Universitäten

Der neue Kampfgeist auf dem Campus

Von Winand von Petersdorff und Bettina Weiguny

Gut lachen hat Rudolf Steinberg (Mitte), Präsident der Frankfurter Goethe-Universität, bei der Übergabe  einer 30 Millionen-Euro-Spende

Gut lachen hat Rudolf Steinberg (Mitte), Präsident der Frankfurter Goethe-Universität, bei der Übergabe einer 30 Millionen-Euro-Spende

18. Juli 2007 

Es gibt Glückstage im Leben eines Universitätspräsidenten. Der morgige Montag ist ein solcher Tag für Rudolf Steinberg. Der Präsident der Universität Frankfurt wird dann seinen Trumpf ausspielen: Er hat eine Mäzenin gefunden, eine Frankfurter Bürgerin, Witwe eines Bankiers, die der Hochschule mehr als 30 Millionen Euro vermacht. "Eine enorme Summe", verkündet Steinberg voller Stolz. Die Spende soll in das Stiftungsvermögen der Universität einfließen. Frankfurt möchte wieder werden, was schon bei ihrer Gründung 1914 galt: eine Stiftungsuniversität. Noch vor zehn Jahren wäre die Idee, dass sich Bürger für die Einrichtung finanziell engagieren, undenkbar gewesen, erklärt der Präsident. "Universitäten, Politik und Gesellschaft waren getrennte Blöcke, starr und unvereinbar, dazwischen tiefe Gräben."

Das hat sich gewandelt. Es ist Bewegung gekommen in das deutsche Hochschulwesen. Nicht nur in Frankfurt. Überall kämpfen die Universitäten um Profil, Geld und Exzellenz mit einer Energie, die den verkrusteten Einrichtungen keiner zugetraut hätte. Von Tübingen bis Kiel, von Freiberg bis München, von Lüneburg bis Darmstadt erschallt ein Ruf, der da lautet: Wir wollen Elite sein. Das hätte es vor 20 Jahren nicht gegeben.

Ende der McDonald's-Politik

Steinberger und Johann Dietrich Wörner unterzeichneten 2005 schon unter den Augen des hessischen Wirtschaftsministers Udo Corts (Mitte) ein Kooperationsabkommen

Steinberger und Johann Dietrich Wörner unterzeichneten 2005 schon unter den Augen des hessischen Wirtschaftsministers Udo Corts (Mitte) ein Kooperationsabkommen

"Wir wollen aus einer kaum bekannten Adresse eine der besten öffentlich-rechtlichen Universitäten Europas machen, ein Vorbild für die gesamte deutsche Hochschullandschaft", tönt Universitätspräsident Sascha Spoun. Er spricht nicht von München, er spricht von Lüneburg. Die McDonald's-Politik der Gleichmacherei in den Hochschulen hat ein Ende, jubelt Peter Gruss, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft. Wolfgang Herrmann, Präsident der TU München, will Headhunter einsetzen, um Topwissenschaftler zu akquirieren. Eine Dependance der TU in Singapur soll ausländische Elitestudenten werben. Die Universität Bremen mausert sich von der "roten Kaderschule" zur Karriereschmiede. Und Steinberg, der Frankfurter, sieht seine Universität ohnehin ganz weit vorn, zumindest was Autonomie und Ambition angeht.

Aus mehreren Gründen erwacht der Kampfgeist auf dem Campus: Mit der sogenannten Exzellenzinitiative ist ein Ruck durch Deutschlands höhere Bildungsstätten gegangen. Um wenigstens an einen Teil dieses 1,9-Milliarden-Euro-Kuchens zu kommen, mussten sich plötzlich Professoren zusammenschließen, die sich früher kaum gegrüßt hatten. Denn es galt, in gemeinsamer Anstrengung und gegen harte Konkurrenz Geld in die Almer Mater zu lenken. Selbst mit den Max-Planck-Instituten, die sonst gerne ihr Eigenleben pflegten, wird jetzt kooperiert. Die Max-Planck-Institute sind an den meisten Exzellenzclustern beteiligt, die Geld aus der weitgehend vom Bund finanzierten Initiative beziehen.

Es geht um Geld und Strahlkraft

Ich kaufe mir eine Uni: Klaus Jacobs (links) war das Bremer Institut 200 Millionen Euro wert. Uni-Direktor Joachim Treusch klatscht Beifall

Ich kaufe mir eine Uni: Klaus Jacobs (links) war das Bremer Institut 200 Millionen Euro wert. Uni-Direktor Joachim Treusch klatscht Beifall

"Entscheidend an der Exzellenzinitiative ist erst einmal, dass sie eine völlig neue Ära des Wettbewerbs der deutschen Hochschulen eingeläutet hat", referiert der Münchner Präsident Herrmann. "Sie weckt Bewusstsein dafür, dass es einen Aufstieg gibt, aber auch einen Abstieg." Nun sucht jede Einrichtung nach einem Weg, sich zu profilieren, zu glänzen, zu protzen. Plötzlich ist der Wille da, die Nummer eins zu werden. Es geht dabei nicht nur um Geld, sondern auch um die Strahlkraft, die der Titel Eliteuniversität hat, für gute Wissenschaftler und gute Studenten.

