Von Josefine Janert
13. Juli 2007Als Pei Zhang im April 2003 in Deutschland eintraf, fielen ihr als Erstes die vielen älteren Menschen auf. "In China sieht man überall Junge auf den Straßen", sagt die Studentin aus der Provinz Shan Xi. Die 24-Jährige hatte noch mehr Gelegenheiten zum Staunen. Die Autos halten für Fußgänger an, wenn die Ampel auf Grün springt! Zur Hochschule geht man nur, wenn Vorlesung ist oder man in der Bibliothek arbeiten möchte. In China ist das anders. Die Uni steht auf einem Campus mit Wohnheimen, Mensa, Supermarkt und sogar einem Friseur. "Die Studenten konzentrieren sich aufs Lernen", sagt Pei Zhang. "In Deutschland müssen sie alles selbst organisieren."
In einem fremden Land eine Bleibe suchen und einen Haushalt führen - das fällt ausländischen Studenten nicht immer leicht, gleich, woher sie stammen. "In ihrer süd- oder südostasiatischen Heimat leben sie in großen Familienverbänden", berichtet Hannelore Bossmann, die beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) für diese Region verantwortlich ist. An den deutschen Unis reden Ausländer oft genug nur mit anderen Ausländern - auf Englisch. Viele fühlen sich recht einsam.
Auch Pei Zhang fiel es anfangs schwer, Freundschaften mit einheimischen Kommilitonen zu schließen. Ihr Deutsch war noch holprig. Manch einer brachte nicht die Geduld auf, ihr zuzuhören. Inzwischen spricht sie gut, hat in Kursen, auf Partys und beim Sport Kontakte geknüpft: "Viele Menschen hier sind begeistert von der chinesischen Küche. Deshalb laden wir Studenten und Dozenten jedes Jahr zu unserem Frühlingsfest ein."
Die hochgewachsene Frau ist in Stendal, einer Stadt in Sachsen-Anhalt, für Betriebswirtschaft eingeschrieben. Dort leben etwa 1400 Studenten. Die Hochschule Magdeburg-Stendal (FH) hat seit fünf Jahren einen Kooperationsvertrag mit der Uni in Zhangs Heimatstadt Taiyuan. Deshalb entschied sich Zhang für Deutschland, einen Staat, mit dem viele Chinesen Begriffe wie "Intercity" und "Bier" verbinden, sagt sie. Ein Jahr lang besuchte sie einen Intensivsprachkurs, dann begannen die Seminare. Sie ist fleißig. Drei Praktika hat sie hinter sich, eines im Deutschen Technikmuseum, ein zweites in der Personalabteilung eines Pharmaunternehmens. Während ihre deutschen Kommilitonen Business English lernen, liest Zang die Wirtschaftspresse und prägt sich Wörter wie "Ölpreissteigerung" und "Wirtschaftsforum" ein.
Chinesen stellen unter den ausländischen Studenten die mit weitem Abstand größte Gruppe, gefolgt von Bulgaren, Polen, Russen und Marokkanern. Im Jahr 2000 waren 8745 Studenten aus dem Reich der Mitte an hiesigen Hochschulen, im Jahr 2005 waren es schon 26 061. Franzosen, Briten und US-Amerikaner kommen hingegen eher selten zu uns. "In China wird die deutsche Technikerausbildung hoch geschätzt", berichtet Pei Zhang. Viele ihrer Kommilitonen aus Taiyuan sind in Magdeburg, wo sich der zweite Standort der Hochschule mit 5000 Studenten befindet, für Fächer wie Maschinenbau und Abfallwirtschaft immatrikuliert.
Für technische und naturwissenschaftliche Studiengänge spricht, dass die Fähigkeiten, die man erwirbt, meist ohne Schwierigkeit in einem anderen Land anwendbar sind. "Eine Schraube ist auch in Indien eine Schraube", sagt Hannelore Bossmann. "Für die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften wünsche ich mir mehr internationale und vergleichende Themen. Ein Vietnamese findet ein Seminar über das europäische Mittelalter wohl nicht so spannend." Vielleicht aber einen Kurs über die Frage, wie der Finanzausgleich in Deutschland und in Asien geregelt ist.
