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Im Gespräch: August-Wilhelm Scheer

„Guckt euch die Googles dieser Welt an“



Scheer: "Wir müssen die IT-Interessierten mehr fördern"
10. April 2008 
Herr Professor Scheer, mal ganz pragmatisch: Wie kann man junge Leute für Informationstechnik begeistern - in zwei Sätzen?

Ich würde sagen: Guckt euch die Googles dieser Welt an, in kaum einer Branche kann man derart die Welt verändern wie in der Informationstechnik. Bill Gates, Steve Jobs, all die Gründer der Technologieszene - sie sind vom Garagenbesitzer zum Milliardär geworden und haben es geschafft, unsere Welt zu prägen.

Die deutsche ITK-Branche soll 2008 nur um 1,6 Prozent wachsen - nicht wirklich ein Grund zum Jubeln.

Das stimmt. Das Bild wird vor allem getrübt vom Telekommunikationsbereich. Dort gab es zwar ein enormes Mengenwachstum, zum Beispiel an telefonierten Minuten. Aber die Unternehmen haben ihre Preismodelle noch nicht gefunden, um dies auch in wachsende Umsätze zu bringen. Die Informationstechnik und der Markt für neue Medien hingegen haben um 6 Prozent zugelegt, das wiederum ist sehr erfreulich. Ich hoffe, dass die ITK-Branche nächstes und übernächstes Jahr endlich wieder mal stärker wächst als die Gesamtwirtschaft.

Was müssen Bewerber mitbringen?

Die Branche sucht vor allem IT-Fachkräfte mit Hochschulabschluss. Um neue Produkte zu entwickeln, muss die Qualifikation hoch sein. Die Anwendungsbranchen hingegen brauchen zum Beispiel Systemadministratoren, um die eigene Infrastruktur zu managen. Hier sind Nachwuchskräfte mit Ausbildungsabschlüssen gefragt.

Die Abbrecherquote im Informatikstudium liegt bei mehr als 50 Prozent. Was läuft falsch?

Wir müssen die IT-Interessierten mehr fördern. Wer Informatik studieren will, der sollte in kleinen Gruppen lernen. Skandinavien ist hier ein Vorbild. Wichtig ist auch: Bloß keine vorzeitige Aussortierung durch Einstiegstests, das ist der falsche Weg. ANTWORT: Unternehmen sollten frühzeitig junge Mädchen und Jungen an die Informationstechnik heranführen. Heute erfahren Jugendliche mit 14 oder 15 Jahren, welche Berufe sie in der IT lernen können. Besser wäre, wenn dies schon früher stattfände, etwa mit 12 Jahren.

Wie sollten sich IT-Fachkräfte fit halten - vom Technikwissen abgesehen?

Den Programmierer als autistischen Individualisten, den gibt es schon lange nicht mehr. Heute sind soziale Kompetenzen gefragt. Niemand entwickelt mehr IT-Produkte isoliert im stillen Kämmerlein. ANTWORT: Produktentwicklung geschieht in Teams. Um in diesen zu arbeiten und sie zu führen, braucht man Kommunikations- und Präsentationsfähigkeiten. Auch Managementfähigkeiten werden immer wichtiger.

Wir brauchen also ein neues Bild vom IT-Fachmann?

Ja, eindeutig. Die Informationstechnik bietet so viele Anwendungsmöglichkeiten, in denen junge Menschen ihre Interessen ausleben können. In der "Green IT" kann man dafür sorgen, dass Lösungen entwickelt werden, die die Umweltbelastung reduzieren. ANTWORT: Wer kranken Menschen helfen will, kann in der Medizintechnik Diagnose- und Therapiemöglichkeiten durch den Einsatz von IT verbessern.

Ohne IT läuft nichts mehr?

Ja, zum Teil stimmt das schon. Es wird sicher in ein paar Jahren kein Auto mehr ohne Internetanschluss ausgeliefert werden. Zudem wird die IT in den Fahrzeugen immer intelligenter: Autos werden untereinander kommunizieren, ohne dass der Fahrer dies mitbekommen muss. So könnte das Fahrzeug des Vordermanns das eigene vor einer Öllache auf der Fahrbahn warnen. Hinter all dem steckt IT.

Wie sieht es mit Ausgründungen aus Forschungseinrichtungen aus?

Wir sind auf einem guten Weg. Die Spin-off-Rate ist noch gering, aber die Einstellung zu Ausgründungen hat sich gewaltig verändert.

Inwiefern?

Als ich 1984 die IDS Scheer AG als Spin-off gegründet habe, bin ich in der Wissenschaftsgemeinschaft fast wie ein Aussätziger, ein Outlaw behandelt worden. Mittlerweile haben die Forscher festgestellt, dass es sexy ist, wenn ihre Ideen zu Produkten werden.

Wie lässt sich die Ausgründungszahl erhöhen? Wer kann das vorantreiben?

Da sind die Universitäten gefragt. Sie müssen junge Wissenschaftler und Gründer begleiten. Dafür muss ein Belohnungssystem aufgebaut werden: Universitäten müssen honoriert werden, wenn sie Ausgründungen fördern. Das gilt auch für Max-Planck-Institute und Fraunhofer-Gesellschaften.

Das Gespräch führte Uta Bittner



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Jan Roeder
 
 
   
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