"Die Auswirkungen sind enorm", berichtet der Dekan des Fachbereichs Chemie, Biochemie und Pharmazie, Harald Schwalbe, in Frankfurt. Schwalbe, der von der renommierten amerikanischen Eliteschmiede MIT an den Main gekommen ist, ist im Herbst zusammen mit dem Biochemiker und Nobelpreisträger Hartmut Michel vom Max-Planck-Institut und anderen Kollegen für den Exzellenz-Cluster "Makromolekulare Komplexe" ausgezeichnet worden. In dem Zentrum forschen Mediziner, Chemiker, Pharmazeuten und Biologen der Universität gemeinsam mit zwei Max-Planck-Instituten. Die beteiligten Forschungseinrichtungen erhalten etwa 35 Millionen Euro aus der Exzellenzinitiative, verteilt über fünf Jahre. "Das Ganze beruht auf einer früheren Zusammenarbeit, aber ohne die zusätzlichen Gelder hätten wir das Projekt nie aufziehen können", erzählt Schwalbe.

Einige Minister haben dazu gelernt

Zehn zusätzliche Professoren mit jeweils vier, fünf Doktoranden werden speziell für dieses Projekt eingestellt. Auch der Chemiekonzern Sanofi unterstützt das Projekt finanziell und beteiligt sich mit eigenen Wissenschaftlern an der Forschung, in der Hoffnung, aus den Ergebnissen später einmal Wirkstoffe für Medikamente entwickeln zu können. Auch wenn nicht überall so eng beisammen, die regionale Zusammenarbeit zwischen Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen wird allerorts intensiviert.

Geworben wird nicht nur für gute Forschung, sondern auch um gute Studenten. Die Elite-TH Karlsruhe beschränkt den Zugang zum Maschinenbau auf die guten Studenten, um Elite zu bleiben. Seit Ende 2005 können die Universitäten selbst in Numerus-clausus-Fächern wie Medizin oder Biologie bis zu 60 Prozent der Studienanfänger selbst auswählen. Unterstützt wird der Umbruch durch Minister, die gelernt haben, dass sich Leistung nicht verordnen lässt, sondern eine Folge von Freiheit und Wettbewerb ist. Die Universitäten bekommen mehr Autonomie. Das Hochschulrahmengesetz wird im nächsten Jahr ersatzlos gestrichen, die Landesminister in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Sachsen oder Hessen lockern die Zügel.

Vorbild Amerika

Einer der Vorreiter ist der hessische Wissenschaftsminister Udo Corts, der nicht nur die TU Darmstadt Autonomie testen ließ, sondern auch der Johann Wolfgang Goethe-Universität die Freiheit schenkt. Wenn sie zum 1. Januar 2008 als Stiftungsuniversität startet, dann kann sie freie Entscheidungen treffen, was das Personal, was die Gebäude des Campus angeht und die Verteilung der finanziellen Mittel. "Wir können endlich selbst entscheiden, welche Schwerpunkte wir künftig setzen", freut sich Präsident Steinberg. Die Berufung von Professoren bekommen die Frankfurter komplett in die eigenen Hände. Für das Gebäudemanagement sucht die Hochschule zur Zeit Immobilienprofis. Sie braucht keine Genehmigung von der Landesregierung aus Wiesbaden mehr, wenn sie sich eine Ladenzeile auf den Campus holt. Sie kann eigene Tarifverträge abschließen, Leistungsanreize in die Arbeitsverträge aufnehmen.

Frankfurt ist nicht die erste Einrichtung, die sich in eine Stiftung wandelt. In Niedersachsen sind bereits 2003 mehrere Universitäten - auf Drängen des Landes hin - wie beispielsweise die in Göttingen in eine Stiftung überführt worden. Frankfurt aber hat den Anspruch, Vorbild zu werden. "Bei unserer Gründung 1914 waren wir eine der besten und bestausgestatteten Einrichtungen. Das wollen wir wieder werden." Damals hatten bedeutende Frankfurter Unternehmer wie die Mertons und die Rothschilds die Universität gestiftet. Heute spielt Steinberg den Fundraiser. Er tingelt von Abendveranstaltung zu Abendveranstaltung und lädt ausgewählte Persönlichkeiten an die Universität zur exklusiven Präsidentenrunde.

