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Studium

Jeder Fünfte geht ohne Abschluss

Von Nina Brodbeck




29. Februar 2008 
Schon dem Anfang wohnte kein Zauber inne. Am ersten Tag ihres Studiums fand sich Susanne Riedel im vollbesetzten Audimax der Uni Würzburg wieder - gemeinsam mit 500 anderen BWL-Studienanfängern. "Wir wurden sofort ins kalte Wasser geschmissen", erinnert sie sich. Nach dem Motto "Schwimm oder geh unter!" sei den Betriebswirtschaft-Frischlingen erst einmal Angst gemacht worden. "Das ist hier nicht wie in der Schule", habe es geheißen. "Hier müssen Sie sich gehörig anstrengen." Dann wurden Infoblätter verteilt, darunter auch der Stundenplan für das erste Semester. "Alles war total unpersönlich", berichtet die Einundzwanzigjährige. Sie dagegen hatte gehofft, dass sie jemand durch die erste Zeit an der Uni begleiten und dass es eine Orientierungswoche geben würde.

Stattdessen ging es in den Vorlesungen sofort voll zur Sache. "Die haben gleich mit Begriffen um sich geschmissen, von denen wir noch nie was gehört hatten." Abgefragt wurde der Stoff dann in sechs Prüfungen. Susanne Riedel bestand fünf. In VWL fiel sie trotz guter Vorbereitung durch. "Ein kompletter Blackout", sagt sie heute. Die verpatzte Klausur war für sie der Einstieg in den Ausstieg. "Ich spürte einen immer größeren Druck, dem ich irgendwann nicht mehr gewachsen war", versucht sie das im Nachhinein zu erklären. "Obwohl ich eigentlich ein fröhlicher Mensch bin, habe ich mich völlig zurückgezogen und keine Freunde mehr getroffen. Ich saß nur noch in meinem Zimmer und habe gepaukt." Der Arzt diagnostizierte eine Depression und beurlaubte sie umgehend vom Studium. Nach monatelangem Ringen und vielen Gesprächen mit der Familie und Freunden steht jetzt ihr Entschluss fest: Studienabbruch.

Erheblicher volkswirtschaftlicher Verlust


Sie ist kein Einzelfall. Von 100 deutschen Studienanfängern eines Jahrgangs bleibt gut ein Fünftel auf der Strecke, meist zwischen dem siebten und achten Semester. Die Abbruchquote an den deutschen Unis liegt bei 20 Prozent, an den Fachhochschulen sind es 22 Prozent. Die Unterschiede je nach Fachrichtung sind nach einer vergangene Woche veröffentlichten Studie des Unternehmens Hochschul-Informations-System gravierend: Während an den Unis die Mediziner und Lehramtsstudenten mit 5 und 8 Prozent vergleichsweise niedrige Abbruchquoten haben, steigen besonders häufig Physiker (36 Prozent) und Informatiker (32 Prozent) aus; an den Fachhochschulen die Elektrotechniker (36 Prozent).

Die hohe Zahl der Studienabbrecher bedeutet einen erheblichen volkswirtschaftlichen Verlust. Nach jüngsten Berechnungen des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft kosten sie den Staat jedes Jahr 2,2 Milliarden Euro. Bedenkt man die privaten Investitionen der Studenten und das ihnen entgangene Mehreinkommen, kommen nach dieser Rechnung noch 7,6 Milliarden Euro indirekte volkswirtschaftliche Kosten hinzu (Studienabbrecher kosten den Staat Milliarden).

Moment des persönlichen Scheiterns


Viele Studenten erleben den Abbruch als einen Moment des persönlichen Scheiterns. Die Folgen sind Orientierungslosigkeit und Selbstzweifel - eine schwere Hypothek für den weiteren Bildungsweg. Besonders hart kommt es für diejenigen, für die eine Alternative zum gewählten Studienfach indiskutabel ist, weil sie zum Beispiel später die Praxis oder den Betrieb der Eltern übernehmen sollen. In "Prüfungsangstgruppen" spielt der Berliner Uni-Psychologe Holger Walther mit ihnen den schlimmsten Fall durch: "Was ist, wenn ich durchfalle? Wie würde mein Leben nach der Enttäuschung weitergehen?" Das beschert vielen Angst-Kandidaten ein Aha-Erlebnis: "Die merken plötzlich, dass ein Abbruch für sie nicht wirklich schlimm wäre, sondern dass daraus auch die Erlaubnis erwachsen kann, eine Alternative zu versuchen, die schon lange im Hinterkopf schmort. Im Sinne von: Ich mache jetzt endlich mit einem Kumpel eine Bar auf!"

