„Bildungsausländer“

Zu Gast bei Freunden

Von Anna Loll

Oft sind Gaststudenten Hoffnungsträger ihrer Familien

Oft sind Gaststudenten Hoffnungsträger ihrer Familien

09. Oktober 2008 Absolvententreffen im altehrwürdigen Gebäude der Wirtschaftswissenschaften der Berliner Humboldt-Universität: Zum zehnjährigen Bestehen des "Master's Program in Economics and Management Science" (MEMS) sind etwas mehr als zwei Dutzend Alumni und Studenten gekommen, viele asiatische Gesichter, ein paar europäische. Man hört vor allem Englisch mit amerikanischem Akzent. Auch Jonathan Siegel ist da. Der Italiener mit neuseeländischem Vater hat MEMS 2002 beendet, heute ist er beim Automobilzulieferer ASK Industries verantwortlich für den amerikanischen Markt. "Bei der Studienplatzwahl ist Deutschland für Ausländer zwar nicht die erste, aber nach den Vereinigten Staaten die zweite Wahl", sagt der 34 Jahre alte Mann aus Genua.

Besonders gelte das für Nicht-Europäer, zum Beispiel Inder und Chinesen. "Nach dem Motto: Amerika hat nicht geklappt, Italien - nein, man will ja keine Ferien machen. Und in England ist das Essen zu schlecht. Also bleibt sozusagen nur noch Deutschland", erklärt Siegel augenzwinkernd. Wegen der "dolce vita" komme niemand in das Land von Einstein und Mercedes-Benz, sondern um sich zu verbessern. "Dazu ist ein Studium an einer deutschen Universität genau das Richtige."

188.000 Ausländer in Deutschland eingeschrieben

Mit dieser Meinung scheint er nicht allein zu sein. Mehr als 188.000 sogenannte Bildungsausländer waren laut einer Studie des Deutschen Akademischen Austauschdienstes und des Hochschul-Informations-Systems (HIS) 2007 an deutschen Hochschulen eingeschrieben, sie machten etwa ein Zehntel aller Studenten aus. Nur in Großbritannien und in Amerika studieren in absoluten Zahlen mehr Ausländer.

"Ein Studium in Deutschland hat ein hohes Ansehen im Ausland", sagt der HIS-Forscher Ulrich Heublein. Besonders in Ostasien und in Osteuropa, von wo die meisten Studenten in die Bundesrepublik strömen, sei dies so. Die Ausstrahlung von Schiller und Goethe bis hin zu Max Planck und Werner Heisenberg sei nicht zu unterschätzen. Auch die Position der deutschen Wirtschaft als Exportweltmeister ziehe junge Menschen an. 22 Prozent der ausländischen Studenten - vor allem solche aus einkommensschwächeren Ländern - wählten 2006 denn auch ein ingenieurwissenschaftliches Programm. Beliebter sind nur die Sprach- und Kulturwissenschaften mit 24 Prozent, auf Rang drei folgen mit 20 Prozent die Naturwissenschaften.

Vom Examen an einer deutschen Universität oder Fachhochschule erwarten sich die Absolventen besondere Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt - in ihrer Heimat genauso wie in deutschen Unternehmen, die im Ausland aktiv sind. "Ein Auslandsstudium ist eine Bereicherung in vielerlei Hinsicht", sagt etwa der 27 Jahre alte Chinese Chuanwen Dong, der gerade das MEMS-Programm abschließt. Seine Aussichten in der aufstrebenden Weltmacht wären aber auch ohne den Aufenthalt in Berlin vermutlich nicht schlecht gewesen: Der Elektrotechnikingenieur hat in der Nähe von Schanghai an der in seinem Fach zweitbesten Fakultät des Landes studiert, zudem war er schon als Student Inhaber eines gut laufenden Unternehmens in der Branche. Doch während eines Praktikums bei einem Mikrochipproduzenten in München fand Dong vor fünf Jahren an Deutschland Gefallen. Jetzt genießt er seine Zeit in Berlin - besonders beim Straßenbahnfahren. "Manchmal fahre ich einfach durch die Gegend. Ich liebe das", sagt er schmunzelnd. In Deutschland könne man ruhig leben, lobt er, die Leute seien meist sehr freundlich, auch die Professoren. Dass von den Studenten in den Seminaren so viel Beteiligung gewünscht wird, gefällt Dong, die Unterrichtsweise sei sehr gut. Sie fordere ihn, auch während des Semesters zu lernen und nicht nur vor den Prüfungen. In China dagegen gebe es fast nur Frontalunterricht und große Abschlussexamen, ein ganz anderes Studiensystem also.

