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Lehrerausbildung Referendare im Praxisschock Von Anna Loll
Messerstechereien, Mobbing, unverhohlene Drohungen gegen Lehrer – die Nachrichten aus den Schulen versetzen so manchen Lehramtsstudenten in Angstzustände. Selbst wenn es dann in der Realität nicht ganz so brutal zugeht, kommen viele auch beim ersten Kontakt mit einer Schulklasse ins Schwitzen. Du stehst da vorne und bekommst bestimmte Klassen einfach überhaupt nicht ruhig. Ein Alptraum“, bekennt etwa eine Referendarin, die ihren Namen nicht nennen möchte. Zwölf Stunden in der Woche unterrichtet sie an einer Gesamtschule in der Nähe von Frankfurt am Main. Prinzipiell mache ihr das Unterrichten sehr viel Spaß, sagt sie. Doch als sie frisch aus der Uni kam, erlitt die angehende Englisch- und Kunstlehrerin einen regelrechten Praxisschock. Das ist ihre Klasse: Ein Junge, der ständig von aufgespießten Menschen erzählt, ein anderer, der einfach nur den Kopf auf den Tisch legt und unaufhörlich mit den Fäusten trommelt, statt ihre Anweisungen zu beachten. Und eine Siebtklässlerin konfrontiert sie regelmäßig mit Sätzen wie diesen: Wie sehen Sie denn wieder aus! Ist der Pulli aus dem Museum?“ Zwar habe sie an der Uni ein Seminar zum Umgang mit Schülern gehabt, berichtet die Referendarin. Aber erst in der Schule selbst werde einem klar, was der Lehrerberuf eigentlich bedeute. Weder das Studium noch das Studienseminar während des Referendariats bereite darauf adäquat vor. Das geht beides an der Praxis total vorbei“, kritisiert die junge Frau. Gefühlte Welle der Gewalt Eine besondere Form von Praxisnähe will nun ein Seminar vermitteln, das die Denkzeit-Gesellschaft, ein Verein zur Förderung der psychosozialen Arbeit mit jungen Menschen, seit Februar in Berlin anbietet. Das Aggressionstraining für Lehrer“, entwickelt von Jürgen Körner, einem Professor für Sozialpädagogik-Delinquenzforschung an der Freien Universität, ist fast komplett ausgebucht. Lehrer und angehende Lehrer haben also offenbar durchaus das Bedürfnis, sich gegen potentielle Aggressoren zu rüsten – auch wenn die Zahl der Gewalttaten an Deutschlands Schulen zuletzt eher abgenommen hat. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung verzeichnete 1997 noch 15,6 gewaltassoziierte Unfälle je 1000 Schüler. 2006 waren es 10,5. Noch deutlich seltener kommt es zu Gewalttaten direkt gegen Lehrer. Jürgen Körner, 64 Jahre alt und Psychoanalytiker, zählt neben der zumindest gefühlt zunehmenden Aggressionsquote auch Verständigungsprobleme sprachlicher und kultureller Art zu den Situationen, mit denen Lehrer nach der Teilnahme an dem Seminar besser umgehen können sollen. In manchen Klassen seien bis zu 80 Prozent der Schüler Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund. Dass der Bologna-Prozess die Beschäftigung mit Psychologie und erziehungswissenschaftlichen Methoden im Studium reduziert habe, sei in dieser Situation nicht hilfreich. Vor allem mache aber die Verständnispädagogik Probleme, die in den Köpfen vieler Lehrer stecke. Wirklich schwierigen Schülern sei so nicht angemessen zu begegnen. Man muss aggressiven Jugendlichen die Konsequenzen für ihr Handeln aufzeigen, wenn man will, dass sie Verantwortung übernehmen“, sagt Körner. In den neuen Lehramtsstudiengängen komme die Didaktik zu kurz, da stimmt Körner sein FU-Kollege Gerd Hoff zu. Viel zu wenig Zeit und viel zu verschult“, kritisiert der Professor am Arbeitsbereich interkulturelle Erziehungswissenschaft die Bachelor-Studiengänge. Auch die je nach Universität angebotenen Praxissemester brächten da nur wenig Abhilfe. Was jedoch die viel diskutierte Gewalt und verbalen Aggressionen an der Schule betrifft, sei die Situation nicht schwieriger als früher. In manchen Ballungsgebieten von bildungsfernen Schichten vielleicht. Vor allem zugenommen aber hat unsere Bereitschaft, so etwas zu messen.“ Immer nur freundlich sein, das funktioniert nicht Vielleicht liegt das Problem also ganz woanders. Nach einer Untersuchung der Universität Potsdam fühlt sich nicht nur ein Drittel der Lehrer überfordert. Auch 40 Prozent der Lehramtsstudenten weisen demnach schon problematische Verhaltens- und Erlebensmuster auf. Vor allem fehlen ihnen Stressresistenz, ausreichendes Selbstvertrauen und Überzeugungskraft. Gerade diese Eigenschaften aber identifiziert die von den Professoren Uwe Schaarschmidt und Ulf Kieschke geleitete Studie als zentrale Kriterien für die Frage, ob jemand für den Lehrerberuf geeignet ist oder nicht. Viele Studienanfänger berücksichtigten für ihre Berufswahl aber vor allem ihre Freude am Umgang mit den Kindern. Deshalb haben die Potsdamer Psychologen einen Eignungstest entwickelt, mit dem ein Student online ausprobieren kann, ob sich der Lehrerberuf für ihn wirklich empfiehlt. Es ist ein Problem, dass die Universität einen Abiturienten nur aufgrund der mangelnden Leistung abweisen kann“, findet Jürgen Körner. Von den Studenten in seinen Vorlesungen seien sicherlich 5 bis 10 Prozent für den Beruf des Pädagogen nicht geeignet, schätzt er. Immer nur freundlich zu sein, das funktioniere in der Schule eben nicht. Ein Lehrer müsse alles andere als konfliktsscheu sein und sich klar abgrenzen können. Diese Voraussetzungen könnten Psychologen in Interviews mit Studienanfänger nachprüfen, jedenfalls in der Theorie. In der Praxis aber sei das wegen der großen Zahl von Lehramtsstudenten eher utopisch. Gerd Hoff bezweifelt seinerseits grundsätzlich die Brauchbarkeit solcher Tests. Auch wenn mehr Praxisbezug der Ausbildung gut tun würde, wirklich vorbereiten auf den Schulalltag könne ein Studium nicht. Man braucht den Praxisschock“, sagt Hoff. Ob ein Lehrer gut sei oder nicht, das zeige sich eben immer erst vor der Klasse.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
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