„Aufschieberitis“

Arbeitstyp erkannt, Zeitproblem gebannt

Von Ursula Kals

„Aufschieberitis“: Arbeitstyp erkannt, Zeitproblem gebannt
29. August 2006 

„Nie war meine Studentenbude sauberer als während meiner Examenszeit“, sagt der Juraprofessor und lacht. Statt über dem Staatsrecht zu brüten, widmete er sich hingebungsvoll der Kachelpflege oder Sockensortierung. Hauptsache, um den Schreibtisch einen Bogen schlagen. Unangenehmen Aufgaben entzieht man sich mit Routinekram. Der Mann hat seine Aufschieberitis in den Griff bekommen. Aber viele tun das nicht. „70 Prozent aller Studenten haben Probleme mit der Zeitplanung. Und viele plagen sich damit auch später im Berufsleben“, sagt der Duisburger Diplompsychologe Andreas Josef Hermanns.

Allerorten tummeln sich Verzögerer und jene, die nach der Devise vor sich hin wurschteln: Was du heute kannst besorgen, das verschieb' auf übermorgen. Je näher die Prüfung, der Abgabetermin oder die Präsentation für den Großauftrag kommen, um so schneller scheint die Zeit zu rasen. Sich ihre Zeit klug einzuteilen, das überfordert viele. In der Schule haben das die meisten nicht gelernt: Zwei durchpaukte Nachmittage, und die Klausur war im Kasten.

Wer hilft bei der Fußnotenverwaltung?

Lediglich die Abiturprüfungen gaben einen Vorgeschmack auf das, was im Studium erwartet wird - nämlich über eine längere, Monate dauernde Strecke einen umfangreichen Stoff zu erarbeiten und am Tag X abrufbereit zu haben: Die Zahl derjenigen, die ihre Diplomarbeit lässig Tage vor dem Termin eingereicht haben, ist überschaubar. Die meisten haben das punktgerechte Arbeiten nicht eingeübt: Da ist auf der Schlußstrecke der Drucker kollabiert, der Rechner abgestürzt. Wer richtet jetzt den Druckertreiber? Wer hilft bei der Fußnotenverwaltung?

Und wieder wird die Nacht durchgearbeitet, obgleich man hundemüde in die Kissen sinken mag und das komplizierte Schlußkapitel ohnehin nur noch zusammenschustern kann. Dumm nur, daß manche Professoren gerade dem letzten Kapitel beim Querlesen große Aufmerksamkeit schenken. Natürlich ist es längst fünf vor zwölf geworden, und jetzt zählt jede Stunde. Ganz Schlaue rasten früher zur Post und ließen sich einen Blanko-Umschlag frankieren - so stimmte die Frist, war ja egal, daß der Umschlag erst drei Tage später losgeschickt wurde. Heute streikt die Post und macht da nicht mehr mit.

„Studenten stehen unter größerem Druck“

Schöner werden Studium und Arbeitsleben durch solche stressigen Aktionen jedenfalls nicht. Zeitmanagement ist ein alberner Begriff, der aber beharrlich durch die Ratgeberliteratur geistert. Denn die Zeit vergeht, unabhängig davon, was wir in ihr tun. Das einzige, was man managen kann, ist sich selbst. Also geht es um kluges Selbstmanagement. Daß diese Fähigkeit gerade an den Hochschulen gefragt ist, davon ist Andreas Josef Hermanns überzeugt. „Studenten stehen in den letzten Jahren unter größerem Druck. Curricula und Bachelor- und Master-Umstellung verlangen eine deutliche höhere Parallelität bei Aufgaben.“ Sein Schwerpunkt ist allerdings die Erwachsenenbildung und hier die Zeit- und Selbstorganisation von Führungskräften.

Die gängigen Techniken, um das Bummelantentum auszubremsen, kennt er zur Genüge. Und er kennt all die guten Vorsätze, die dann im Nichts versanden. Erfolgsentscheidend sei eine realistische Selbsteinschätzung. „Man muß die eigene Persönlichkeit und seine Werte kennen, um dann die Techniken der Zeitplanung für sich stabil zu integrieren.“

„Kommen Sie sich selbst auf die Schliche“

Seine Berliner Berufskollegin Brigitte Scheidt sieht das Thema ähnlich: „Kommen Sie sich selbst auf die Schliche, und fragen Sie sich, welche Erfahrungen Sie mit Lernen und konzentriertem Arbeiten gemacht haben. Wann kann ich gut lernen, morgens oder abends, zu Hause oder in der Bibliothek, alleine oder mit anderen? Bin ich jemand, der eine feste Struktur braucht, oder kann ich aus der Situation heraus lernen, nach dem persönlichen Lustprinzip, wohl wissend, das hat immer geklappt.“

Die Gruppe der passionierten Aufschieber sei völlig heterogen, sagen beide Psychologen. Da gibt es den totalen Perfektionisten, der alles so supertoll machen möchte, daß er aus lauter Sorge, nicht perfekt zu sein, gar nicht erst anfängt, die sprichwörtliche Angst vor dem leeren Blatt hat. Genauso aber die „absolut faule Socke“, wie Hermanns sagt. Beide aber kommen nicht zu Potte, sondern umgehen den Schreibtisch weiträumig und unverrichteter Dinge.

