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Manieren an der Uni

Ohne Handy in den Hörsaal

Von Anna Loll



Wie locker darf das Campusleben sein?
27. Juni 2008 
Jan Matalla schüttelt seinen schwarzgelockten Kopf in der Berliner Sommersonne. "Specta - was?", fragt er. Dass ein Dekan korrekt mit dem Titel Spectabilis angesprochen werde - noch nie gehört. Den 28 Jahre alten Studenten der Sozialwissenschaften erinnert diese an traditionsbewussten Universitäten im Schriftverkehr noch immer gebräuchliche Anrede höchstens an eine lang zurückliegende graue Vorzeit. Spielen Umgangsformen und Etikette an der Universität überhaupt noch eine Rolle?

Zumindest bisweilen kommt es Herfried Münkler so vor, als seien Manieren kein Thema mehr. Der Professor für Theorie der Politik an der Humboldt-Universität in Berlin kritisiert besonders die "konsumptive Grundhaltung" vieler Studenten. "Es ist aus dem Blick geraten, gemeinsam an etwas zu arbeiten", sagt er. Manche Studenten betrachteten Lehrveranstaltungen stattdessen unter dem Motto der Nutzenmaximierung: Solange es interessant sei, bleibe man. Schwinde das Interesse, verlasse man eben den Raum.

Die Flasche ständig am Hals

Politologe Münkler: "konsumptive Grundhaltung"

Eine Unart, findet Münkler. Genauso wie das unaufhörliche Trinken von Selters, Volvic und Konsorten. Selbst mitten in ihrem eigenen Redebeitrag setzten manche die Flasche an den Hals. Das lenke nicht nur vom Gespräch ab. Es habe auch die Folge, dass die Studenten regelmäßig austreten müssten. In einer Vorlesung mit 200 Zuhörern sei das fatal. Die Stühle knarrten, lautstarkes Durchdrängeln durch die langen Reihen folge. "Die gesamte Aufmerksamkeitsstruktur bricht dann zusammen. Darüber machen sich die Studenten oft gar keine Gedanken", wettert der Professor. Manchmal wünsche er sich in Hegels Zeiten zurück: Der Schwabe habe während seiner Vorlesungen in Berlin vom Hausmeister den Raum abschließen lassen. Das war vor fast 200 Jahren. Wegen der modernen Feuerschutzbedingungen sei das heute leider nicht mehr möglich, setzt Münkler schalkhaft hinzu. Er setze deswegen weiterhin auf Artikel 1 des Grundgesetzes - und darauf, mit Respekt und nach dem Grundsatz der Gegenseitigkeit behandelt zu werden. "Ich bemühe mich, nicht zu spät zu kommen, die Studenten auch. Ich bereite mich auf die Veranstaltung vor, die Studenten ebenso."

Im Prinzip ist Jan Matalla da völlig einig. "Klar ist, dass der Professor die Regeln festlegt", sagt er. Natürlich zolle man den Lehrenden auch Respekt. Ob der Professor aber an die gleichen Details denkt wie der Student? Respekt nämlich zeigt sich nach dessen Ansicht schon dadurch, dass man sich bemühe, während einer Diskussion nicht das Mobiltelefon "Jingle Bells" klingeln zu lassen. Oder indem man dem Dozenten nicht einfach den Rücken zudrehe.

„Laptops im Seminar sind einfach unmöglich“

Natürliche Feinde des Dozenten

Ob sich ein Student im Hörsaal ganz nach hinten oder in eine der ersten Reihen setzt, schon darin sieht Matalla allerdings ein Signal dafür, wie sehr jemand bereit sei, sich einzubringen. Wer mit aufgeklapptem Laptop während des Seminars durch das Internet surfe, bei dem sei diese Bereitschaft offenbar verkümmert. Zum Mitschreiben während einer Vorlesung sei das muntere Tippen vielleicht noch zu verstehen. "Aber Laptops im Seminar sind einfach unmöglich. Die offensichtlich fehlende Aufmerksamkeit nimmt dem Ganzen den Wert", findet der Mecklenburger. Denn darin sieht er den eigentlichen Wert, den Manieren an den Hochschulen des 21. Jahrhunderts noch haben: In den meist sowieso überfüllten Veranstaltungen gehe es darum, nicht alles noch schwieriger zu machen, als es ohnehin schon sei.

Dass gegenseitige Rücksichtnahme bisweilen aber eben mehr Wunsch als Realität ist, hat auch Jan Miosga erlebt. Immer wieder muss der 26 Jahre alte Jurastudent aus Berlin sich Bücher aus dem Magazin der Bibliothek oder aus den Sammlungen der einzelnen Lehrstühle besorgen, weil aus den Lesesaal-Exemplaren die entscheidenden Absätze herausgerissen worden sind. Kollegialität sollte selbstverständlich sein, hoffte Miosga zu Beginn seines Studiums. An seiner Universität in Frankfurt am Main sei davon wenig zu spüren gewesen, sagt er heute. "So viel Konkurrenz ist schon enttäuschend."

Auf Highheels durch den Lesesaal

"Nur noch mit Ohrstöpsel im Lesesaal"

Nicht enttäuschend, sondern einfach nur unangemessen findet er Stöckelschuhe in der Bibliothek - auch dies sei eine Art, nicht an die Kommilitonen zu denken. Er selbst sei irgendwann nur noch mit Ohrstöpseln in den Lesesaal gegangen. Den meisten gehe es - zumindest in seinem Fach - eben nicht vor allem darum, sich Wissen anzueignen. Elegant auszusehen, das sei wichtig für die Mehrheit an seiner Fakultät.

