Amerika

Ehrenwort vor dem ersten Semester

Von Pia Volk

12. August 2008 Für Julia Ziegler ist das Sweet Briar College eine Art Paradies. Es liegt im weiten Nichts zwischen Washington und den Blue Ridge Mountains. Das Campusgelände des Mädchencollege ist riesig: Dreizehn Quadratkilometer sanft gewellte Hügel, nur vereinzelt sprenkeln Häuschen die Landschaft, in den Bäumen klettern Eichhörnchen. Die Lage allein ist aber nicht das Paradiesische an der Universität. "Wir schreiben unsere Klausuren hier ohne Aufsicht", berichtet Julia Ziegler. "Manche dürfen wir sogar mit nach Hause nehmen."

Take-Home-Exams sind eines der Dinge, die das Sweet Briar College von ihrer Heimatuniversität in Heidelberg unterscheiden. Dort setzt man auf rechtliche Vorschriften gegen Betrug und Plagiate. In Sweet Briar leistet man stattdessen einen Eid. Zwar kennen auch in Deutschland einige Berufsgruppen Ehrenkodices, doch unter den Studenten fehlen solche selbstauferlegten Bestimmungen. In Amerika dagegen sind sie schon längst etabliert.

Stolz auf ihren Ehrenkodex

"Die Studentinnen hier sind stolz auf ihren Ehrenkodex", sagt Julia Ziegler. Sie sitzt an einem der runden Tische in der Mensa, durch die lange Fensterfront des hohen Raums lässt sie den Blick über die grünen Hügel schweifen. Besonders stolz ist man in Sweet Briar darauf, dass sich die Studentinnen selbst um die Einhaltung des Kodex kümmern. Über die Verstöße wacht ein Studentenkomitee - ganz im Sinne von Thomas Jefferson, dem Gründungsvater der Vereinigten Staaten und einstigen Leiter des College William and Mary in Virginia, an dem er Ende des 18. Jahrhunderts den vermutlich ersten akademischen Ehrenkodex einführte. Dort gehört es zur Tradition, nicht nur den Intellekt, sondern auch die Moral schulen zu wollen: Aus kleinen Jungs sollten Ehrenmänner werden. Regeln für ehrenhaftes Verhalten existierten dort schon lange, bevor Thomas Jefferson den Kodex offiziell einführte. Auf ihn aber geht die Vorstellung zurück, dass die Studenten selbst ihre Verhaltensregeln formulieren, ratifizieren und über Vergehen wachen.

Noch heute gilt dieser Grundsatz, am College William and Mary genauso wie in Sweet Briar. Wenn Julia Ziegler und ihre Kommilitoninnen ihre Klausuren bei den Dozenten abgeholt haben, können sie sich damit in einen von fünf Klassenräumen zurückziehen, manche dürfen sie sogar mit nach Hause nehmen - in das Wohnheim auf dem Campus, in dem sich in der Regel zwei Studentinnen ein Zimmer teilen. Auf dem Prüfungsbogen ist vermerkt, wie viel Zeit zur Beantwortung der Fragen zur Verfügung steht. Sich daran zu halten, auch das ist in Sweet Briar eine Frage der Ehre. Eine Freikarte zum Abschreiben sind die Take-Home-Klausuren aber nicht. Denn über das Versprechen, nicht zu schummeln, wachen außer dem eigenen Gewissen auch die Kommilitoninnen: Ihre Klausuren schreiben die Studentinnen zwar ohne Aufsicht des Dozenten, aber gemeinsam in einem Raum. Und jeder ist verpflichtet, Betrügereien zu melden, die Studentinnen überwachen sich also gegenseitig.

Institutionalisierung von Moral - fragwürdig

Jeder passt auf jeden auf - zu diesem Prinzip passt die Idee der Klausur ohne Professor genauso gut wie die "Neighbourhood Watch Areas". Julia Zieglers braune Locken turnen um ihr Gesicht, wenn sie lacht. Doch danach ist der 25 Jahre alten Austauschstudentin beim Gedanken an das amerikanische Sicherheitsverständnis nicht zumute. In Heidelberg studiert sie Latein und Geschichte, hier die amerikanische Kultur - und die Schattenseiten des Paradieses Sweet Briar. "Ich halte eine solche Institutionalisierung von Moral für fragwürdig", sagt sie. Der Kodex führe dazu, dass man weniger Fehler zeige und versuche, Missstände unter den Teppich zu kehren. Den Amerikanerinnen binde man diese Meinung aber besser nicht auf die Nase. Für sie stehe der Eid für eine intakte Ordnung: Seht her, bei uns herrschen noch Sitte und Moral. Kritisch betrachtet, verwandele der Kodex das College jedoch in ein Panoptikum - in einen Raum, in dem niemand ausmachen kann, wann er von wem beobachtet wird.

