Wie bekommt man Bill Gates auf das Podium eines Studentenkongresses? Zumindest nicht mit einer förmlichen Einladung, wie Axel Schmiegelow erfahren musste. Nach mehreren höflichen Absagen änderte er seine Taktik und reiste kurzerhand zu einer Software-Tagung, lauschte dort einem Vortrag des Microsoft-Gründers, um anschließend direkt an ihn heranzutreten. Sonderlich weit kam er zwar angesichts zahlreicher Bodyguards nicht, doch reichte es, um Gates‘ Aufmerksamkeit zu wecken: Let him speak!“
Und Axel Schmiegelow sprach offenbar gut, denn im März 1995 saß Gates tatsächlich neben nationalen Wirtschaftsgrößen wie dem Verleger Hubert Burda oder dem Jenoptik-Chef Lothar Späth in den Räumen der Universität zu Köln und debattierte im Rahmen des World Business Dialogue mit mehreren hundert Studenten über Chancen und Risiken der Informationsgesellschaft.
Mittlerweile müssen die Organisatoren weit weniger Aufwand betreiben, um hochkarätige Teilnehmer zu gewinnen. Manager, Wissenschaftler und Politiker aus dem In- und Ausland nehmen den Termin am Rhein gerne wahr; im Jahr 2001 beispielsweise diskutierten unter anderem die Dax-Vorstände Henning Kagermann (SAP), Hans-Joachim Körber (Metro) und Heinrich von Pierer (Siemens) sowie Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) mit den Studenten über die Zukunft des Internets, vor zwei Jahren stellte sich Deutsche-Bank-Chef Fragen zum Thema Führungskultur. Es sei mit steigendem Bekanntheitsgrad der Veranstaltung schon ein bisschen einfacher geworden, die Referenten zu gewinnen, sagt Minou Maleki. Sie ist zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des elften World Business Dialog, der an diesem Mittwoch beginnt.
Die Gründungsgeschichte ist schnell erzählt: Zwei Wirtschaftsstudenten wollten sich Anfang der achtziger Jahre nicht mehr mit den Antworten begnügen, die ihnen die Professoren gaben. Also schufen sie eine Plattform, die Studenten mit den Entscheidungsträgern des täglichen Geschehens, vor allem aus der Wirtschaft, zusammenbrachte. Die Manager sollten sich dabei nicht hinter einstündigen Vorträgen verschanzen können, um anschließend zum nächsten Termin abzureisen, sondern direkt den Fragen der möglichen Führungskräfte von morgen Rede und Antwort stehen. Der Weltraum als Markt“ lautete der etwas abgehoben klingende Titel der ersten Auflage 1984, die vom damaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher eröffnet wurde.
Mehr als zwanzig Jahre später sind die Inhalte sehr viel lebensnäher geworden. Überschrieben ist die diesjährige Veranstaltung mit Bevölkerungsdynamik“: Am ersten Tag wird es um die gesellschaftlichen Veränderungen durch den demographischen Wandel gehen, am Donnerstag dreht sich dann alles um das konkrete Beispiel Leben in den Megacities“. Vor allem in den dynamischen Weltregionen stehen die städtischen Verwaltungen oft vor großen Problemen: Wie lassen sich Verkehr und Wohnungsbau in Mumbai, Jakarta, São Paulo oder Schanghai künftig noch planen? Unter den 300 Gästen werden Scott E. Carson (Boeing Commercial Airplanes), Hans-Werner Sinn (ifo Institut) und Paul A. Laudicina (A.T. Kearney) sein, die Schirmherrschaft hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) übernommen.
Die meisten Gäste sagen zu, weil sie vom Engagement der Studenten überzeugt sind“, sagt Maleki. Sie gehört zum 35-köpfigen Team des Organisationsforums Wirtschaftskongress (OfW), einem eingetragenen Verein; alles Studenten der Universität Köln, die seit Monaten jeden Tag inklusive der Wochenenden in den Dienst der Sache stellen – unentgeltlich. Die Uni muss da schon ein bisschen leiden“, bekennt Maleki. Weil einige Professoren aber auch dem OfW-Kuratorium angehören, sei ein gewisses Verständnis für die außeruniversitären Aktivitäten vorhanden.
