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Bildungswelten Die Universität und ihr Kundendienst am Studenten Von Rüdiger Görner
Was sind das für Zeiten, in denen die Rede vom "grenzenlosen Wahrheitssuchen" und vom "Überliefern der Wahrheit" (Karl Jaspers) in den Räumen der Universität allenfalls ein müdes Lächeln hervorruft? Was sind das für Kalendarien, die auf das Jahr der Geisteswissenschaften, die gut zwei Dutzend Fächer in sich vereinigen, ein solches der einen und einzigen Mathematik folgen lassen? Und schließlich: Was sind das für Welten, in denen sich Universitäten aus Überlebensgründen zu Unternehmen mausern oder verschlanken müssen, in angelsächsischen Ländern bereits Unsummen für "Public Relations" ausgeben und sich permanent selbst bescheinigen, die besten, ja exzellentesten zu sein? Jaspers sprach vom "Grundwillen des Menschen, das grenzenlose Wahrheitssuchen um jeden Preis zu wagen"; er gebrauchte also, gefährlich genug, im Jahre 1946 eine ökonomische Metapher für ein existentielles Anliegen. Nun verstehen wir ihn wörtlich und benennen exakt den Preis, den die fächerspezifische "Wahrheitssuche" hat. Von der insularen Brutstätte des "Virus Evaluitis", gemeint ist Britannien, dringt die Kunde in die Welt, dass nach den nächsten Wahlen zum Unterhaus mit der Freigabe der Studiengebühren zu rechnen sei, was bedeutet: Jede Universität wird ihre fächerspezifische Gebührenstruktur bestimmen können. Daumenschrauben am Wissensmarkt Und das wiederum meint, dass die einzelnen Studienprogramme bis in die Module hinein ein regelrechtes Preisschild bekommen werden. Ein Einführungskurs in Biogenetik kostet an der University of Homunculus dann dieses, ein Seminar über elisabethanische Tragödien an der University of Glastonbury jenes. Das dürfte dann der vorerst letzte (natürlich in sich logische und konsequente) Dreh der den Wissensmarkt befreienden Daumenschraube namens utilitaristische Wissenschaftspolitik nach den Vorstellungen der Downing Street sein. Die Universität ist längst zu einem ökonomischen Standort geworden, an dem Standfestigkeit des Lehrkörpers jedoch kaum gefragt ist, sondern dessen an Selbstverleugnung grenzende Selbstüberdehnung. Das Lehrangebot folgt schon jetzt zunehmend einem werbewirksamen "course design". Strategisch geschickt baut man seine Veranstaltungen aus Leitwörtern, die im Trend liegen und danach dann in Anträgen für Drittmittel zu Glanzpunkten werden. Auch die umgekehrte Reihenfolge ist natürlich denkbar. Es gibt Antragsroutiniers, deren Exzellenzschreibe Gutachter einfach bestechend finden müssen, deren Aufsätze und Bücher jedoch - von leuchtenden Ausnahmeerscheinungen immer abgesehen - ungenießbar sind. Man erinnere sich an eine markante Rede von Günter Grass aus dem Jahr 1997, in der er davor warnte, das vereinigte Deutschland zum bloßen "Standort" ohne selbstkritisches Wertebewusstsein verkommen zu lassen - man könnte sie unmittelbar auf die "Identität der Universität heute" übertragen. Kaum ein Monat ohne neues Strategiepapier Am Standort Universität zählen die Strategen. Kaum ein Monat vergeht ohne ein neues Strategiepapier - zu den Forschungsbereichen, zur Lehre, zur künftigen Entwicklung der Universität, zur Positionierung der eigenen Institutionen im Vergleich zu den anderen im akademischen Geschäft und vor allem zum Thema "Kundendienst für Studenten". Die Gründung eines neuen Faches steht angesichts solcher Verhältnisse längst auf der Tagesordnung. Nach dem Kulturbetriebswirt (Passauer Modell) brauchen wir dringend Studiengänge in Wissensbetriebswirtschaft. Dieses Fach gilt der Frage, wie viel Wissen kostenintensiv einzusetzen ist, um Wettbewerbsvorteile im Wissensbetrieb zu erzielen. London-Ost zum Beispiel, eine Entwicklungszone ersten Grades vor allem im Blick auf die 2012 dort stattfindenden Olympischen Spiele. Hinzu kommt das Thames Gateway Project, die Neuerschließung der Gebiete südöstlich von Wapping entlang der Themsemündung. Mein eigenes College, Queen Mary, University of London, ist da als Wissensstandort ideal positioniert. Ihm ist der Schlüssel zu dem zugefallen, was nach den Olympischen Spielen "Knowledge City" genannt werden soll, ein urbanes Wissenskonglomerat (oder soll man wieder sagen "Wissenskombinat"?) von exakt kalkulierten Ausmaßen, einschließlich Zentren und Programmen für das lebenslange Lernen, auf die sich die Regierung einiges zugutehält. Dieses College hat als einziges der zur