Frankfurt hat die Ambition, in diesem Jahr ein Stiftungsvermögen von 120 Millionen Euro aufzubauen. 20 Millionen gibt das Land aus den Verkaufserlösen der alten Universitätsgebäude. Weitere 50 Millionen kommen aus demselben Topf, wenn Steinberg und seine Leute es schaffen, genauso viel bei Privatleuten und Firmen einzuwerben. Ein Euro vom Land für jeden Euro von Mäzenen, das ist ein echter Anreiz zum Klinkenputzen und Antichambrieren. "Der Anfang ist geschafft." Das zeigt nicht nur die Spende an die Universität Frankfurt. Das Geld scheint lockerer zu sitzen. 30 Millionen stiftet der Unternehmer Klaus-Michael Kühne für eine School of Logistics and Management, die mit der TU Harburg verknüpft wird. Den Spendenrekord hält noch die private frühere International University Bremen: 200 Millionen Euro vom Kaffee-Milliardär Klaus Jacobs.

Vorerst keine großen Sprünge

Das ist weit weg von amerikanischen Verhältnissen. Dort sitzt die Harvard-Universität auf einem Stiftungsvermögen von 29 Milliarden Dollar. Doch davon lässt sich die neue Generation der Hochschulpräsidenten nicht entmutigen. Die Bergakademie Freiberg in Sachsen hat 50 Unternehmen als Stifter gewonnen und kann sechs Millionen zusätzlich im Jahr ausgeben. Der Frankfurter Steinberg hat seit 2000 mehr als 30 Stiftungs-Professuren an die Universität geholt. Demnächst wird die Arbeit auf professionelle Basis gestellt mit einem eigenen Fundraising-Team.

Mit Erlösen aus dem Stiftungsvermögen sind vorerst keine großen Sprünge möglich. Bestenfalls kann ein professioneller Vermögensverwalter fünf Millionen Euro Zinsen herausholen, da Stiftungen hierzulande, anders als in Amerika, keine freie Hand bei der Anlage von Vermögen haben. Bei einem Gesamthaushalt von 450 Millionen Euro im Jahr ist das nicht wirklich viel. "Aber das sind fünf Millionen on top. Da macht das Verteilen besonders viel Spaß." Und Steinbergs Ziel ist natürlich, das Stiftungsvermögen kontinuierlich zu steigern.

Dass Chemie- und Pharmakonzerne, die Maschinenbau- und Automobilbranche die Grundlagenforschung an den Universitäten mit bis zu einer halben Million Euro im Jahr unterstützen, ist bereits normal. Erfolgreiche Professoren holen so ein, zwei Millionen Euro für ihren Forschungsbereich rein. Neu aber ist, dass sich jetzt auch Vorstände verpflichten lassen, Vorlesungen an den Universitäten zu halten. So hat MAN vergangene Woche bekanntgegeben, dass der Vorstandsvorsitzende Hakan Samuelsson im November seine erste Vorlesung an der Technischen Universität München halten wird. Daneben finanziert MAN 100 Stipendien. 400 000 Euro im Jahr steuert der Nutzfahrzeugkonzern so jährlich bei.

Die Mobilisierung der privaten Vermögen ist bitter nötig. Pro Studierenden sinken die öffentlichen Zuwendungen. Spielraum ist noch: Im Vergleich zu den Amerikanern knausern die Deutschen.

Bologna, Cluster, Exzellenz - das neue Uni-Latein:

- Bologna: Gemeinsam mit seinen europäischen Nachbarn hat sich Deutschland 1999 in Bologna das Ziel gesetzt, bis 2010 einen gemeinsamen europäischen Hochschulraum zu schaffen. In der Praxis bedeutet das, dass die deutschen Diplomstudiengänge durch ein Zweistufensystem mit Bachelor- und Masterstudiengängen ersetzt werden. Das Ziel: Die Abschlüsse sollen europaweit vergleichbar werden.

- Cluster, Kooperationsnetze: Die Bundesregierung will die Universitäten zur Kooperation anspornen. Mit Clustern sollen an den Universitäten international sichtbare Forschungs- und Ausbildungseinrichtungen etabliert werden, die mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen, Fachhochschulen und der Wirtschaft kooperieren. Für jeden dieser etwa 30 geförderten Cluster stehen im Rahmen der Exzellenzinitiative pro Jahr durchschnittlich 6,5 Millionen Euro zur Verfügung, insgesamt also 195 Millionen Euro pro Jahr.

- Exzellenzinitiative: Ein Förderprogramm, das deutsche Universitäten besser machen soll. Von 2006 bis 2011 gibt es 1,9 Milliarden Euro von Bund und Ländern für Graduiertenschulen, Exzellenzcluster und Eliteunis. In der ersten Runde erhielten die beiden Münchner Universitäten und die Technische Hochschule Karlsruhe den Eliteuni-Status. Zudem wurden 18 Graduiertenschulen und 17 Cluster ausgezeichnet. Im Sommer werden die Anträge für die zweite Runde begutachtet. Die Sieger werden im Oktober bekanntgegeben.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: Frank Röth, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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