Schließen    Drucken
FAZjob.NET >Beruf und Chance >Campus >

Studienfinanzierung

Investitionsobjekt Student

Von Ruth Neumann



Attraktive Anlageobjekte? Studenten des Tour College in Berlin feiern ihren Abschluss
23. März 2008 
Er sieht aus wie ein ganz normaler Student: Ringelpulli, Jeans, neben dem Schreibtisch eine Umhängetasche, aus der die obligatorische Thermoskanne lugt. „Der Kaffee in der Uni ist so schlecht“, erklärt er. Ebenso unscheinbar wirkt sein kleines Hiwi-Büro an der Heidelberger Universität: Standardmöbel und hohe Regale voller Ordner sind neben einem kleinen Schreibtisch alles, was es hier gibt. Doch der Schein trügt, denn Jens Falter ist ein Investitionsobjekt mit sehr guten Renditeaussichten.

Der Siebenundzwanzigjährige will zwar seinen wirklichen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen, wirkt sonst aber verbindlich und unkompliziert. Beim Reden schaut er seinem Gegenüber fest in die Augen. Zwischendurch gibt er Daten in den Blackberry ein. „Macht man im Urlaub am besten aus. Ich hab da nur so ein Projekt am Laufen“, entschuldigt er sich, „da muss ich eben erreichbar sein.“ Falter ist einer jener Studenten, die der Bildungsfonds des Münchner Unternehmens CareerConcept fördert. Die Mittel aus dem Bildungsfonds, so heißt es bei dem Unternehmen, werden nur ausgewählten, besonders leistungsfähigen Studenten zur Verfügung gestellt. Was macht so einer, den Career-Concept für förderungswürdig hält?

Ein Lebenslauf, der es in sich hat

Zum Beispiel das: BWL-Diplom mit 23. Ein Jahr im Unternehmen. Dann Langeweile. „Mir ist gleich klar geworden, dass ich da nicht sehr viel weiter komme. Also habe ich mich entschieden, nochmal zu studieren.“ Ein zweijähriges Masterprogramm obendrauf war ihm zu wenig, also wurde es ein komplettes Jurastudium. Praktika in einer Großkanzlei und bei einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft hat er schon hinter sich. Jetzt steht er kurz vor dem ersten Staatsexamen, danach will er für einen „Master of Law“ ins Ausland gehen. All das ist nicht billig: Weil er schon zum zweiten Mal studiert, fielen für ihn Darlehensangebote wie das der KfW von vorneherein aus. Von Career-Concept erhält er nun sechs Semester lang monatlich 350 Euro, damit er nicht jobben muss. Sobald er in den Beruf einsteigt, beginnt er mit der Rückzahlung.

Der Bildungsfonds ist ein klassisches Finanzprodukt mit einem eher ungewöhnlichen Anlageziel. Wer als Anleger in einen solchen Fonds investiert, erhofft sich selbstverständlich Gewinne. Gesetzt wird aber nicht auf Aktien oder Immobilien, sondern auf ambitionierte Studenten. Diese erhalten ihre monatlichen Auszahlungen von bis zu 1000 Euro aus einem Topf, der mit 30 Millionen Euro Anlegerkapital gefüllt ist. Insgesamt können bis zu 30 000 Euro ausgezahlt werden. Die Rendite ergibt sich dann aus dem, was ein erfolgreicher Hochschulabsolvent nach seinem Studium in diesen Topf zurückzahlt. Die Rückzahlungsbeträge werden nicht in festen Raten abgestottert, sondern müssen als zuvor festgelegter Prozentsatz des Gehalts innerhalb eines festen Zeitraumes abgezahlt werden. In 98 Prozent der Fälle liegt dieser Anteil zwischen drei und zehn Prozent, für Promovierte oder MBA-Absolventen wird es auch mal mehr – maximal sind 15 Prozent des Gehalts. Verdient ein Absolvent in seinem späteren Beruf sehr gut, dann folgen daraus hohe Rückflüsse an den Fonds und damit an die Anleger. Bringt er es in punkto Salär nicht so weit wie erwartet, zahlt er eben dem vereinbarten Prozentsatz entsprechend weniger.

Maximale Rückzahlung: 15 Prozent vom Gehalt

Studienfinanzierung ohne Risiko für den Studenten, womöglich noch umsonst? Das klingt nach Bauernfängerei. Natürlich bekommt hier niemand wirklich etwas geschenkt. Denn die Fördermöglichkeiten sind nur jenen zugänglich, die den Aufnahmekriterien genügen. In einem mehrstufigen Online-Assessment werden neben harten Fakten wie der Abiturnote auch weiche Kompetenzen wie soziales und politisches Engagement abgefragt. Ergänzt wird dieses Verfahren bisweilen durch ein persönliches Telefongespräch.

