Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) hat am Dienstag seine Arbeitsschwerpunkte als international wettbewerbsfähiges Forschungszentrum vorgestellt. Es handelt sich um einen Zusammenschluss des Forschungszentrums Karlsruhe mit der Universität Karlsruhe (TH), die in der ersten Runde der Exzellenzinitiative gemeinsam mit den Universitäten in München als Eliteuniversität ausgewählt wurde und das KIT als Zukunftskonzept vorgelegt hatte. Vorbilder für das KIT sind sowohl die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) in Zürich als auch das Massachusetts Institute of Technology (MIT), die im 19. Jahrhundert beide nach dem Vorbild der Karlsruher Universität gegründet wurden. Zwischen den beiden Karlsruher Institutionen gibt es eine jahrelange Zusammenarbeit, die nun institutionalisiert werden soll. Damit werden zum ersten Mal außeruniversitäre und universitäre Forschung in einer Institution zusammengeführt. Die übrigen Universitäten beschränken sich zumeist auf Kooperationsverträge.
Die Karlsruher wollen auf diese Weise die besten Wissenschaftler der Welt anlocken sowie neue Maßstäbe in der Lehre und Nachwuchsförderung setzen. So werden sich die Forscher des bisherigen Forschungszentrums auch an der Lehre beteiligen, und schon Nachwuchswissenschaftler können in die Forschung einbezogen werden, wenn sie entsprechend vielversprechende Vorschläge unterbreiten. Bisher sollte es nur eine einzige "Young Investigator Group" geben, nun sind es sieben. Dabei erhalten junge Wissenschaftler für vier bis fünf Jahre Mittel für eine eigene kleine Forschungsgruppe, wobei die Arbeit zwischendurch freilich auf ihre Zukunftstauglichkeit überprüft wird.
Zu den wichtigsten Arbeitsbereichen gehört das zukünftige Zentrum Energie. Das Forschungszentrum war als "Kernreaktor Bau- und Betriebsgesellschaft" 1956 angetreten, den ersten deutschen Kernreaktor zu bauen und die zivile Nutzung der Kernenergie in Deutschland möglich zu machen. In den neunziger Jahren wurde es zu einer der erfolgreichsten natur- und ingenieurwissenschaftlichen Forschungseinrichtungen Europas. Schon bisher flossen 25 Prozent der öffentlichen Mittel in Deutschland für die Erforschung nuklearer Sicherheits- und Endlager, erneuerbarer Energien und rationeller Energieumwandlung und -nutzung an das Karlsruher Forschungszentrum. Die meisten dieser Projekte werden von der Helmholtz-Gemeinschaft betreut, die schon 2004 alle wissenschaftlichen Programme des Karlsruher Forschungszentrums als international führend einstufte.
Zusammengefasst werden die Energietechnologien nun in einer "Karlsruhe International School of Energy". "Das KIT wird zum führenden europäischen Zentrum für Energieforschung und zum führenden Innovationspartner der Wirtschaft", sagte Rektor Hippler, der gleichzeitig die renommiertesten Technischen Universitäten (TU9) führt. Hinzu kommen die Zentren für Nanotechnologie, Elementar- und Astroteilchenphysik sowie für Klima und Umwelt. Insgesamt soll das KIT 8000 Mitarbeiter beschäftigen. Das Jahresbudget beträgt 571 Millionen Euro. Davon übernimmt der Bund wegen seiner Zuständigkeit für Forschungszentren 200 Millionen Euro, weitere 200 Millionen werben die Karlsruher selbst durch Drittmittel ein; das Land ist nur noch mit 30 Prozent beteiligt. Um wettbewerbsfähig zu sein, brauche das KIT dringend Experimentierklauseln, etwa bei Berufungen, die nicht mehr als zwei Monate dauern dürften, vor allem aber selbständige Entscheidungen bei der Bezahlung. Das System der W-Besoldung könne niemanden locken, sagte Hippler. Außerdem will er die Betreuungsrelation deutlich verbessern und erreichen, dass ein Professor sich nur um fünf Nachwuchswissenschaftler kümmern muss. Auch Studenten sollen die Möglichkeit bekommen, sich an Forschungs- und Industrieprojekten zu beteiligen.
Es genüge nicht, innovativ zu sein, die koordinierte Weiterentwicklung von Erfindungen müsse bis zur Patent- und Produktreife führen, sagte der Rektor. Innovation sei auch "Business-Development" - allein in den vergangenen acht Jahren seien 250 Existenzgründungen ("Start-ups") aus Universität und Forschungszentrum hervorgegangen, von denen sich 220 erfolgreich etablieren konnten. Selbstverständlich ist für Karlsruhe auch ein Talent-Transfer zwischen KIT und Wirtschaft. Die Wissenschaftler profitierten von der Industrieerfahrung, weil die Wirtschaft die Interdisziplinarität fördere, und für die Industrie öffneten sich neue Perspektiven und Geschäftsfelder. Karrieren in der Wirtschaft und Wissenschaft dürften sich deshalb künftig nicht mehr ausschließen. Bisher wurden in Karlsruhe deshalb sieben "Shared Research Groups" und sechs "Shared Professorships" eingerichtet, die jeweils zur Hälfte von KIT und Industriepartnern finanziert werden. Eine Stabsabteilung Innovation soll dafür sorgen, dass diese Projekte nicht aus dem Blick geraten. Am Ende des Jahres soll das KIT mit einem Gründungsvertrag offiziell besiegelt werden, der dann von den Aufsichtsgremien sowie dem Bund und dem Land Baden-Württemberg unterzeichnet werden muss. Beraten wurden Universität und Forschungszentrum honorarfrei von der Boston Consulting Group in Düsseldorf.
Vor der vollständigen Fusion gebe es jedoch noch einige rechtliche Fragen, die es innerhalb der nächsten fünf Jahre, also während der ersten Förderperiode des Exzellenzwettbewerbs, zu klären gelte, sagte der Vorstandsvorsitzende des Forschungszentrums Karlsruhe, der bisher in Würzburg lehrende Experimentalphysiker Eberhard Umbach.
Schon jetzt wählen alle elf Fakultäten mit Ausnahme der Fakultät für Bauingenieurwesen ihre Studenten nach unterschiedlichen Methoden selbst aus. Die einen führen Auswahlgespräche, die anderen richten sich nach Motivationsschreiben. Es wäre ideal, wenn die Studentenauswahl künftig von einer zentralen Stelle nach den Kriterien der jeweiligen Fakultät vorgenommen würde, sagt Rektor Hippler, der auch die Geisteswissenschaften in Karlsruhe mit einbeziehen will. Er will darüber hinaus besondere Module für exzellente Studierende mit einem "Master of Honours" anbieten, auch wenn die Universität "leider verpflichtet ist, Bachelor und Master auszubilden", sagte er.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa