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| Der Kontakt ist nie abgerissen: Alumnus der Klasse von 1918 in Andover, Massachusetts |
20. Juli 2008
Die Zukunft liegt in den Händen der Ehemaligen. Davon ist Christin Wätzel überzeugt. Ihr Zeigefinger tanzt, und die Worte purzeln in englischen Termen, wenn sie von ihrer Arbeit redet: Networking“ und Friendraising“ und so weiter. Sie ist Alumni-Koordinatorin an der Universität Leipzig und Gast auf der Jahreskonferenz der deutschen Alumni-Organisationen in Darmstadt. Wätzel hat eine von vielen neuen Stellen besetzt, die derzeit an deutschen Hochschulen geschaffen werden, um die Zusammenarbeit mit den Absolventen zu professionalisieren. Und während sie an ihrer eigenen Uni noch oft erklären muss, was sie eigentlich macht, träumen einige ihrer Kollegen schon von mehr: von dem Tag, an dem Alumni-Koordinatoren nicht mehr nur die E-Mail-Adressen von Absolventen sammeln, sondern auch deren Spenden. Von dem Tag, an dem die Kontaktpflege zu den Ehemaligen auch Geld einbringt.
Manchmal sieht man schon die Dollarzeichen in den Augen“, sagt Wätzel vorsichtig. Rux Burton, der Gründer der gleichnamigen britischen Unternehmensberatung, formuliert es schärfer: Alumni-Arbeit ist nicht genug. Wir brauchen Fundraising.“ Denn Spenden, das sei die beste aller Ehemaligen-Aktivitäten. Öffentliche Aufmerksamkeit brachten dem Thema die Sammelerfolge einzelner Hochschulen: So sammelte die Uni Bremen im vergangenen Jahr mit Telefonanrufen innerhalb von nur vier Wochen 20.000 Euro bei Ehemaligen ein. Die gleiche Taktik bescherte der WHU Vallander im Januar einen hohen sechsstelligen Betrag. Erstaunlich ist dabei vor allem die Erfolgsquote“, sagt Klaudia Wilde, die als Projektleiterin bei Rux Burton für die Anrufe verantwortlich war. Mehr als die Hälfte der angerufenen Absolventen wollten spenden.“ Schon haben weitere Universitäten Telefonaktionen bei ihr angefragt. Vielleicht sind es nicht immer die hohen Beträge, aber die Konzentration auf die Ehemaligen könnten eine Kontinuität in der Spendeneinnahme schaffen.“ Und das in Zeiten, in denen staatliche Finanzierung an ihre Grenzen stoße.
Und wir wachsen immer weiter
Das Konzept der Alumni-Arbeit ist nicht neu – die Ausmaße sind es schon. Allein die Mitgliederzahl beim Dachverband Alumni-clubs.net ist zwischen 2001 und 2008 sprunghaft angestiegen – von 35 Clubs zwischen Wien und Hamburg auf mehr als 180, 150 davon in Deutschland. Und wir wachsen immer weiter“, sagt Christian Kramberg, der Vorsitzende des Verbands.
Traditionell stricken die Alumni-Organisationen vor allem Netzwerke: Die Absolventen sollen den Studenten Türen zu Praktika und Stellen öffnen, in Vorlesungsreihen und Mentorenprogrammen Berufe vorstellen und Bewerbungsmappen prüfen. Die Büros von Christin Wätzel und ihren Kollegen dienen dabei als Informationsdrehscheiben: Sie sammeln Kontaktdaten, versenden Newsletter, organisieren Jahrestreffen, geben Zeitungen heraus. Auch die Absolventen im Ausland werden nicht vergessen: So koordiniert der Ehemaligenverein der Universität Passau 27 Regionalgruppen, davon 14 im Ausland von Schanghai bis Kinshasa, Absolventen der Freiburger Uni können sich auch in New York bei badischem Wein gemeinsam ihrer Tage an der Dreisam erinnern, die Absolventenvereinigung der EBS in Oestrich-Winkel hat Mitglieder in über 30 Ländern.
Fundraising, das Einsammeln von Geld- oder Sachspenden, hat bislang aber oft nur unkoordiniert und in Einzelfällen stattgefunden. Zwar gab es hin und wieder Großspenden wie die 200 Millionen Euro, die der Kaffee-Erbe Klaus Jacobs 2006 der ehemaligen International University Bremen vermacht hat, doch die wenigsten waren das Ergebnis von Alumni-Arbeit. Fundraising funktioniert natürlich auch für sich allein“, erklärt Markus Langer von der CHE Beratungsgesellschaft. Um Geld könne man ja schließlich jeden bitten, egal ob oder wo er studiert habe. Aber es ist natürlich viel einfacher, wenn die potentiellen Spender eine enge Bindung zur Uni haben. Und hier hilft die Kontaktpflege zu den Absolventen den Unis.“
Fundraising + Alumni-Arbeit = Beziehungspflege
Die Erkenntnis setzt sich durch: Die Universität Heidelberg hat gerade das Fundraising und die Alumni-Arbeit in ein gemeinsames Dezernat Beziehungspflege“ integriert. Durch die Zusammenführung erhoffen wir uns eine Verbesserung der Kommunikation und Betreuung“, sagt Prorektorin Vera Nünning. Auch in Karlsruhe und Hamburg wurden solche Stellen geschaffen. Das Vorbild ist Amerika: Hier organisieren schon seit vielen Jahrzehnten ganze Abteilungen die Verwaltung der Alumni-Daten und den Spendenzufluss. Millionenschwere Werbekampagnen sollen helfen, die Portemonnaies der Ehemaligen zu öffnen. Mit Erfolg: Im Jahr 2007 sammelten die amerikanischen Universitäten nach Angaben des Council for Aid to Education“ fast 30 Milliarden Dollar ein. Mehr als 8 Milliarden gingen direkt auf Alumni-Arbeit zurück.
