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Fachkräftemangel

Deutsche Wirtschaft fordert Milliarden für Hochschullehre

Von Anna Loll




16. Juli 2008 
Zur Bekämpfung des Fachkräftemangels haben die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft deutlich mehr Geld für die Hochschullehre gefordert. Bei der Präsentation eines neuen Finanzierungsmodells für die Hochschulen sprachen sich die Verbände am Mittwoch dafür aus, die für die Lehre bestimmten Mittel von derzeit 12,2 Milliarden Euro pro Jahr auf 14,7 Milliarden Euro zu erhöhen. Das Gros der Erhöhung soll durch die bundesweite Einführung von Studiengebühren von 1.000 Euro im Jahr finanziert werden. Sie sollen nicht nur mehr Mittel ins System bringen, sondern auch die Studenten stärker an ihr Studium binden und so lange Studienzeiten und hohe Abbrecherquoten reduzieren helfen.

Allein dadurch erwarten die Verbände - die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) und der Stifterverband für die Wissenschaft, die gut anderthalb Jahre an ihrem gemeinsamen Modell gefeilt haben - zwei Milliarden Euro zusätzliche Einnahmen. Damit die Gebühren aber nicht die ohnehin schon ausgeprägte soziale Ungleichheit in Bezug auf die akademische Ausbildung verstärken, haben die Verbände sich auch Gedanken zu einem Sozialausgleich gemacht: Eine Mischung aus Stipendien und Studiendarlehen, in der Höhe abhängig von der finanziellen Herkunft, soll ein von Eltern und Nebenverdienst unabhängiges Studium ermöglichen. Fünf Milliarden Euro seien dafür nötig, rechnet Hans-Peter Klös vor, der Bereichsleiter Bildungspolitik und Arbeitsmarktpolitik des IW. Finanziert werden sollen sie aus den bisherigen Mitteln für Bafög, Kindergeld und Steuertransfers.

Gutscheinpool für die Studenten

Darüber hinaus schlagen die Verbände einen von Bund und Ländern gemeinsam finanzierten Gutscheinpool von fünf Milliarden Euro vor. Aus ihm sollen die Studenten Gutscheine im Wert von jährlich je 2.500 Euro erhalten, die sie an ihrer Hochschule einlösen. Von den fünf Milliarden Euro sollen die Länder 4,5 Milliarden tragen, der Bund soll mit rund 500 Millionen Euro pro Jahr den Beitrag für ausländische Studenten übernehmen. Dem Modell zufolge profitieren Bund und Länder, wenn sie die Pläne umsetzen. Wenn sie ab 2009 in 20.000 neue Studienplätze im Jahr investierten, sei Fachkräftemangel in zehn Jahren kein Thema mehr, sagte Andreas Hüther vom IW. Die von 2009 bis 2018 zu erwartenden Steuermehreinnahmen durch die zusätzlichen Absolventen wären mehr als fünf Mal so hoch wie die Mittel, die extra in die Hochschulen zu stecken seien. Alles in allem sei so das zu erreichen, was das deutsche Bildungsherz begehrt: Verbesserung der Lehre durch mehr Wettbewerb, sozial verträglich gemacht durch die staatliche Unterstützung finanziell Schwacher.

Den Ministerialbeamten, der aus Bayern ins nieselregnerische Berlin gekommen war, um sich die Vorschläge anzuhören, bringen diese Ideen allerdings in Rage. Erbost schüttelt er den Kopf. „Ein Fonds, in den alle Länder ungleich einzahlen, um dann wiederum ungleich ihre Hochschulen daraus zu finanzieren? Wo bleibt denn da die Bildungshoheit, das Föderalismusprinzip?“ Bayern stehe nicht so gut da, weil es nur die Besten aus anderen Ländern abgreife, sondern weil man selbst viel für sie tue. Nie und nimmer sei es wahrscheinlich, dass man sich derart in die Bildungshoheit reinreden lasse, glaubt er.

Ausbrüche wie diese sind ungewöhnlich bei Veranstaltungen wie diesen. Gewöhnlich höre man sich die Grundthesen an und warte dann irgendwo in einer der mittleren Stuhlreihen immer müder werdend auf den Kuchen in der Kaffeepause, berichtet der Mann aus München. Doch diesmal sei alles ganz anders, spannend seien die sechs Stunden in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften gewesen.

Schülerproteste, Gefühlsausbrüche, Konsenszwang

In der Tat bot die Debatte allerhand Zündstoff: Grundsätzlich, weil eine Vereinigung von Wirtschaftsverbänden ein Modell zur Beseitigung der chronischen Unterfinanzierung der Hochschulen vorstellte, das alle in die Pflicht nimmt, von der Politik bis zum Bürger - nur die Verbände selbst nicht. Außerdem, weil Schüler die Veranstaltung unterbrachen, um theatralisch gegen die Politik des Berliner Bildungssenators zu protestieren. Und schließlich, weil die Beiträge auf dem Podium zwar charmant, aber doch bestimmt auf Konsens getrimmt waren.

