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Angebot und Nachfrage

Studenten richten sich nach dem Arbeitsmarkt

Von Sven Astheimer



Tendenziell sinkt der Bedarf an Ingenieuren
17. Juli 2008 
Studenten richten sich bei der Wahl ihres Studienfaches stark nach den Beschäftigungs- und Vergütungschancen, die sie sich – ausgehend von der aktuellen Lage am Arbeitsmarkt – für die Zukunft erwarten. Die anhaltend hohe Nachfrage nach Fachkräften in Deutschland wird deshalb dazu führen, dass in den kommenden Jahren die Absolventenzahlen in den besonders begehrten Berufsgruppen steigen werden, so lauten die Kernaussagen einer Studie von Deutsche Bank Research, die am Mittwoch in Frankfurt vorgestellt wurde. Der Autor Thomas Meyer geht davon aus, dass demnächst deutlich mehr Personen ein „Mint“-Studium aufnehmen werden. Das Kürzel „Mint“ steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Die Nachfrage nach Absolventen dieser Fächer kann in Deutschland derzeit nicht voll befriedigt werden. Allein der Branchenverband Bitkom berichtet über 43.000 nicht besetzte IT-Stellen, das Institut der deutschen Wirtschaft schätzt den daraus resultierenden Wertschöpfungsverlust auf mehr als 7 Milliarden Euro jährlich.

Normalerweise verlaufen Anpassungsprozesse zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und Studentenzahlen schleppend und seien deshalb schwierig nachzuweisen, sagt Meyer. Eine Ausnahme bilde jedoch der Einbruch der stark auf Forschung und Entwicklung (FuE) ausgerichteten Industrie, dem klassischen Einsatzgebiet von Mint-Spezialisten. Zwischen Ende der achtziger und Mitte der neunziger Jahre ging ihr Anteil an der Gesamtwirtschaft um ein Viertel zurück. In ähnlichem Maß brach die Zahl der Studienanfänger ein. Je mehr anschließend und bis heute die Bedeutung des Industriezweiges wuchs, desto mehr stiegen die Studentenzahlen, die durch die Internetwelle zur Jahrtausendwende und den hohen Bedarf an Informatikern sogar noch stärker ausfiel. „Die Wirkungsrichtung ist eindeutig“, sagte Meyer, da Studienanfänger noch keinen Einfluss auf das Produktionspotential hätten. Auch der Anteil der Studenten, die ein Mint-Studium abschlossen, wuchs: Er stieg zwischen 1999 und 2005 um 0,9 Prozentpunkte auf 9,7 Prozent. Im EU-Durchschnitt betrug der Zuwachs 3,6 Punkte auf 12,9 Prozent.

Frauen und Ausländer schließen die Lücke nicht


Um den kurzfristigen Ingenieurmangel zu beheben, verspricht es nur bedingt Erfolg, mehr Frauen zu beschäftigen, heißt es in der Studie. Zum einen seien Frauen in den entsprechenden Studiengängen weit unterproportional vertreten. Zudem belegten sie meist Fächer wie Architektur und Bauwesen, in denen die Arbeitslosigkeit relativ hoch ist. Auch gezielte Anwerbung von Ingenieuren aus dem Ausland wecke nur geringe Hoffnungen, da Zuwanderung ein langfristiger Prozess sei, sagte Meyer. Untersuchungen in den Vereinigten Staaten hätten etwa gezeigt, dass 98 Prozent aller Empfänger einer Arbeitserlaubnis für Hochqualifizierte bereits vorher im Land waren und häufig schon dort studiert haben.

Wie mit Zuwanderungspolitik gezielt Hochqualifizierte geworben werden können, zeigen die angelsächsischen Länder. Nach Angaben des Münchner Ifo-Instituts haben etwa in Kanada und Irland 45 Prozent aller Zuwanderer einen Universitätsabschluss. In Deutschland dagegen hat weniger als jeder vierte Immigrant solch einen Abschluss in der Tasche. In Amerika stammen 27 Prozent aller praktizierenden Ärzte aus dem Ausland.

Längere Arbeitszeit gegen zyklische Engpässe

Die beste Möglichkeit, die zyklischen Engpässe auf dem Arbeitsmarkt für Spezialisten kurzfristig zu überwinden, sind längere Arbeitszeiten, heißt es in der Untersuchung der Deutschen Bank. Würden alle Ingenieure in Deutschland eine Stunde je Woche mehr arbeiten, käme man auf eine Arbeitsleistung, die rund 20.000 Vollzeitbeschäftigten entspricht. Deutsche Arbeitnehmer kommen durchschnittlich auf rund 1430 Arbeitsstunden im Jahr. In den westlichen Industrieländern leisten nur die Niederländer noch weniger Arbeitsstunden im Jahr. Norbert Walter, der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, hält eine Erhöhung der Arbeitszeit für dringend notwendig. Ein junger Mensch könne auch 50 Stunden in der Woche arbeiten, ohne seine sozialen Bindungen zu verlieren, wie häufig kolportiert werde. Der „deutsche Gerechtigkeitswahn“ werde aber verhindern, dass sich längere Arbeitszeiten in den Tarifverträgen und der betrieblichen Praxis durchsetzen, fürchtet Walter.

Mittel- bis langfristig gehen die Ökonomen der Deutschen Bank davon aus, dass sich die Bedeutung der FuE-Industrie für die deutsche Volkswirtschaft abschwächen wird – in allen anderen Industrieländern sinkt deren Anteil an der gesamten Wertschöpfung schon. Statt dessen wachse die Bedeutung von Dienstleistungen. Damit werde tendenziell auch der Bedarf an Ingenieuren zurückgehen, prognostiziert die Studie (anders Erwartungen des VDMA Maschinenbau ohne Schweinezyklus). Allerdings habe der Einbruch der Studentenzahlen in den neunziger Jahren auch dazu geführt, dass Deutschland bei den „Ersatzquoten“ schlecht abschneide. Das bedeutet, dass für jeden aus dem Erwerbsleben ausscheidenden Ingenieur nur 0,9 Nachrücker bereit stehen. In Schweden und Portugal sind es mehr als 4, im Durchschnitt der Industrieländer 2 Nachfolger.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, F.A.Z. - Deutsche Bank Research
 
 
Lesermeinungen zum Beitrag [1]
Boom and Bust 17.07.2008, 09:06
 
   
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