Erst im April hat eine Spende an die Harvard University bewiesen, wie ertragreich gute Ehemaligen-Arbeit sein kann: 100 Millionen Dollar schenkte Alumnus David Rockefeller seiner alten Hochschule, es war die größte Einzelspende in der Geschichte Harvards. Und dabei liegt Rockefellers Zeit als Geschichts- und Kunststudent mehr als siebzig Jahre zurück. Der Kontakt ist aber nie abgerissen. Schon 1994 halfen beispielsweise Rockefellers Kontakte und insgesamt 25 Millionen Dollar aus seiner Tasche, ein Studienzentrum zur Lateinamerikaforschung aufzubauen, das heute seinen Namen trägt.
Deutsche Hochschulen können von solchen Zahlen nur träumen. Zwar gaben bei einer Umfrage des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) 31 der 36 befragten Universitäten an, sie hätten im Jahr 2006 Spenden eingeworben. Aber nur 17 sammelten mehr als eine Million Euro. An den Fachhochschulen ist die Ausbeute noch schlechter. Hier gaben zwei Drittel der befragten Hochschulen an, weniger als 100000 Euro eingeworben zu haben. Auch der Anteil der Spenden am Gesamtetat ist verschwindend gering. Bei der Hälfte der Unis machten sie nicht einmal ein Prozent der Haushaltsmittel aus. Die Anteile, die direkt aus der Alumni-Arbeit stammen, übersteigen bei keiner Uni 10 Prozent der insgesamt eingesammelten Spenden.
An der schlechten Ausbeute seien die Universitäten oft selbst schuld, kritisiert Christian Kramberg. Viele Unis haben noch nicht begriffen, dass es ein langer Weg von der Alumni-Arbeit bis zum erfolgreichen Fundraising ist.“ Es erfordere Zeit und Geld, bis die Alumni-Arbeit Konten fülle. Schließlich müssten sich die guten Kontakte zwischen Uni und Absolvent erst ausbilden. Die Losung laute deshalb: Friendraising kommt vor Fundraising.“ Mindestens fünf Jahre dauere es, bis sich der Einsatz auch finanziell auszahlen könne. Die beste Alumni-Arbeit beginnt am ersten Studientag und begleitet den Absolventen in allen Lebensphasen“, sagt Kramberg.
Die Universitäten müssen bereit sein, mehr in die Alumni-Arbeit zu investieren“, fordert auch Colin McCallum. Er war einer der ersten Fundraiser in Großbritannien. Mitte der achtziger Jahre begann er, für Bildungseinrichtungen Geld zu sammeln. Heute leitet er eine Abteilung für AlumniManagement und Fundraising an der Caledonian University in Glasgow, das Department of Development“. Neun Mitarbeiter sind ihm unterstellt, für die Betreuung der Datenbanken und die Suche nach potentiellen Spendern. Wie viel Geld sie im Jahr genau einsammeln, mag McCallum nicht verraten. Dass es mehrere Millionen Pfund sind, ist aber kein Geheimnis. Solche Ergebnisse seien auch in Deutschland denkbar, glaubt er. Es ist keine Frage der Kultur, sondern des Einsatzes.“ Und da fehle es deutschen Universitäten noch oft an Konsequenz – und Personal.
Für Christin Wätzel ist Spendensammeln zwar auch eine Option, aber erst in der Zukunft. Dafür habe ich gar keine Zeit“, sagt sie. Bei ihr treffen die Träume vom großen Geld auf die engen Grenzen des Alltags. An der Uni Leipzig ist sie die Erste und Einzige, die hauptberuflich mit der Ehemaligen-Arbeit betreut wurde. Im nächsten Jahr feiert die Hochschule ihr sechshundertjähriges Bestehen, und Wätzel soll die Gästelisten mit Absolventen füllen. Jetzt sucht sie in sozialen Netzwerken im Internet und in Zeitungen nach ihnen. Mal erfährt sie Namen von Absolventen durch Zufall, mal durch Google. Daneben verhandelt sie mit Fakultäten und Ehemaligenvereinen der Fachbereiche über Geld und Datenaustausch. Sie betreut die Homepage, plant die Feierlichkeiten und ein Alumni-Heft. Das füllt schnell den Arbeitstag. Mit den von der Uni beauftragten Spendensammlern tauscht sie kaum Informationen aus. Und überhaupt, ihre Prioritäten sind andere: Mir sind fünf Absolventen, die begeistert von Leipzig erzählen, wichtiger“, sagt sie, als fünf, die je 10 Euro spenden.“