Etwas gemischter geht es, zumindest hinsichtlich der Kleidung, im Studiengang Sozialpädagogik an der Frankfurter Fachhochschule zu. "Vom neusten Trend bis zur Gothikmode ist bei uns alles vertreten", sagt Daniel Krieg, der dort gerade seine Diplomarbeit schreibt. Es sei wichtig, dass man sich wohl fühle. Entsprechend kleidet er sich auch selbst. Ob er für die Prüfung Kapuzenpulli oder Sakko anziehe, suche er sich je nach Stimmung aus. "Wichtig ist es doch, dass man authentisch ist", findet er. Doch auch seine Liberalität hat ihre Grenzen. Sehr nervig sei es, wenn ein Kommilitone im Seminar andere mit endlosen Monologen beglücken zu müssen glaube. "Wenn man nichts zu sagen hat, sollte man sich besser zurückhalten", rät Miosga.

Offensichtlich kein Interesse

Wie viel Etikette braucht die Hochschule? So wenig wie möglich, sagt Professor Bengt-Arne Wickström vom Institut für Finanzwissenschaften der Humboldt-Universität. An deutschen Universitäten sei die Atmosphäre auch heute noch viel zu formal, findet der Schwede. Dies sei der wissenschaftlichen Arbeit, die möglichst flache Hierarchien und Freiheit brauche, nicht förderlich. Gewiss gebe es aufdringliche Studenten, die man als Dozent ungern ertrage. Einmal habe er einer Studentin den Zugang zu einer Prüfung verwehren müssen, woraufhin er einen Zettel mit der deutlichen Nachricht "Sie werden sterben!" von ihr bekommen habe. "Liebesbriefe sind mir lieber", sagt Wickström augenzwinkernd; ernst nehme er beides nicht. Freundlich und ehrlich wünscht er sich die Studenten, weitergehende Respektsbekundungen seien ihm unangenehm. "Diese Ehrfurcht! Viele Studenten haben fast Angst vor dem Professor."

Status durch gute Wissenschaft, nicht durch teure Autos

Eine andere Gefährdung für ein gedeihliches Studium hat Milos Vec ausgemacht. Der Jurist vom Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte ist Mitglied der Arbeitsgruppe "Manieren!" der Jungen Akademie in Berlin. Die strengen Stundenpläne der neuen Bachelor- und Masterstudiengänge schränkten die Freiheit zur individuellen Entfaltung immer mehr ein, kritisiert er. Die Universität entwickle sich zum reinen Berufsausbildungsbetrieb. An erster Stelle sollten nach seiner Ansicht aber die Persönlichkeitsbildung und das Grundbedürfnis stehen, Dinge kritisch zu hinterfragen.

Daraus leite sich auch das akademische Verhältnis zur Etikette ab. Status werde traditionell nicht mit teuren Kleidern oder Autos demonstriert, sondern mit guter Wissenschaft. Auch müssten sich Studenten und Wissenschaftler nicht an Dresscodes oder Ehrerbietungsformeln halten. Im Vergleich zur Arbeitswelt oder zur großbürgerlichen Gesellschaft sei das Leben an der Universität kaum verregelt. "Einen bestimmten Habitus gibt es, aber keine Vorschriften", sagt Vec, der den vor zwei Jahren erschienenen "Campus-Knigge" herausgegeben hat. Der Titel ist etwas irreführend. Denn eine Liste gültiger Verhaltensregeln aufzustellen sei wenig sinnvoll, räumt Vec selbst ein. "Unispezifisch ist die relativ große Freiheit." Manieren-Grundsatz Nummer eins sollte daher sein, diese Freiheit zu nutzen - und zwar nicht, um besonders viel zu jobben oder Dauergast im Fitness-Studio zu sein.

O tempora, o mores

Die Zeit heilt Wunden - und ändert die Sitten. Viele Formen des akademischen Umgangs, die einst selbstverständlich waren, muten heute exotisch an. Eine Auswahl:

- Der Professor im Schlafrock war für Studenten früher kein ungewöhnlicher Anblick: Bis ins späte 18. Jahrhundert hinein befanden sich die Vorlesungsräume oft in den Häusern der Dozenten, sie mussten sich zu Forschung und Lehre nicht unbedingt umziehen. Sogar mit Nachtmütze traten manche auf - anders sind die Verbote dieser Bekleidung, die manche Rektoren erließen, kaum zu begründen.

- Ob Professoren für modische Mützen mit besonders heftigem Fußtrampeln belohnt wurden, ist nicht überliefert. Auf diese Weise aber wurde an den Hochschulen noch bis ins 20. Jahrhundert hinein applaudiert. Das heute gebräuchliche Tischeklopfen erinnert daran.

- Respekt bezeugte man auch mit einem Fackelzug. Er wurde etwa dann ausgerichtet, wenn ein Professor den Ruf einer anderen Uni erhalten hatte - so sollte er zum Bleiben bewogen werden. Mancherorts wird diese Tradition noch heute gepflegt.

- Die Studenten selbst eiferten in vielerlei Hinsicht dem Adel nach: Sie wollten so frei sein, wie dieser es vermeintlich war. Ein Symbol dieser Freiheit war das Degentragen. Auch Haus- und Hofhunde waren ursprünglich ein Kennzeichen der Oberschicht. Später wurden Mops und Dogge zu typischen Begleitern von Studenten, häufig sah man deshalb auch Hunde im Seminar. Kein Haustier, sondern ein Student, der sich besonders eifrig an die studentischen Manieren hält, war der Commenthengst. Denn als "Comment" versuchten die Studentenverbindungen schon von der Frühen Neuzeit an, studentisches Brauchtum in feste Regeln zu gießen - allerdings mit begrenzter Halbwertzeit.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Fotolia, Fotolia, picture-alliance/ dpa/dpaweb
 
 
   
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