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Zukunftsperspektiven

Der seltsame Mannheimer Politologenschwund

Von Kilian Trotier

Vier Professoren für drei Studierende - und nun?

Vier Professoren für drei Studierende - und nun?

12. Oktober 2007 

Das Schreckensbild von Universitäten sah bislang folgendermaßen aus: Überfüllte Hörsäle, auf Stufen und Schwellen und vor Leinwänden sitzende Studenten, die sich eher mit ihrem Nachbarn oder ihrem Computer als mit dem Vortrag des Professors beschäftigen, und eine abschreckende Schieflage im Professoren-Studenten-Verhältnis. Der Kontakt zwischen dem intellektuellen Nachwuchs und ihren Lehrern war höchstens von sporadischer Natur - die Universität verkam zu einem lockeren und ungezwungenen Betrieb, zu dem man nur ging, wenn man Lust verspürte und studierte, wie es einem gerade in den Sinn kam. Dieser Unkultur wollten die leistungserpichten Bildungspolitiker unseres Landes ein für alle Mal einen Riegel vorschieben und ließen im Zuge des Bologna-Prozesses alle Studiengänge auf die verschulten Bachelor- und Masterprogramme umrüsten.

Doch nun gibt es neue Bilder von den Universitäten zu vermelden: In den einstmals überfüllten Hörsälen herrscht gähnende Lehre, das Missverhältnis von Studenten und Professoren hat sich drastisch umgekehrt. Der Ort: Die Universität Mannheim. Der Schauplatz: Masterstudiengang Politik. Ganze drei Studenten tummeln sich in dem zum Wintersemester erstmals angebotenen Programm. Zu Beginn waren es einmal sieben. Drei sind abgesprungen, einer befindet sich zur Zeit in Philadelphia. Drei Studierende also, die vier Vorlesungen (gehalten von vier Professoren) und vier Übungen (angeboten von vier wissenschaftlichen Mitarbeitern) belegen.

Keine Zeit für Werbung

Natürlich sei er enttäuscht über die magere Resonanz, erklärt Jan van Deth, Prodekan der sozialwissenschaftlichen Fakultät. Man habe aufgrund der gewaltigen Umstellung in den Bereichen Bachelor, Master und Graduate School keine Zeit gehabt, Werbung für den Masterstudiengang zu betreiben, und werde nun das geplante Programm auch mit nur vier Studenten wie geplant durchziehen. Die Vorlesungen sind flugs zu Seminaren im Sprechzimmer der Professoren umfunktioniert worden. Wer bei einer solchen Veranstaltung fehlt oder auch nur unvorbereitet ist, fällt sofort auf.

Man könnte diesen unerwarteten Studentenschwund nun herunterspielen und ihn unter der Rubrik "Startschwierigkeiten" abhaken, wenn es an der Universität Mannheim nicht schon seit längerem kräftig im hochschulpolitischen Kampf um die besten internen Zukunftsperspektiven rumoren würde. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit betont der Präsident Hans-Wolfgang Arndt, dass keine Geringere als die "London School of Economics and Social Science" als Vorbild der Universität Mannheim diene. Die Tendenz zu einer wirtschaftswissenschaftlich geprägten Hochschule ging bereits so weit, dass im Programmheft zum einhundertjährigen Jubiläum der Universität in diesem Sommer anstelle eines ökumenischen ein "ökonomischer Gottesdienst" angekündigt wurde.

Und so wäre ein Einbruch der Studentenzahlen wie im Masterstudiengang Politik beim eher ungeliebten Kind Geisteswissenschaften wohl keine Überraschung gewesen. Dieser Sektor musste im Zuge der sogenannten "Profilbildung" starken Aderlass erleiden. Die drei Fachgebiete klassische Philologie, Slawistik und Geographie sind den Umstrukturierungen bereits zum Opfer gefallen, und auch die anderen Bereiche wie die Romanistik würden perspektivisch eher als helfende Hand für die Wirtschaftswissenschaften denn als eigenständige Institute angesehen, beklagt Jochen Hörisch, Professor für Neue Deutsche Literatur und Medienanalyse.

Desinteresse am Aushängeschild

Das schlichte Desinteresse der Studenten erfolgte nun jedoch im Bereich der Politikwissenschaft und damit beim Aushängeschild der sozialwissenschaftlichen Fakultät - einem der Herzstücke des hochschulpolitischen Zukunftsprojekts der Universität. Die Ursache für den Mangel an Interessenten kann demnach nicht aus einer von höchster Stelle verordneten Vernachlässigung des Studienganges herrühren. Stattdessen drängt sich eine ganz andere Erklärung auf, die von mehr als nur lokaler Bedeutung ist. Denn an der Universität Mannheim ist der selbst- gezüchtete Nachwuchs an Politikwissenschaftlern schneller flügge geworden als geplant. Im letzten Sommer hatte die Fakultät die ersten Bachelor-Studenten in die Freiheit verabschiedet, und viele haben dies allzu wörtlich genommen. Sie nutzten den ersten Abschluss, um ihr Master-Glück in einer anderen Stadt und an einer anderen Universität zu suchen. Hört man sich beim nächsten Abschlussjahrgang der Politikstudenten um, wird sich diese Entwicklung nicht umkehren. Besonders beliebt bei allen Absolventen: Der Schritt ins Ausland.

Im dicht gestaffelten Programm des Bachelor-Studiums bleibt nur wenig Zeit für Blicke über den Studienort hinaus. Zugleich wird allerorten das Auslandsstudium und überhaupt "Mobilität" propagiert. Darum entscheiden sich viele Studenten heute dafür, den zweiten Abschluss außerhalb Deutschlands zu erwerben. Früher fiel die Erkundung auswärtiger Universitäten zumeist in die Phase nach dem Grundstudium und war mit einer Rückkehr vor den Magister- oder Diplomprüfungen verbunden. Ob die Studenten heute nach den zwei Jahren im Ausland mit ihrem Mastertitel zurück in die Heimat kommen, ist aber mehr als fraglich - bei guten Fachkräften fragt man nirgendwo mehr nach der Staatszugehörigkeit. Und so könnte Deutschland gerade in der derzeitigen Eingewöhnungsphase von Bachelor und Master, in der viele Professoren sich eher um bürokratische als um forschungsrelevante Fragen kümmern müssen, einen staatlich geförderten Intelligenz-Exodus erleiden. Er würde die Universitäten und die Berufswelt an der empfindlichsten Stelle treffen.

Text: F.A.Z., 05.10.2007, Nr. 231 / Seite 48
Bildmaterial: fotolia.com

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