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Leistungsdruck

Mit Ritalin durch die Prüfung

Von Anna Loll und Sebastian Balzter




01. November 2008 
Drei Liter grüner Tee am Tag, damit hielt sich Heidi in der heißen Phase ihres Medizinstudiums über Wasser. „Ich war ziemlich im Stress vor den Prüfungen“, erzählt die 25 Jahre alte Frau, die ihren Nachnamen lieber nicht in der Zeitung lesen will – immerhin geht es um ein Doping, ein heißes Thema, nicht nur im Sport, sondern auch im Hörsaal. Irgendwann genügte Heidi der Tee nicht mehr, gibt sie zu, die Müdigkeit war stärker. Da griff sie zu Koffeintabletten. Ein Kommilitone schlug ihr sogar vor, sich stattdessen doch eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) attestieren zu lassen und so an den Wachmacher Ritalin zu gelangen. „Ich war schockiert, wie schnell der von Koffeintabletten auf Ritalin kam“, sagt Heidi heute.

Der Kommilitone scheint jedenfalls Erfahrung mit der Materie zu haben. Ritalin, ein wegen Suchtgefahr unter das Betäubungsmittelgesetz fallendes Präparat, das unter anderem auf der schwarzen Liste der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada steht, enthält Methylphenidat. Dies erhöht bei gesunden Menschen die Konzentration. Wer lernt und Ritalin nimmt, bleibt länger wach, nimmt dafür aber Nebenwirkungen wie Nervosität, Schlaflosigkeit, Herzrasen und Blutdrucksteigerungen in Kauf. Modafinil, ein Mittel mit ähnlicher Wirkungsweise, das zur Behandlung der Schlafkrankheit Narkolepsie entwickelt wurde, soll sogar 48 Stunden Pauken am Stück möglich machen. Die ideale Prüfungsvorbereitung?

Amerikanische Studenten mögen „smart pills“

In Amerika versuchen Umfragen zufolge zwischen 16 und 25 Prozent aller Collegestudenten ihre kognitive Leistungsfähigkeit durch „Smart Pills“ zu erhöhen. Allerdings ist umstritten, wie solide diese Daten sind. In einer ausgewiesen repräsentativen Studie, für die Forscher der University of Michigan 11000 Studenten befragten, lag der Anteil der Pilleneinnehmer insgesamt bei vergleichsweise geringen 6,9 Prozent. An einer der untersuchten Hochschulen allerdings lag die Quote tatsächlich bei 25 Prozent. Und ein Fünftel der Wissenschaftler, die an einer Umfrage des Magazins „Nature“ teilnahmen, greifen nach eigener Auskunft zu Ritalin und Betablockern.

Auch in Deutschland sei unter den Studenten ein Trend zu bewusstseinsverändernden Drogen zu beobachten, sagt Isabella Heuser, die Direktorin der Klinik und Hochschulambulanz für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité Berlin. „Man muss aber auf jeden Fall die Hysterie aus dem Thema rausnehmen“, schränkt sie ein. „Es fehlen aussagekräftige empirische Daten. Aber niemand bestreitet, dass diese Mittel genommen werden.“ Die steigende Bereitschaft in der Gesellschaft, bei Unwohlsein physischer oder psychischer Art mal kurz zur Pille zu greifen, unterstütze diese Entwicklung.

Immer schöner und fitter

Auch viele Unternehmen interessieren sich nach Sven Gábor Jánszkys Einschätzung inzwischen für leistungssteigernde Produkte (lesen Sie dazu Leistung mit Substanz). Jánszky, 35 Jahre alt, Trendforscher und Geschäftsführer des Beratungsunternehmens „Forward2business“ aus Leipzig, sieht darin kein allzu gravierendes Problem. Seit es den Menschen gebe, sei dieser stets bestrebt, sich zu verbessern, argumentiert er. Jeder wolle schöner und fitter werden, deshalb gingen die einen zum Friseur, die anderen zum Schönheitschirurgen. Auch Lebensmittelhersteller wollten künftig nicht mehr nur den kalorienreduzierten Joghurt anbieten, sondern vielleicht auch einen Erdbeershake für den Manager, der dessen Konzentration vor einer Verhandlung erhöht. „Jeder sollte das Recht haben, seinen Körper und seine Intelligenz zu verbessern“, sagt Jánszky. Schließlich seien die Ressourcen Geistesleistung und Schönheit ja auch ungleich unter den Menschen verteilt.

Wie groß der Markt ist, belegt eine Studie des Schweizer Konzerns Novartis: Demnach bereitet die Pharmaindustrie die Einführung von 600 neuen Medikamenten zur Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten vor. Gedacht sind sie ursprünglich zum Beispiel für Alzheimer-Patienten. Aber auf dem Grau- und Schwarzmarkt im Internet werden sich manche dieser Mittel auch ohne Rezept kaufen lassen – das wissen auch viele Studenten. 40 Prozent von ihnen klagen über Konzentrationsschwierigkeiten, das hat eine Befragung der Techniker Krankenkasse ergeben. Sind für sie etwa Ritalin und Konsorten die idealen Prüfungshelfer?

Bin ich das denn? Oder nur die Droge?