Frauen tun sich grundsätzlich schwerer mit Neinsagen

Brigitte Scheidt hat beobachtet: „Es gibt diejenigen, die mit Druck gar nicht klarkommen und unter Zeitdruck quasi implodieren, da zieht bei manchen eine Art Nebel im Kopf ein, so daß sie nicht mehr klar denken können. Solche Menschen brauchen klare Strukturen, klare Ziele, einen Abgleich, was muß bis wann fertig sein. Hier hilft ein fester Tagesrhythmus, den zum Beispiel Thomas Mann sein Schriftstellerleben lang beherzigt hat. Andere wiederum können mit so einem Plan gar nicht umgehen und fühlen sich eingeengt.“

In Studentenkreisen verbreitet sind auch jene mit Persönlichkeitsanteilen, die nicht nein sagen. „Sie sind viele Verpflichtungen eingegangen, treiben Sport, pflegen Hobbys und sind auf Stand-by-Position für Freunde, Partys und Umzüge. Sie entwickeln hohe Aktivität bei allem, wo kurzfristig Erfolg sichtbar ist. Leider haben sich beim Thema Referat oder Hausarbeit noch keinen Millimeter bewegt“, skizziert Hermanns. Wer sich fragt, warum er eine Sache nicht umgesetzt bekommt, der sollte Ursachenforschung betreiben. So tun sich Frauen grundsätzlich schwerer mit dem Neinsagen und lassen sich auch noch das nächste Protokoll aufdrücken. „Wer harmonieorientiert unterwegs ist, der läßt mehr mit sich machen und sollte sich fragen: Wo muß ich vermitteln, daß ich mich verändere und nicht mehr für alles und jeden zur Verfügung stehe?“ sagt Hermanns.

„Der Zeitpuffer sollte 40 Prozent betragen“

Feste Abmachungen mit anderen können helfen, Termine einzuhalten. „Es ist gut, vor anderen, dem Partner oder Freunden, also relevanten Dritten anzukündigen, bis morgen habe ich diese Aufgabe erledigt. Durch solche Selbstverpflichtung werden Verbindlichkeiten hergestellt“, sagt Karriereberaterin Scheidt.

Lieblingsthema der Zeitexperten ist die Reserve. „Der Zeitpuffer sollte 40 Prozent betragen“, sagt Hermanns. Zu oft lassen sich spontane Dinge nicht vorhersehen, ob da ein Kollege einen Rat braucht oder es ein spontanes Arbeitsgruppentreffen gibt. „Das muß man einplanen, es sei denn, man ist depressiver Single oder Workoholic und bereit, auch noch am Wochenende 150 Prozent zu leisten.“ Längst befaßt sich auch die Wissenschaft mit dem Aufschiebeverhalten, der Prokrastination. Gemeint ist eine handfeste Arbeitsstörung und nicht der Kampf gegen die Uhr, der ein Leben lang währt. Es gibt nicht wenige Journalisten, die bekennen: Gäbe es keinen Redaktionsschluß, erschiene nie eine Zeitung. Und beim leidigen Thema Steuererklärung und Fristverlängerung jammern die meisten gerne mit. Aber morgen ist auch noch ein Tag...

Kampf dem Bummelantentum

Mit folgenden Tips läßt sich das Zeitproblem besser in den Griff bekommen:

- Große Projekte in kleine Aufgaben unterteilen, das nimmt umfangreichen Arbeiten den Schrecken

- To-do-Liste und Planungsprotokoll schreiben und Punkte großzügig durchstreichen, wenn sie erledigt sind

- Prioritäten setzen und Abc-Aufgaben festlegen - also sofort erledigen, bald erledigen, später erledigen

- Realistisch einschätzen, was wieviel Zeit kostet

- Zeitpuffer großzügig einrichten - diese sollten mindestens 40 (!) Prozent umfassen

- Sich mit sich selbst verabreden und fürs Arbeiten einen ruhigen Raum suchen

- Eisernes E-Mail-Fasten verordnen und nur einmal am Tag hineinschauen

- Keine Angst vor dem leeren Blatt. Einfach in der Mitte beginnen, wenn es mit dem Anfang nicht klappt. Jede Reise fängt mit dem ersten Schritt an, sagt Konfuzius.

- Bei der Aufgabenplanung den eigenen Biorhythmus und Leistungskurven beachten

- Erst nach einer Aufwärmphase wichtige Aufgaben vorknöpfen

- Nach den Mahlzeiten eher leichtgängige Dinge und Routinearbeiten erledigen

- Schreibtisch leer räumen und sich ganz offiziell für das Geleistete belohnen. Und: Freizeit ist Freizeit.

Text: F.A.Z., 26.08.2006, Nr. 198 / Seite 51
Bildmaterial: F.A.Z.-Tresckow

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