Studenten mit einer rosigen beruflichen Zukunft werden auch noch nach Abschluss ihres Erststudiums gerne unterstützt. Über den Bildungsfonds können somit konsekutive Studiengänge wie der MBA und andere Master oder eine Promotion finanziert werden. Für Auslandsaufenthalte oder gar ein komplettes Auslandsstudium gibt es gesonderte Fördermöglichkeiten. „Viele Studenten benötigen nur eine einmalige Finanzierungshilfe, zum Beispiel, wenn es darum geht, ein sehr kostspieliges Auslandssemester in den Vereinigten Staaten zu absolvieren“, sagt Rolf Zipf, der Vorstandsvorsitzende von Career-Concept. Verpflichtungen gegenüber dem Fondsanbieter haben die Geförderten während des Studiums nicht, dafür aber Zugriff auf ein Netzwerk potentieller Arbeitgeber, auf Jobangebote, Praktika und Weiterbildungsprogramme. Bislang beziehen zwischen 2000 und 2500 Studenten finanzielle Mittel aus den rund 10 Fonds des seit 2002 bestehenden Unternehmens.

Grünes Licht von der Ratingagentur

Der zweite deutsche Anbieter von Bildungsfonds, die Deutsche Bildung GmbH, ist erst seit Herbst 2007 am Markt. Rund einhundert Nachwuchskarrieristen nehmen an dem Programm teil, hinter dem ein Fondsvolumen von 20 Millionen Euro steht. Gefördert wird ab dem ersten Semester, bewerben können sich Studenten aller Fachrichtungen. Wie bei Career-Concept sind bis zu 1000 Euro monatlich drin, in Einzelfällen mehr. Bei Vertragsabschluss verpflichtet sich der Student gleichfalls dazu, einen bestimmten Anteil seines zukünftigen Einkommens zusätzlich zu den Auszahlungen zurückzuzahlen. Dabei kann er seine Schulden binnen kurzer Zeit zu einem hohen Zinssatz oder über einen längeren Zeitraum hinweg zu günstigeren Konditionen begleichen.

Ähnlich wie die Fondsanbieter können jetzt auch Banken und Sparkassen ihre Kunden „bewerten“, bevor sie ein Darlehen vergeben. Ein System dafür hat das Hamburger Unternehmen Tenman Prognosys entwickelt. Ein spezielles Bewertungsverfahren ermittelt seit 2004 das so genannte „student loan rating“, auch „Karriereprognose“ genannt. Insgesamt 30 standardisierte Fragen – berücksichtigt werden unter anderem Abiturnote, Studiengang, Stand des Studiums und Nebenjobs, aber auch Einkommen und Beruf der Eltern – muss ein zukünftiger Kreditnehmer beantworten. Diese Antworten entscheiden darüber, ob das Programm rotes, gelbes oder grünes Licht auf dem Monitor anzeigt. Grün heißt bonitätsstark, auch Gelb bedeutet noch kreditwürdig, bei Rot sollten beim Kreditgeber die Alarmglocken läuten.

„Leider haben wir eben doch oft festgestellt, dass zum Beispiel das Aufwachsen in einem Akademikerhaushalt eine entscheidende Rolle bei der Kreditwürdigkeit eines Studenten spielt“, sagt der Geschäftsführer von Tenman Prognosys, Leander Hollweg. „Um soziale Klassifizierung geht es hier aber hier nicht“, erklärt er weiter. Vielmehr solle dem Umstand Rechnung getragen werden, dass sich langfristig die Zahl der Studienkreditnehmer stark erhöhen werde und Studienkredite teilweise ohne Bedenken und Bonitätsprüfung Darlehen bewilligt würden. „Das birgt ein hohes Verschuldungsrisiko für die Kreditnehmer“, warnt Hollweg. Bislang wird das Verfahren des Unternehmens aber nur von der Nord-Ostsee-Sparkasse genutzt.

Jens Falters Lebenslauf dürfte auch im System von Tenman Prognosys grünes Licht leuchten lassen. Seine Perspektiven sehen glänzend aus, so schätzt auch er selbst das ein. Deshalb macht er sich auch keine Sorgen über die Rückzahlungen, die auf ihn zukommen werden. Eine Stelle in einer Großkanzlei visiert er an. „Oder ich gehe in die Wirtschaft, ins Bankenwesen vielleicht.“ Dann kann er das Geld anderer Leute anlegen. Wie es sich anfühlt, selbst ein Anlageobjekt zu sein, das weiß er jetzt schon.

Wer sich den Auswahlprozeduren der Bildungsfonds nicht aussetzen will, den werden unter Umständen staatliche Studienkredite interessieren. Diese werden über die KfW-Förderbank ausgegeben, mit einer monatlichen Auszahlung von 100 bis 650 Euro sind sie in erster Linie für die Deckung der Lebenshaltungskosten bestimmt. Der Kredit ist mit derzeit 6,29 Prozent Zinsen vergleichsweise günstig und wird unabhängig vom Einkommen der Eltern und den persönlichen Karrierezielen gewährt. Der Student muss nur jedes Semester nachweisen, dass sein Leistungsstand den entsprechenden Vorgaben der Universität entspricht. Allein in den ersten drei Quartalen 2007 hat die KfW diesen Studienkredit 12 400 Studenten gewährt. Auch viele Privatbanken bieten vergleichbare Kredite für Studenten an. Einige Landesbanken vergeben außerdem Darlehen zur Finanzierung der Studiengebühren.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
 
 
Zum Thema
Bildung auf Pump
Sofort studieren, später zahlen
Mit Kredit zu Karriere und Kunden
Wer bezahlt mein Studium?
Chat-Protokoll: Studienkredite hängen nicht vom Einkommen ab
 
© F.A.Z. Electronic Media GmbH 2001 - 2008
Dies ist ein Ausdruck aus berufundchance.fazjob.net