Zusätzlich sind noch 200 freiwillige Helfer im Einsatz. Schließlich sind seit Freitag schon ausländische Studenten in der Stadt, die versorgt werden und ein paar Sehenswürdigkeiten der Domstadt sehen wollen. Rund 300 Studenten dürfen teilnehmen, zwei Drittel von ihnen sind aus dem Ausland angereist. Die Kosten für Flug und Unterbringung trägt komplett das OfW, was einen guten Teil des Budgets von rund 500.000 auffrisst. Alle angehenden Akademiker mussten sich erst qualifizieren, indem sie einen Essay zu einem vorgegebenen Thema aus den Bereichen VWL, BWL oder Sozialwissenschaften verfassten. Eine Jury suchte die 300 vermeintlich besten heraus, wovon ein Großteil aus Asien kommt.
Eines allerdings soll das Treffen in Köln nicht sein, wie die Organisatoren betonen: eine Kontaktbörse für Personaler. Nichtsdestotrotz werden während der zwei Tage viele Kontakte geknüpft, die dem einen oder anderen später einmal zum Vorteil gereichen werden. Und auch ein Engagement innerhalb des OfW hat sich in der Vergangenheit nicht als Nachteil erwiesen, einige der Ehemaligen stehen heute etwa bei namhaften Beraterfirmen unter Vertrag.
Wenn die Veranstaltung am Freitag beendet ist, wird auch das Organisationsteam Abschied nehmen. Denn die zwölfte Veranstaltung 2009 wird eine komplett neue Mannschaft auf die Beine stellen – die nächste Generation von Studenten“, wie Maleki es ausdrückt. So flössen mit jedem Mal neue Ideen in die Veranstaltung ein und bleibe der World Business Dialogue bei den Beteiligten als etwas Besonderes in Erinnerung. Zu vielen der Ehemaligen“ wie Axel Schmiegelow, der heute Geschäftsführer einer Medienagentur in Köln ist, ist der Kontakt jedoch nie abgerissen. Auch Minou Maleki will im Alumni-Netzwerk aktiv bleiben. Zunächst stehen aber wieder VWL-Scheine im Mittelpunkt. Zeit genug hat sie ja bald wieder.
Der World Business Dialogue
- 1984 riefen die beiden Kölner Studenten Uwe Berg und Christian Rast die Veranstaltung als Plattform für eine Diskussion zwischen Studenten und Entscheidungsträgern ins Leben
- ausgerichtet wird das Treffen vom Organisationsforum Wirtschaftskongress (OfW), in dem sich Studenten ehrenamtlich engagieren
- am 28. und 29. März 2007 findet die elfte Auflage mit dem Titel Bevölkerungsdynamik statt; es geht vor allem um die Folgen des demographischen Wandels und das Leben in Megacities
- die Liste der prominenten Gäste ist lang: Scott E. Carson (Boeing), Erich Sixt (Sixt), Bernhard Mattes (Ford Europe), Kasper Rorsted (Henkel) und Richard Pott (Bayer) gehören ebenso dazu wie die Professoren Hans-Werner Sinn (IfO) und Sven Völpel vom Jacobs Center for Lifelong Learning
- teilnehmen werden unter anderem 300 Studenten aus aller Welt und 300 Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik
- Fragen können auch über das Internet gestellt werden, die dann laut Organisatoren direkt an die Diskussionsteilnehmer weitergeleitet werden. Zugang und weitere Informationen gibt es unter www.ofw.de
Text: FAZjobNET
Bildmaterial: Denkwerk, OfW, picture-alliance / dpa, picture-alliance/ dpa