Elitenförderung in Bayern

Mit dem Turbo zur Promotion

Von Sebastian Balzter

Der Süden hat´s besser

Der Süden hat´s besser

21. April 2008 Elite, das sind traditionell wenige. Zum Kern der elitären Eigenschaften gehört die Rarität. Eine Ausnahme von dieser Regel stellt, zumindest sofern man sich streng nach den Vokabeln richtet, die deutsche Hochschul- und Forschungslandschaft dar. Die Exzellenzinitiative hat in ihren beiden Wellen Graduiertenkollegs, Forschungsschwerpunkten und ganzen Universitäten das Elite-Siegel aufgedrückt. Wer dabei leer ausgegangen ist, sucht nach Kompensation.

Noch in diesem Jahr wird das Bundesministerium für Bildung und Forschung in einem „Spitzencluster-Wettbewerb“ neue Förderkandidaten ermitteln, ins Rennen gehen Einrichtungen wie das Kompetenzzentrum für Hörgeräte-Systemtechnik in Oldenburg (Markenname: „Auditory Valley“) und die „Neckar-Alb Medcare Tech-Area“. Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft seinerseits hat im Dezember fünf „kleine Hochschulen“ für ihre Profilstrategien ausgezeichnet - auch Kiel, Rottenburg, Lüneburg, Oldenburg und Nordhausen sind jetzt irgendwie elitär. Die nächste Runde soll eine „Exzellenzinitiative für die Lehre“ sein.

21 Studiengänge und 10 Doktorandenkollegs für die Besten

„Elitenetzwerk Bayern”, ein Erfolgsrezept

„Elitenetzwerk Bayern”, ein Erfolgsrezept

Der Freistaat Bayern, der sich dem Vernehmen nach in vielen Dingen für Deutschlands bestes Stück hält, war auch in Sachen Elite-Akademiker dem Rest der Republik weit voraus. Schon vor fünf Jahren hob der damalige Wissenschaftsminister Hans Zehetmair das „Elitenetzwerk Bayern“ aus der Taufe. Es besteht aus einem Förderprogramm für Hochbegabte, 21 sogenannten Elitestudiengängen und 10 internationalen Doktorandenkollegs.

Deren Konzept dürfte, fernab der inflationären Verwendung des Elite-Begriffs, für die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses tatsächlich einzigartig in Deutschland sein. Woran diese krankt, skizziert für die Volkswirtschaftslehre, als „Bavarian Graduate Program in Economics“ (BGPE) eine der Sparten des Programms, die Erlanger Professorin Regina Riphahn: „Die einzelnen Seminare an unseren Universitäten sind nicht groß genug, um international konkurrenzfähig zu sein.“ Mangels Masse seien zu wenig Spezialisierungen möglich, den Promotionsstudenten fehlten die geeigneten Ansprechpartner, an geeigneten Doktorvätern und -müttern hapere es genauso wie an Gelegenheiten zur fachlichen Diskussion der eigenen Thesen.

Zweimal 12 wirtschaftswissenschaftliche Kandidaten wurden bislang zu dem bayerischen Doktorandenkolleg zugelassen, fünfmal mehr Bewerbungen gab es - aus ganz Europa. Die Ausgewählten steht nun außer einem Promotionsstipendium jeweils ein Zweitkorrektor von einer anderen als der eigenen Hochschule zur Seite, das soll den Blick über die Fakultätsgrenzen hinaus schärfen. Zudem werden die Stipendiaten regelmäßig zu Workshops zusammengerufen, um miteinander und mit anderen bayerischen Doktoranden ihre Themen zu diskutieren. Und zwischendurch können sie an einwöchigen Intensivkursen zu speziellen Themen teilnehmen, von denen im Jahr drei bis fünf angeboten werden.