Im Idealfall jedoch ist eine derart ausufernde Kontrolle nicht nötig, wendet Elke Geenen ein. Die Privatdozentin für Soziologie an der Universität Kiel hat das Wesen von Ehrenkodices untersucht. Eines ihrer Charakteristika ist demnach, dass sie anders als Gesetze von innen heraus wirken. "Sie sind eine Art Selbstkontrolle des Einzelnen", erklärt Geenen. Nicht die Angst vor der Strafe, sondern der Verlust der eigenen Würde soll vom Schummeln abhalten. Mit der akademischen Ausbildung gewinne man Ansehen und Prestige; arbeite man aber mit unlauteren Methoden, sei dies sehr schnell wieder verloren. "Der eigene Wert misst sich an den Maßstäben einer Gruppe", fügt sie hinzu. "Die Ehre ist dabei ein Werkzeug, um sich selbst zu definieren." Solche Werkzeuge seien als Richtschnur besonders wichtig in Zeiten, in denen Identität vollkommen frei sei, jeder Mensch sich neu erfinden könne oder müsse.

Viele Ehrenkodices werden nach Elke Geenens Erkenntnissen nicht explizit ausformuliert. Meist bekomme man sie erst dann zu spüren, wenn man anecke. Nach einer Studie des amerikanischen "Center for Academic Integrity" kommt es an Universitäten mit explizitem Kodex allerdings deutlich weniger häufig zu diesem Anecken als an anderen: Sie verzeichnen demnach ein Drittel bis die Hälfte weniger Täuschungsversuche. In Sweet Briar etwa wurden im vergangenen Jahr nur ein Dutzend Verstöße gegen den Ehrenkodex bekannt, neun davon wurden von Dozenten gemeldet. Die geringe Zahl mag auch an der Größe der Klassen hier liegen.

„Ich glaube nicht, dass sie abschreiben“

Michael Brunelle jedenfalls, der seit vier Semestern Spanisch in Sweet Briar lehrt, ist sich sicher, dass ihm Betrugsversuche auffallen würden. Er kenne seine Studenten; schlechte Studenten, die plötzlich herausragende Klausuren schreiben, seien ihm bislang nicht aufgefallen. Anfangs sei es zwar auch für ihn ungewohnt gewesen, die Studentinnen in seiner Abwesenheit Klausuren schreiben zu lassen. Doch inzwischen hat er sich daran gewöhnt. "Ich glaube nicht, dass sie abschreiben", sagt er.

620 junge Frauen studieren in Sweet Briar, jede hat den Eid geleistet. Die Studentinnen kennen einander, der soziale Druck ist hoch. "Die Mädchen nennen ihr College Pink Bubble", berichtet Julia Ziegler - als ob sie in einer Seifenblase lebten. Der Vergleich hat einiges für sich: Knapp 20 Kilometer sind es bis in die nächste Stadt, aber es gibt keinen Bus, der einen dorthin bringt. Der Großteil der Studentinnen lebt auf dem Campus; alles, worüber sie reden, passiert irgendwo zwischen den grünen Hügeln. Die Welt endet am Pförtnerhäuschen.

Doch an der Studentenzahl und der Abgeschiedenheit allein kann es nicht liegen, dass ein Ehrenkodex offenbar so viele vom Spicken abhält. Die University of Virginia hat 16 000 Studenten, auch dort schwört man auf den Ehrenkodex. Michael Brunelle, der in Madrid und New York studiert hat, versucht sich an einer anderen Erklärung: "Spanier fragen nach der Rückgabe einer Klausur: Was hat der Professor dir gegeben? Amerikaner dagegen fragen: Was hast du dir verdient?" In Amerika sei jeder ein Einzelkämpfer, während in Spanien die Klasse gegen den Dozenten kämpfe - den Amerikanern mangele es an diesem Zusammenhalt. Elke Geenen, der Soziologin aus Kiel, sind solche Beobachtungen nicht fremd. "Durch ihre hohe Mobilität und Flexibilität entwickeln Amerikaner weniger tiefgehende Bindungen, es entsteht kein so enger Sozialverbund", sagt sie.

Bald auch in Deutschland?

Ehrenkodices könnten ihrer Ansicht nach aber bald auch an deutschen Universitäten erforderlich sein. Unter den Bachelorstudenten gebe es eine Tendenz, sich mit wenig Arbeitseinsatz und noch weniger Begeisterung durch das Studium zu schleppen. Dozenten müssten deshalb viel sorgfältiger als früher prüfen, ob eine Arbeit ein Plagiat ist.

Julia Zieger glaubt nicht, dass eine Selbstverpflichtung daran etwas ändern würde. Sie hat erlebt, wie die Studentinnen in Sweet Briar um die Länge von Hausaufgaben feilschen. Manchmal würden sie zu Prüfungen gar nicht erst erscheinen, weil ihnen der Lernaufwand zu hoch sei. "Der Ehrenkodex ist kein Mittel gegen Faulheit und Unmotivation", sagt sie. Zumindest bis zum Abschluss ihres eigenen Studiums, hofft sie, werden deutsche Hochschulen ohne Eid auskommen.

Schwören statt Schummeln

Wie weit Ideenklau und Schummelei an deutschen Hochschulen verbreitet sind, lässt sich nur schätzen. Experten gehen jedoch davon aus, dass quer durch alle Fachbereiche bis zu einem Drittel aller studentischen Arbeiten zumindest teilweise Plagiate sind.

Diesen Eid legen die Studentinnen am Sweet Briar College ab: „Sweet Briar women do not lie, cheat, steal, or violate the rights of others. Therefore, I pledge to uphold all standards of honorable conduct. I will report myself and others for any infraction of this pledge.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Tresckow

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
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