Umso hitziger war die Debatte beim Empfang danach. Sie drehte sich etwa um die von den Verbänden als Hauptproblem ausgemachte föderale Struktur der Hochschulfinanzierung. Für die Länder bestehe, so der Tenor der Analyse, zu wenig Grund, in ihre Hochschulen zu investieren. Viel zu wahrscheinlich sei es, dass Akademiker nach ihrem Studium in ein anderes Bundesland abwanderten, dort ihre Steuern zahlten und die Wirtschaft ankurbelten. Deswegen setzten die Länder lieber auf die gut ausgebildeten Absolventen aus anderen Teilen der Republik. Jan-Hendrik Olbertz, Kultusminister von Sachsen-Anhalt, bestätigte dies: Es sei schwierig, seinen Finanzminister zu mehr Investitionen zu bewegen, wenn bis zu 50 Prozent der Akademiker in den neuen, armen Ländern für die alten, reichen ausgebildet würden. Es fehle der Anreiz, die künftigen Fachangestellten Bayerns oder Baden-Württembergs auszubilden. Der vorgeschlagene Finanzierungspool soll das ändern und nach dem Motto „Dem Student folgt das Geld“ mehr Wettbewerb in die tertiäre Ausbildung bringen.

Wohlfeile Vorschläge, aber keine Entscheidung

Im Kern ähnelten die Vorschläge, die Vertreter des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE), der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Heinrich-Böll-Stiftung ihrerseits in Berlin vorstellten, dem Modell von BDA, BDI, IW und Stifterverband. Zentral war immer wieder der Gedanke, dass die Nachfrageseite gestärkt werden müsse und ein Ausgleich zwischen den Ländern angebracht wäre. Andreas Poltermann, Referent für Bildung und Wissenschaft der Heinrich-Böll-Stiftung, stellte einen zentralen Punkt in der Argumentation in Frage - mit seinem Hinweis darauf, dass es keinen nachweisbaren statistischen Zusammenhang zwischen einer hohen Akademikerquote und einem starken Brutto-Inlandsprodukt gebe. Auf dem Podium verhallte der Einwand ungehört.

Was aber wollen die politischen Akteure? Sie können mittlerweile aus allerlei Rezepten gegen die Unterfinanzierung der Hochschulen und den Fachkräftemangel wählen. Vor gut einer Woche etwa hatte schon der Wissenschaftsrat zur Verbesserung der Lehre 1,1 Milliarden Euro pro Jahr zusätzlich gefordert (siehe dazu Wissenschaftsrat empfiehlt 1,1 Milliarden Euro für Qualitätsverbesserungen). Der nordrhein-westfälische Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) warb derweil seinerseits für sein neues Konzept eines nationalen Studenten-Stipendiums. Begabte Studenten sollten mit bis zu 300 Euro monatlich gefördert werden, sagte er im rbb-Inforadio. Dafür sollten Hochschulen für jeden Euro, den sie an Drittmitteln für die Studienförderung einwerben könnten, auch einen Euro vom Staat erhalten. Für die Studentenförderung stünden so pro Jahr zusätzlich rund 130 Millionen Euro vom Bund und 70 Millionen Euro von den Ländern zur Verfügung.

Länderhoheit wird wieder zum Zankapfel

In Berlin machte nun Thomas Gerhard, Leiter der Unterabteilung Volkswirtschaftliche Grundsatzfragen im Bundesministerium für Finanzen, klar, dass der Minister sich all die Vorschläge sicher nur anschaue, wenn sie auch realisierbar seien. Das aber ist angesichts des Konfliktpotentials fraglich. Bayern und Baden-Württemberg sträuben sich am heftigsten dagegen, noch mehr Geld an andere Länder zu überweisen.

„Wieso in einen Bundestopf einzahlen, wenn man auch einfach in sein eigenes Land investieren kann?“, fragte etwa der Rektor der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Karl Dieter Grüske. Erst vor einem Jahr habe die Aufhebung des Hochschulrahmengesetzes den Ländern mehr Autonomie in der Bildungsgestaltung gegeben. Nun wolle man diese schon wieder zurücknehmen? Jürgen Zöllner dagegen, Berliner Senator für Bildung, Wissenschaft und Forschung, gab sich zuversichtlich, dass seine Kollegen im Süden, „wenn sie gut nachdächten“, sich von dem Vorschlag der Wirtschaft überzeugen lassen könnten. Schließlich seien sie ja schon gut positioniert und könnten weiterhin nur dazu gewinnen.

Auch die Wirtschaft will sich engagieren - aber erst später

Auf der Gewinnerseite stünde auch die Wirtschaft, wenn das Modell der Verbände Zustimmung fände. Doch ob sie selbst bei einem künftigen Hochschulpakt eine größere aktive Rolle spielen wird, ist nicht abzusehen. In Berlin war am Mittwoch davon auch nicht die Rede; Hans-Peter Klös vom IW wies stattdessen auf die Verantwortung des Gesetzgebers hin. Er sei in der Pflicht, bei ihm setze man deshalb an. Gäbe es erst einmal einen richtigen Wettbewerb im Hochschulmarkt, seien Unternehmensbeteiligungen im Sinne von Investitionen aber durchaus denkbar.

Gehandelt aber werden muss vorher, die Zeit drängt. 2011 und 2013 kommen noch einmal geburtenstarke Jahrgänge ins Bildungssystem - die bis auf weiteres letzte Chance für Deutschland, einen Schub Akademiker abzugreifen, mahnte Detlef Müller-Böling, der scheidende CHE-Geschäftsführer. Danach macht die demographische Entwicklung bei der Bildungsplanung nicht mehr mit. Die Befürworter der Veränderung sehen darin keine Not, sondern eine Gelegenheit: Das „Optionsfenster“ zum Systemwechsel hin zu einem nachfrageorientierten, wettbewerbsfähigen und finanziell konsolidierten Hochschulwesen stehe jetzt offen. Wenn man sich nicht verzettele.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.
 
 
Lesermeinungen zum Beitrag [7]
Nö! 17.07.2008, 01:21
Zu unserer aller Wohl 16.07.2008, 23:01
Die deutsche Wirtschaft ... 16.07.2008, 18:55
 
   
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