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Auslandspraktika

Interkulturelle Kompetenz als Karriereplus

Von Stefan Klotz



Ein Praktikum im Ausland erweitert den Horizont: Deutsche Studenten auf Teneriffa, wo sie ein Kulturzentrum bauten
18. Februar 2008 
Kein Abschiedsgruß, der Gesprächspartner hatte einfach aufgelegt. In Deutschland ein Affront, in China normal. „Man merkt doch, wenn alles gesagt ist.“ So hat ein Chinese Susanne Eiden erklärt, warum in seinem Land Telefonate ohne Verabschiedung beendet werden. Vor drei Jahren war die 24 Jahre alte Studentin aus Darmstadt in Qingdao, im Nordosten der Volksrepublik. Dort absolvierte sie für zweieinhalb Monate ein Praktikum bei einem Hersteller von Messgeräten. An der Technischen Universität (TU) Darmstadt studiert sie Wirtschaftsinformatik: „In dem Fach gehört ein Auslandspraktikum zum guten Ton“, sagt Eiden.

Deswegen hilft sie heute selbst mit, ihren Kommilitonen den Weg in die weite Welt zu ebnen. Eiden arbeitet ehrenamtlich beim International Placement Center (IPC) an der TU. Seit 1990 vermittelt der Verein angehende Wirtschaftsinformatiker und Wirtschaftswissenschaftler, die an einer deutschen Universität studieren, ins Ausland. Etwa 800, schätzt Eiden, habe das IPC bisher untergebracht. „Wenn man nicht im Ausland studiert hat, sollte man wenigstens für ein Praktikum raus“, sagt sie.

Personaler achten auf Auslandserfahrung

Das gilt nicht nur für künftige Wirtschaftsingenieure. „Es ist nicht mehr wie früher, als nur Kultur- und Fremdsprachenstudenten ins Ausland gingen“, sagt Günter Müller-Graetschel, Leiter des Referats Internationaler Praktikantenaustausch beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD). „Ein Auslandsaufenthalt ist immer ein Schritt für die Persönlichkeitsentwicklung.“ Schließlich beweist man damit Flexibilität und erwirbt interkulturelle Kompetenz. Das glauben offenbar auch Personalverantwortliche, wie Umfragen zeigen: Sie achten nach eigenen Angaben darauf, ob ein Bewerber Auslandserfahrung mitbringt.

Will man ein Praktikum fern der Heimat finden, gehört der DAAD zu den ersten Anlaufstellen. Der Dienst gibt Auskunft, vermittelt Plätze und fördert Praktikanten mit Programmen wie „Leonardo da Vinci II“. Eine von Continental in Auftrag gegebene Studentenumfrage vom vergangenen Jahr – die aktuelle Erhebung läuft gerade – stellte jedoch einen leichten Rückgang der Auslandspraktika fest. Als größtes Hindernis nannten die Studenten die Finanzierung, obwohl die Befragten – aus Natur-, Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften stammend – eher Aussicht auf einigermaßen angemessene Bezahlung haben. Die über das IPC vermittelten Hospitanten etwa bekommen monatlich bis zu 1000 Euro. Für Geistes- und Sozialwissenschaftler sieht es dagegen schlechter aus, was die Bezahlung angeht. Deshalb unterstützt der DAAD in diesem Jahr mehr als 4000 Studenten mit Stipendien und Zuschüssen. Das Bundesbildungsministerium habe die Mittel für 2008 um 400.000 Euro erhöht, sagt Müller-Graetschel.

Trotzdem hält sich der Drang der Studenten ins Ausland in Grenzen. Müller-Graetschel ist in Deutschland auch für die internationale Praktikantenaustauschorganisation IAESTE verantwortlich, die ebenfalls Natur- und Ingenieurwissenschaftler ins Ausland vermittelt. „Die Vergütung ist so, dass die Studenten ihren Lebensstandard im Ausland halten können“, sagt er. Trotzdem ist die Bewerberzahl auf die 1000 Plätze stark zurückgegangen: Meldeten sich bisher rund 4000 Kandidaten im Jahr, so bewarben sich für 2008 nur circa 3100. Müller-Graetschel sieht in der Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master eine Ursache. Die Zeiten klassischer Sommerpraktika in den Semesterferien seien wegen der dichten Lehrpläne vorbei. In der vorlesungsfreien Zeit fielen jetzt Prüfungen und Hausarbeiten an. „Viele sagen, ,drei Monate weg, das können wir uns nicht leisten‘“, so seine Erfahrung.

Eine Frage des Geldes

Deshalb bemühe sich die TU Darmstadt, die Praktika ins Studienprogramm zu integrieren, sagt Vizepräsident Professor Reiner Anderl, der auch an der Continental-Umfrage mitwirkte. Bei der Wirtschaftsinformatik beispielsweise ist das aber noch nicht gelöst. Zwar sei ein Praktikum Voraussetzung für den Master, sagt Susanne Eiden. Noch sei aber nicht klar, ob der während des Master-Studiengangs oder zwischen Bachelor-Abschluss und Beginn des Masters zu absolvieren sei, wenn der Student nicht immatrikuliert sei. „Firmen wollen aber, dass der Praktikant eingeschrieben ist, sonst müssen sie oft Sozialabgaben zahlen.“ Eine andere Möglichkeit sieht Anderl darin, die Praktika zu stückeln. Doch das hat Nachteile für die Unternehmen. „Für die rentiert sich das nicht, dass die Praktikanten wieder gehen, wenn sie eingearbeitet sind“, gibt Müller-Graetschel zu bedenken. Das führe wiederum dazu, dass die Betriebe den Studenten weniger Geld für deren Arbeit während des Praktikums zahlten.

Aber auch die Unternehmen haben laut Anderl Nachholbedarf. Schwierig sei die dezentrale Organisation auch internationaler Firmen für die Studenten. „Eine Filiale in Frankfurt kann nur ein Praktikum in Frankfurt vergeben.“ Für das Ausland müsse man sich bei jeder einzelnen Filiale bewerben. Außerdem gibt es in vielen Ländern bürokratische Hürden wie die Beschaffung einer Arbeitserlaubnis.

So kommt es, dass sich ein regelrechter und paradoxer Markt der Auslandspraktika entwickelt: Um Zeit und Nerven zu sparen, buchen immer mehr Studenten gegen Gebühr ein Praktikum bei einem kommerziellen Anbieter – oft genug ein unbezahltes. Dafür wird ihnen die Bürokratie abgenommen. Carpe, ein Veranstalter von Sprachreisen, verzeichnet in diesem Geschäftsfeld nach eigenen Angaben einen erheblichen Zuwachs. Die Flexibilität und Kompetenz, die ihm der Auslandsaufenthalt vermitteln soll, ist manchem offenbar nicht nur lieb, sondern auch teuer.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa
 
 
   
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