Examensangst ist jedoch nur einer der möglichen Gründe für den Abbruch. Experten unterscheiden drei weitere Gruppen von Abbrechern: diejenigen, die sich - weil sie sich das Studium nicht mehr leisten können oder bereits vor dem Abschluss ein verlockendes Angebot erhalten - direkt ins Berufsleben stürzen. Dann diejenigen, die es aus gesundheitlichen oder familiären Gründen nicht packen, allen voran junge Mütter, die Kinderbetreuung und Uni nicht unter einen Hut bringen. Ihnen könnte das internetbasierte Lernen von zu Hause aus helfen, das an immer mehr Hochschulen möglich ist.

In der dritten Gruppe schließlich finden sich die, denen Studieninhalte und Anforderungen ihres Faches erst im Lauf des Studiums klarwerden und die dann feststellen, dass ihnen das für ihr Fach nötige Talent oder die Motivation fehlen - oder sogar beides. "Viele Studienabbrecher identifizieren sich irgendwann nicht mehr mit ihrem Studienfach und den sich daraus ergebenden beruflichen Möglichkeiten", beschreibt diesen Typ Ulrich Heublein, Mitautor der HIS-Studienabbruchstudie. "Sie haben falsche Studienentscheidungen getroffen oder ihr Studium mit falschen Erwartungen aufgenommen."

Aus Verlegenheit für BWL entschieden

Susanne Riedel zum Beispiel hatte sich aus einer Verlegenheit heraus für BWL entschieden, wie sie zugibt: "Weil man damit später so viele Möglichkeiten hat." Eine typische Reaktion. Wer unsicher ist, will sich möglichst viele Wege offenhalten und gleichzeitig auf Nummer Sicher gehen. Solche Fehlentscheidungen werden besonders häufig von Abiturienten getroffen, die in allen Schulfächern recht ausgeglichene Leistungen gebracht haben. Sie geraten angesichts der Vielzahl der Studienfächer und Ausbildungsmöglichkeiten leicht ins Straucheln. Das Dilemma der Normalbegabten sozusagen. "Wer ganz deutlich ein Talent in sich spürt, erscheint in keiner Studienberatung", sagt Heublein. "Der hat ein klares Ziel vor Augen und zieht die Sache durch."

Viele andere brauchen Beratung. Je eher, umfangreicher und persönlicher, desto besser. "Studien- und Berufsfindung müsste ein eigenes Schulfach sein", fordert gar die Familientherapeutin Rica zu Salm-Rechberg. "Denn wer kann ein Kind so gut einschätzen wie der Lehrer?" Rechberg bemängelt, dass im deutschen Schulsystem Begabungen nicht genügend gefördert würden und eine individuelle Beratung der Schüler nicht stattfinde. Dass dafür durchaus Bedarf besteht, findet die Mutter dreier mittlerweile erwachsener Kinder durch ihre eigene Arbeit bestätigt. Seit fast zehn Jahren bietet sie gemeinsam mit Gabriele von Hardenberg Entscheidungsfindungsseminare für Schüler, Abiturienten und Studenten an. "Ab ins Leben", so lautet der Titel ihres Konzepts, das neben einer Standortbestimmung auch Strategieentwicklung und Zielfindung bieten soll. "Ich erhoffe mir von dem Seminar vor allem neue Motivation", sagt Susanne Riedel, die sich für "Ab ins Leben" angemeldet hat. Sie will endlich wissen, wo ihre Stärken liegen, welches Fach besser zu ihr passt als BWL. "Was da auf mich zukommt, habe ich leider erst zu spät gemerkt", gesteht sie.

Informationstage, Schülerlabore, Messen, Schnupperstudium

So passt auch nicht für jeden, der gerne liest, ein Germanistikstudium; und wer viel Zeit am Computer verbringt, wird noch lange kein guter Informatiker. Darüber müssten die Hochschulen besser aufklären, fordert Jan Rathjen von der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). "Sie müssen deutlich machen, was auf die Leute zukommt." Hochschulinformationstage, Schülerlabore, Messen, Schnupperstudium - diese Beratungsangebote weisen da in die richtige Richtung. Der Weg muss dabei nicht unbedingt direkt zum Campus führen. Für Susanne Riedel steht am Ende des Seminars jedenfalls fest: Sie wird erst einmal eine Lehre machen, am liebsten in der Modebranche. Doch vorher will sie mit ihrem Freund fünf Monate lang durch Australien reisen und arbeiten, "Work & Travel" nennt sich das Programm dafür. Vermutlich kein schlechter Entschluss. "Entscheidung braucht Erfahrung und Selbsterprobung", davon ist Bildungsforscher Heublein überzeugt. Und wo ließen die sich besser machen als in einer fremden Kultur, weit weg von zu Hause?

Text: F.A.Z., 23.02.2008, Nr. 46 / Seite C8
Bildmaterial: F.A.Z., F.A.Z. - Tresckow
 
 
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