Stephan Schleim sieht das anders. Er befasst sich in der Abteilung für Medizinische Psychologie am Universitätsklinikum Bonn seit drei Jahren mit dem Thema Gehirndoping. Durch den Griff zum Arzneischrank bringe man sich schnell um die Erfahrung der eigenen Leistungsfähigkeit, gibt der Psychologe und Philosoph zu bedenken. „Mit synthetischer Nachhilfe bleibt die Frage offen: Bin ich das denn? Oder nur die Droge?“, sagt er. „Gerade in der Entwicklung ist es wichtig, die Selbstwirksamkeit zu erfahren – das kann ich, das habe ich geschafft. Der schnelle Griff zur Pille oder zum Pulver birgt damit, je häufiger er erfolgt, nicht nur physische, sondern auch psychische Risiken“, sagt Schleim. Abgesehen davon würfen die „Brain-Enhancer“ ethische Probleme auf. Nicht ohne Grund sei Doping im Sport auch aus Gründen der Fairness nicht erlaubt.

Sven Gábor Jánszky hält dagegen: Was genau der Unterschied zu Aufputschmitteln wie Kaffee oder grünem Tee sei, fragt er. Krank machten auch regelmäßige hohe Dosen von Koffeintabletten. Der Unterschied sei doch nur, dass Modafinil und Methylphenidat nicht gesellschaftlich anerkannt seien, Koffein und Teein hingegen schon. „Es ist unlogisch, Kaffee als kleinen Wachmacher zu loben und Konzentrationspillen zu verteufeln“, sagt Jánszky.

Natürlich dürfe man in Ausnahmefällen einmal mit Pharmazie nachhelfen, räumt Stephan Schleim ein. Aber Ritalin, nur um sich besser konzentrieren zu können? Mit wirklicher Leistung habe das nichts mehr zu tun. „Vielmehr ist es die Kapitulation vor dem überzogenen Leistungsanspruch, sich mit einer Pille anstatt durch persönliches Zutun in Form von Wissen, Tüchtigkeit oder Erfahrung zu verbessern.“

Aufputschmittel: An der Uni keine Täuschung

Als Täuschungsversuch sei die Einnahme von Aufputschmitteln vor der Prüfung jedoch nicht zu ahnden, sagt Isabella Heuser. Gehirndoping bringe schließlich nicht mehr Denkfähigkeit hervor, es beeinflusse höchstens die Quantität des Wissens, aber nicht die Qualität. Unproblematisch sei es aber keineswegs, wenn gesunde Menschen Mittel wie Methylphenidat oder Modafinil einnähmen. „Der Mensch braucht Ruhepausen. Wir müssen uns überlegen, wie viel Leistung wir wollen und zu welchem Preis“, sagt sie. Eine umfassende Diskussion darüber fehle, die Gesellschaft verdränge das Thema stattdessen mehrheitlich. Am Ende der Debatte, davon gibt sich zumindest Sven Gábor Jánszky überzeugt, wird Gehirndoping als normal akzeptiert werden. „Am Anfang haben auch alle über Schönheitsoperationen diskutiert. Heute redet da kaum noch jemand darüber“, sagt er.

Heidi allerdings, die Medizinstudentin aus Berlin, hat sich von ihrem offenbar Ritalin-erfahrenen Kommilitonen erst einmal nicht überzeugen lassen. Sie war vielmehr negativ überrascht, wie genau dieser in der Sache Bescheid wusste, sagt sie. „Nachgefragt habe ich da aber nicht. Ich bleibe lieber beim grünen Tee.“

Pillen und Noten

Ob sich Prüfungsleistungen unter dem Einfluss von zugelassenen Medikamenten oder verbotenen Drogen zur kognitiven Leistungssteigerung tatsächlich signifikant verbessern, ist umstritten. Chemisch betrachtet, hemmt Methylphenidat (Ritalin) die Wiederaufnahme der Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin und erhöht so deren Konzentration im synaptischen Spalt, an den Verbindungen zwischen den Nervenzellen. Dadurch werden Kontrollfunktionen im Gehirn aktiviert und andere Bereiche wie die zur Entspannung wichtigen geschwächt. Eine gesteigerte Konzentrationsfähigkeit ist die Folge.

Eine von Forschern der Universität Cambridge durchgeführte Studie weist allerdings darauf hin, dass sich Methylphenidat nicht immer fördernd auf die Geistesleistung auswirkt. Zwar funktioniere das Arbeitsgedächtnis unter dem Einfluss von Methylphenidat in der Tat besser, Planungsaufgaben würden auch effektiver gelöst - jedoch nur so lange, wie sie unbekannt sind. Denn mit der Einnahme der Droge wird die „Impulsivität“ erhöht. Nach der australischen Studie kann dies unter anderem dazu führen, dass Prüflinge unter dem Einfluss von Ritalin mit dem sogenannten Tunnelblick nicht mehr alle relevanten Informationen in Betracht ziehen und deshalb vorschnell antworten.

Zudem ist fraglich, wie sich - vor allem nach der Einnahme von Aufputschmitteln (Amphetamine), die zur gesteigerten Ausschüttung von Dopamin, Adrenalin und Noradrenalin führen - der Effekt der „Selbstsicherheitssteigerung“ auswirkt. So haben Studien gezeigt, dass der Geprüfte sich aufgrund der von Dopamin hervorgerufenen Euphoriezustände für besser hält, als er tatsächlich ist. Das Urteilsvermögen wird auf diese Weise eingeschränkt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Tresckow
 
 
   
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