Breitenwirkung dank offener Kurse

An diesen dürfen auch Studenten teilnehmen, die nicht zu dem Graduiertenprogramm gehören. „So wirkt das Programm in die Breite“, unterstreicht Michael Pflüger, der an der Universität Passau Außenwirtschaft und Internationale Ökonomik lehrt. „Da wird niemand ausgegrenzt.“ Pflüger selbst sagt, er sei nicht zuletzt wegen des Elitenetzwerks aus Darmstadt nach Bayern gewechselt; er stehe nun in viel engerem Austausch mit Kollegen in Regensburg, München und Würzburg, als dies zuvor in Hessen der Fall gewesen sei.

In drei Jahren sollen die Doktoranden fertig sein mit ihren Arbeiten, die zumindest in der Volkswirtschaftslehre nicht mehr als Monographien entstehen, sondern sich aus mehreren Aufsätzen zusammensetzen. Noch schneller zum Doktortitel gelangt in Bayern, wer sich wie Michael Kieweg aus Schwabmünchen gleich für einen von 21 Elitestudiengängen entscheidet, in denen die Promotion zum Teil schon integriert ist. An der Universität Augsburg hat Kieweg das Programm „TopMath - Angewandte Mathematik“ absolviert. Von der Immatrikulation bis zum Abschluss seiner Doktorarbeit über adaptive Finite-Elemente-Methoden, ein Teilgebiet der numerischen Mathematik, genügten ihm gerade mal elf Semester. Mit 25 Jahren hatte er die Promotionsurkunde in der Tasche; das Durchschnittsalter in Deutschland liegt bei 32,8 Jahren.

Jede Woche mit dem Prof unter vier Augen

Den Turbo schaltete Michael Kieweg nach dem Vordiplom ein, als ihm der Einstieg in die „TopMath“-Förderung gelang - im Bewerbungsgespräch überzeugte er wie neun Kommilitonen die Professoren. Auch zu diesem Programm gehören gemeinsame Workshops mit den Doktoranden anderer Hochschulen, ein Stipendium allerdings nicht. Die Studienordnung sieht weniger Vorlesungen und Seminare als im herkömmlichen Hauptstudium vor, dafür mehr unabhängiges, eigenständiges Arbeiten.

„Am wichtigsten aber war, dass ich vom fünften Semester an einen Mentor hatte, der mich unterstützte und früh zur Spezialisierung anleitete“, berichtet Michael Kieweg. Etwa jede Woche habe er sich einmal mit dem betreuenden Professor Ronald Hoppe getroffen, zwischen fünf Minuten und einer Stunde hätten die Einzelgespräche gedauert. „Das hat viel Spaß gemacht und mich schnell in Kontakt mit der Forschung gebracht.“ In einer Forschungsabteilung hat Kieweg auch seine erste Stelle gefunden, seit Februar ist er bei einem Unternehmen der optischen Industrie angestellt.

Das Beispiel macht Schule

Hatte schon das Konzept des bayerischen Netzwerks für viel Aufmerksamkeit und einigen Neid in den anderen Bundesländern gesorgt, bestärken jetzt die ersten Erfolgsgeschichten von Absolventen die Versuche, es anderswo nachzuahmen. Gerade hat Nordrhein-Westfalen die Förderung von 23 Forschungsschulen bekannt gegeben. Auch hier geht es vor allem um ein strukturiertes Programm für die Doktoranden.

Gleichzeitig schreibt Regina Riphahn, die Sprecherin des wirtschaftswissenschaftlichen Doktorandenkollegs in Bayern, am Förderantrag für die Jahre 2009 bis 2011. Das Durchschnittsalter der deutschen Promovierten werden solche Initiativen zwar nicht merklich senken - dazu ist die Zahl der Geförderten, die so eben doch zu einer Art Elite gehören, zu gering. Aber vielleicht halten sie Talente ein paar Jahre länger an Deutschlands Hochschulen. Nach der Promotion werden sie die Adressen der Universitäten im Ausland, die Wissenschaftlern deutlich bessere Arbeitsmöglichkeiten bieten, schnell genug herausfinden.

Weitere Informationen im Internet unter: www.elitenetzwerk-bayern.de

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: fotolia.com

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