Erst überrascht, dann eingeschüchtert

Für viele ausländische Studenten aber ist gerade das deutsche System ein Problem. Nicht wenige seien zuerst überrascht und dann eingeschüchtert, wenn der Dozent im ersten Seminar sie direkt nach ihrer Meinung frage, berichtet Jochen Hellmann, der die Abteilung Internationales an der Universität Hamburg leitet. "Oft denken sie, es ist ein Test, bei dem sie die Ansicht des Professors richtig treffen müssen." Meist fehle zudem wichtiges Vokabular aus dem Wissenschaftsjargon, um Vorlesungen und Diskussionen folgen zu können. Sogar die fachlich besten Studenten würden da häufig still und zögen sich immer mehr zurück.

An der Hamburger Universität gibt es deswegen schon seit 1999 ein interkulturelles Training und seit 2007 als Pilotprojekt ein "propädeutisches Vorsemester" für ausländische Studenten. In dem Kurs wird zum Beispiel geübt, wie man im Seminar eine persönliche Ansicht äußert, wie man ein Referat hält und welche Formalien es für eine Hausarbeit einzuhalten gilt. Außerdem wird fachspezifischer Sprachunterricht erteilt. Problematisch ist allerdings, dass es nicht mehr als 80 Plätze in dem Kurs gibt, es mangelt am Geld.

Vorkurse werden sich durchsetzen

Jochen Hellmann glaubt jedoch, dass sich solche Vorkurse durchsetzen werden - nur so ließen sich ausländische Studenten hinreichend auf das deutsche Studium vorbereiten. Es gehe dabei keinesfalls um "Nachhilfe für Fußkranke", betont der Hamburger. Ganz im Gegenteil: Ausländer, die nach Deutschland kämen, seien fast durchweg besonders leistungsbereit. Problematisch sei vielmehr die Angst vor dem Scheitern. Oft seien die Gaststudenten nämlich Hoffnungsträger ihrer Familien, besonders wenn sie aus Entwicklungs- und Schwellenländern kämen. Dieser Druck könne bisweilen zu einer beträchtlichen Frustration und Verzweiflung führen, wenn der Misserfolg drohe. Entsprechend schaurig sind die Abbrecherquoten: Nach HIS-Berechnungen beendet jeder zweite Ausländer das Studium vorzeitig.

Für alarmierend hält Ulrich Heublein zwei weitere Zahlen aus seiner Statistik. Nur für 43 Prozent der befragten ausländischen Studenten ist Deutschland als Studienort demnach die erste Wahl gewesen. Und nicht mehr als 25 Prozent würden ihren Landsleuten ein Studium an einer deutschen Hochschule empfehlen. Dass sich ein Inder lieber in Harvard oder am MIT sehe als an einer Universität in Deutschland, sei nachvollziehbar. Bedenklich aber seien die negativen Erfahrungen, die zu viele Ausländer mit dem deutschen Studiensystem machten. "Da muss auf jeden Fall etwas getan werden", fordert Heublein. Ein Problempunkt sei auch die wechselseitige Ignoranz, mit der sich Deutsche und Ausländer auf dem Campus oft begegneten: Nur jeder fünfte deutsche Student habe häufig Kontakt mit ausländischen Kommilitonen.

Deutsche Anonymität

"In anderen Ländern lernt man leicht Menschen kennen. In Deutschland ist das für einige Ausländer schwierig", sagt Iván Barbaric, der Ausländerreferent der Katholischen Hochschulgemeinde in Frankfurt. Viele, die zu ihm kommen, bitten um Hilfe in finanziellen Notlagen. Manche aber kommen auch, um einfach von ihren Problemen zu erzählen. "Wenn mir etwas passiert, dann würde das ja nicht einmal jemand merken", klagten sie.

Insgesamt habe er mit mehr Unterschieden zu seiner Heimat gerechnet, sagt andererseits der Physik-Student Mustapha Al Helwi, der schon mit 18 Jahren aus dem Libanon nach Münster gekommen ist. Aber die Leute seien hier einfach ganz normal. Um Anschluss zu finden, sei es allerdings wichtig, dass man sich Mühe mit der deutschen Sprache gebe. Noch einen Rat hat er parat - für die Begegnung mit Menschen, die Ausländer wegen ihres Ausländerseins offen ablehnen. Auf der Wohnungssuche ist er selbst in diese Situation geraten. "Dann muss man sich daran erinnern, dass es auch noch die guten Deutschen gibt", sagt er.

Einen wirklichen Kulturschock allerdings hat Al Helwi die Sache mit der "Bild"-Zeitung versetzt. "Ich hatte nicht erwartet, dass so viele Deutsche so etwas lesen", sagt er. "Schon eher, dass einem hier Philosophen über den Weg laufen würden."

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Deutscher Bildugnserver, F.A.Z. - Tresckow, picture-alliance / dpa/dpaweb

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