Als eine von wenigen Frauen studiert Jabre Burns Maschinenbau/Fertigungstechnik an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen. "In der Schule fielen mir musische Fächer leicht", sagt die Amerikanerin. "Doch ich wollte mich fordern - die Technik verändert sich ja ständig." Ihre ersten Lebensjahre verbrachte Burns in Deutschland, wo ihr Vater tätig war. Anschließend zog die Familie nach Japan und zurück in die Vereinigten Staaten. Als sie mit 20 Jahren nach Aachen aufbrach, um zu studieren, beherrschte Jabre Burns die Sprache gut. Trotzdem hatte sie Probleme mit dem Behördendeutsch. Bitte schön, was ist das Einwohnermeldeamt? Und was bedeuten die kryptischen Sätze auf verschiedenen Formularen?
Um die ersten Monate an der Hochschule durchzuhalten, "muss man hoch motiviert sein", sagt auch Nobila Jean Marc Ouedraogo. Der 30-Jährige hatte in seinem Heimatland Burkina Faso mehrere Semester Medizin studiert, bevor er sich entschied, nach Deutschland zu gehen. Erst besuchte der Westafrikaner einen Sprachkurs in Berlin, dann ging er an die Uni Bielefeld, die sein Wunschfach anbietet: Gesundheitswissenschaften. Mit Schaudern denkt Ouedraogo an die ersten Tage zurück. Ohne Freunde und völlig auf sich allein gestellt, hockte er in einer Jugendherberge und versuchte, sein Leben zu regeln.
Ein paarmal stellte er sich in Wohngemeinschaften vor, die einen Mitbewohner suchten, und hörte dann, dass "das Zimmer leider doch schon weg ist". Erhielt er eine Absage, weil er Afrikaner ist? Ouedraogo weiß es nicht. In den ersten Wochen wartete er in Bielefeld noch auf das Ergebnis einer Deutschprüfung und die daran geknüpfte offizielle Zulassung zum Studium. Währenddessen besuchte er schon Vorlesungen und bestand einen ersten Test. Andere Studenten ließen sich Bibliothek und Computerzentrum zeigen, ihm blieb dafür keine Zeit. Er musste den Verwaltungskram bewältigen. Mit seinem Fach ist er zufrieden: "Wir hatten mehrere Praxisprojekte mit Gesundheitseinrichtungen in der Stadt. In meinem Land geht man in die Vorlesung, schreibt alles auf und gibt es dann in der Prüfung wieder."
In Deutschland wird Selbständigkeit erwartet. Ein Doktorand stellt seine Forschungsergebnisse vor, diskutiert sie mit anderen. Wenn sich Ausländer erst einmal daran gewöhnt haben, "betrachten sie es als Gewinn", meint Hannelore Bossmann. Wo soll man im Land der Dichter und Denker überhaupt studieren? "Geprägt von den Rankings in den Vereinigten Staaten, wollen viele wissen, welches unsere Top-Universitäten sind", sagt die DAAD-Mitarbeiterin. Die Antwort falle ihr nicht leicht.
Viele Studenten gehen zum Beispiel auch dorthin, wo Landsleute mit Erfolg studiert haben und wo es historische Verbindungen gibt. Polen zieht es nach Bochum, weil da schon andere Polen sind, Thailänder nach Aachen, Vietnamesen in den Osten - wohl aufgrund der engen Kontakte ihres Landes zur DDR. Sridhar Arumugam aus Südindien fühlt sich in Bonn wohl. Der 28 Jahre alte Biologe schreibt seine Doktorarbeit über medizinische Parasitologie. Er will in der Tropenmedizin arbeiten. An Deutschland beeindrucken ihn das hohe fachliche Niveau, die Sauberkeit und die Pünktlichkeit, berichtet der DAAD-Stipendiat. Nein, er sei wegen seiner Herkunft nie diskriminiert worden. Einen Freund jedoch, ebenfalls Wissenschaftler, habe die Frankfurter Polizei in Handschellen abgeführt, weil er bei einer Kontrolle auf der Straße den Pass nicht mit dabei hatte.