University of London gehörenden Institutionen in den letzten Jahren in auffallendem Maße im Bereich der "Arts and Humanities" (Geisteswissenschaften) investiert, wobei unterschwellig die These von den "Geisteswissenschaften als Orientierungswissenschaften" (Friedrich H. Tenbruck) eine Rolle gespielt haben mag. Denn genau diese "Orientierung" ist vonnöten, wenn man darangeht, eine Neubestimmung des Auftrages der Universität zu versuchen. Sie ist in Britannien aufs engste verknüpft mit dem Auftrag für die Fakultäten, universitätsexterne Aufgaben (outreach) wahrzunehmen, sich in sogenannten "Widening-Participation-Programmen" zur Öffnung für alle gesellschaftlichen Schichten soziales Profil zu geben. Damit ist sowohl ein Ausgreifen auf die regionale Infrastruktur gemeint als auch Programme, die es Studierenden aus sozial benachteiligten, ethnisch stark durchmischten Schichten ermöglichen, eine besondere Förderung zu erhalten. Universitäten, die dabei nicht mitwirken, werden durchaus öffentlich abgestraft durch entsprechende Medienberichte. Zielkonflikte programmiert Hierbei sind jedoch Zielkonflikte programmiert, zusätzliche Belastungen für den "Standort Universität". Denn einerseits sollen die Universitäten Spitzenleistungen in Forschung und Lehre vorweisen, was bereits schulisch hochqualifizierte Studenten voraussetzt, die in England beinahe nur noch aus den Privatschulen kommen; andererseits gilt es, zum Teil hochmotivierte, aber in den staatlichen Schulen völlig unzureichend ausgebildete Studenten zu fördern mit einer entsprechenden Mehrbelastung für die Tutoren, auf deren regelmäßige Betreuung ein jeder Student Anspruch hat - schließlich muss das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmen. Zu den bizarren Erscheinungen des Kundendienstes am Studenten gehört in Britannien der sogenannte "National Student Survey", eine detaillierte Umfrage unter der Studentenschaft über ihr Wohlergehen am akademischen Standort. Das Ergebnis dieser immens aufwendigen Umfragen geht dann in Standortfaktor-Überlegungen und universitäre Werbestrategien ein, hat Auswirkungen auf Curriculum-Gestaltung und Sonderbetreuungsangebote für Studenten. Deutsche Unis in In Zugzwang durch Selbstanglisierung Man sage nicht, dass dies für die deutsche Universitätslandschaft vergleichsweise unerheblich sei. Durch ihre vollzogene Selbstanglisierung hat sie sich bereits in verwandte Zugzwänge begeben. Und wer Studiengebühren einführt, muss wissen, dass dadurch die sozialen Ansprüche der zahlenden Studenten steigen werden - von den akademischen zu schweigen. Bedenkt man, dass viele Fachbereiche, die in Ländern mit Studiengebühren unmittelbar von ihnen profitieren, mit diesen Geldern Lehrknechte einstellen mit einem teilweise grotesken Deputat, das ihnen jegliche Forschung verunmöglicht, dann melden sich gewisse Zweifel an der Phantasie und Redlichkeit, mit der dieser plötzliche "Geldsegen" eingesetzt wird. Hinzu kommt an deutschen Universitätsstandorten, dass Nachwuchswissenschaftler, Junior-Professoren und allzu früh Berufene von ihren Institutionen nur selten Hilfestellung bei der Drittmittelanwerbung erhalten. Das wiederum ist in britischen Landen schwer vorstellbar, wo sich die akademischen Institutionen mit Reputation ganze Beratungsbüros leisten, um Drittmittelanträge bewilligungsträchtig zu normieren. "Gehaltvolle Wissenschaften sind gleichsam konkrete Philosophie", heißt es in Jaspers' Schrift "Die Idee der Universität" (1946). Ein Blick auf die Fächer- und Studiengangauswüchse, die im Namen des Marktes und des universitären Standorts hingenommen werden, erweckt den Eindruck, als könne man diesen Satz in vielen Wissenschaftsbereichen nur noch karikieren und ihre sinnferne "Konkretheit" mangels Selbstkritik einfach zur "Philosophie" erklären. Sollten freilich irgendwelche Bildungsverantwortlichen in Deutschland mit dem Gedanken spielen, die Selbstanglisierung noch weiter zu treiben und nach dem thatcheristischen Modell aus dem Jahre 1992 die Fachhochschulen ("polytechnics") im Sinne der Standortvervielfachung schlicht zu lehrintensiven Universitäten ohne Chance auf Forschung zu erklären, dann sollte man zur Abwechslung zuvor die Konsequenzen durchdenken und nicht in eine neue Bologna-Falle hineintaumeln. Der Autor ist Professor für Neuere Deutsche Literatur am Queen Mary College in London Bildmaterial: F.A.Z.-Foto Rainer Wohlfahrt
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