zur professionellen Arbeit von Ärzten, die sie als besonderes Merkmal pflegen will. Die Rede von drohender Insolvenz, die nach dem Weggang des wissenschaftlichen Geschäftsführers Matthias Schrappe Anfang des Jahres aufkam, mag übertrieben sein. Dass man in Witten schon immer finanziell das Wasser bis zum Hals stehen hatte, ist aber kein Geheimnis. Insofern kann die Nachricht, dass SRH nun dort einsteigt, mit Erleichterung aufgenommen werden, auch wenn die genauen Umstände, unter denen das geschehen soll, erst noch verhandelt werden. Wird der Geldgeber nur veredelt? SRH betreibt Kliniken, Privatschulen und private Fachhochschulen - in Calw, Hamm, Heidelberg, Riedlingen und Gera - mit Studiengängen, die von Architektur und Betriebswirtschaftslehre bis zu Logistik, Musiktherapie und Steuerwesen reichen. Die Reaktionen auf die angekündigte Beteiligung des Dienstleistungskonzerns - mehr als 7000 Mitarbeiter, knapp 500 Millionen Euro Umsatz jährlich - an der Universität sind widersprüchlich. Einerseits heißt es, die Heidelberger wollten ihre Unternehmensgruppe bloß "veredeln". Andererseits fürchten insbesondere die Studenten, dass künftig innerhalb der Hochschule stärker wirtschaftliche Gesichtspunkte geltend gemacht werden. Das eine - die Absicht, mehr als eine weitere Fachhochschule oder nur eine "Professional School" für Mediziner zu besitzen - dürfte dem anderen - der Absicht, Geld zu verdienen - bestimmte Grenzen setzen; und umgekehrt. Außerdem ist die Entgegensetzung von Autonomie und Privatwirtschaft zwar beliebt, darum aber noch nicht informativ. Wenn SRH-Unternehmenssprecher Nils Birschmann gegenüber der deutschen "Financial Times" vor Wochen davon sprach, die Universität und ihre Forschung sollten sich stärker daran orientieren, "was Wirtschaft und Gesellschaft" brauchen, dann lässt eine solche Formulierung ja sinnvollerweise offen, ob nicht das, was Wirtschaft und Gesellschaft brauchen, urteilsfähige und klug ausgebildete Absolventen sind. In den Vereinigten Staaten käme niemand an einer guten Universität auf die Idee, sich etwas anderes vorzustellen und Bildung, die über ein Fachstudium nach Art vieler deutscher Schnellkurs-Bachelors hinausgeht, in einen Gegensatz zu Nützlichkeit zu bringen. Dass die Wittener Schwerpunktsetzung "Pflege- und Versorgungsforschung" einen Konzern interessiert, der aus der evangelischen Diakonie hervorgegangen ist und Krankenhäuser sowie Rehabilitationskliniken betreibt, muss nicht erläutert werden. Als Pointe der Akkreditierungsprobleme, die Witten beim Wissenschaftsrat hatte, mag sich jetzt zeigen, dass "Spitzenforschung" als Bedürfnis der Wissenschaft und "interessante Universität" in den Augen der Privatwirtschaft durchaus inkongruente Begriffe sein können. Es wäre jedenfalls viel gewonnen, wenn die Wirtschaft sich einen erweiterten Begriff von Nützlichkeit zu eigen machen würde und wenn die Hochschulen ihrerseits "Autonomie" nicht mit "so weitermachen wie bisher" identifizierten. Man darf auf das Ergebnis der Heidelberger Verhandlungen darum auch aus hochschulpolitischem Interesse über den Einzelfall hinaus sehr gespannt sein. Text: F.A.Z., 04.04.2007, Nr. 80 / Seite 31Bildmaterial: ddp, dpa/dpaweb
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