Rassistische Anfeindungen gegen ausländische Studenten sind selten. Pei Zhang hat in Sachsen-Anhalt keine erlebt. An der Hochschule ist sie in laufende Studienprojekte integriert - dafür sorge auch ein Dozent. Das läuft nicht überall so. Der deutsche Soziologiestudent Martin Menacher nennt ein Beispiel: In einem Kurs sitzen Studenten aus sieben Ländern. Werden nun Arbeitsgruppen gebildet, teilt man die Ausländer nicht etwa auf. Sie landen alle in einer Gruppe. Der 23-Jährige ist an der Uni Bielefeld immatrikuliert und mit Studenten aus Afrika befreundet. Dass Deutsche vielleicht ein paar andere Eigenheiten haben als Ausländer, sei nicht das Problem. Vielmehr werde deren Eingewöhnung dadurch erschwert, dass viele Deutsche sich abschotten und Ausländer unter sich bleiben: "Die Integration ist aber ein Prozess, der von beiden Seiten ausgehen muss."
Um die Situation seiner Kommilitonen zu verbessern, engagiert sich Menacher im Bundesverband Ausländischer Studierender. Wer aus einem Entwicklungsland stamme, habe hier insbesondere mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen: "Wir fordern, dass alle Studenten uneingeschränkt arbeiten dürfen." Das Gesetz sieht eine Beschränkung auf 90 ganze oder 180 halbe Arbeitstage pro Jahr vor. Für Praktika gelten Sonderregelungen. Das fehlende Geld sei der Hauptgrund dafür, dass die Hälfte der sogenannten Freemover ihr Examen nicht schafft, sagt Anke Börsel vom Deutschen Studentenwerk. Freemover sind Ausländer, die ihr gesamtes Studium in Deutschland absolvieren.
Jabre Burns sitzt mittlerweile an ihrer Examensarbeit, die sie bei einem Autokonzern schreibt. Die Amerikanerin ist stolz darauf, dass sie die schwierige Anfangszeit gemeistert hat. "In den Vereinigten Staaten hätte ich diese Eigenständigkeit nie entwickelt." Zuvor studierte die 27-Jährige in Pennsylvania. Dort hatte Burns einen Mentor, der sie sogar über die Zahl ihrer Seminare pro Semester beriet. Würde er seinen Bekannten aus Burkina Faso raten, in Deutschland zu studieren? Ja, meint Nobila Jean Marc Ouedraogo: "Aber ehrlich gesagt: Es ist nicht einfach."
Nordrhein-Westfalen ist am beliebtesten
Knapp 246.000 Ausländer studierten laut Statistischem Bundesamt im Wintersemester 2006/2007 an deutschen Hochschulen - 16 Prozent mehr als noch 2001/2002. Das mit Abstand beliebteste Bundesland ist Nordrhein-Westfalen, gefolgt von Baden-Württemberg und Bayern. Wenig Ausländer findet man in Mecklenburg-Vorpommern. Deutschlandweit schreiben sich die meisten für Rechts-, Wirtschafts- oder Sozialwissenschaften ein. Die Begeisterung für die Ingenieurwissenschaften wächst: 2001/2002 immatrikulierten sich dafür 38 637 Ausländer, 2005/2006 waren es schon 52 315, der Frauenanteil unter den ausländischen Ingenieurstudenten lag bei 23,6 Prozent (bei den deutschen Frauen bei 19,5).
In diesen Zahlen sind Bildungsinländer nicht berücksichtigt. Mit dem Wortungetüm bezeichnen Statistiker Personen mit ausländischer Staatsbürgerschaft, die ihre Hochschulzugangsberechtigung in Deutschland erworben haben.
Text: F.A.Z., 07.07.2007, Nr. 155 / Seite C6
Bildmaterial: AP, F.A.Z. - Tresckow