Von Nina Brodbeck
01. Januar 2009Stimmungstest an einer deutschen Universität: "Ich fühle mich extrem unter Druck gesetzt", klagt ein Student. "Wir sind unsicher, völlig gestresst und haben Zukunftsangst", sagt der nächste. Und ein Kommilitone spitzt es zu: "Es ist die Hölle!"
Eine Umfrage "Von Studierenden für Studierende" hat die Projektgruppe Studierbarkeit unter den rund 34 000 Studenten der Berliner Humboldt-Universität durchgeführt, um herauszufinden, wie ihre Kommilitonen mit den Bachelor- und Master-Studiengängen zurechtkommen. Das düstere Fazit: "Bei der Konzeption und Umsetzung der neuen Studiengänge gibt es strukturelle Probleme", sagt Eva Fuchslocher, eine der Initiatoren. Die Studenten fühlten sich schlecht betreut, klagten über zu großen Leistungsdruck und starre Studienpläne. Selbst Vollzeitstudenten, die nicht nebenher arbeiten, keine Kinder haben und auch nicht chronisch krank sind, hätten Schwierigkeiten, ihr Studium in der Regelstudienzeit abzuschließen, weil viele Veranstaltungen nur einmal im Jahr angeboten würden und sich Seminare zeitlich überschnitten. "Von einem flexiblen, zeitnahen und transparenten Studium, wie in den Bologna-Zielen formuliert, kann keine Rede sein", fasst Fuchslocher ihre Erkenntnisse zusammen.
Im Mai vor einem Jahr wurden die Ergebnisse der Umfrage veröffentlicht. Verbessert hat sich seither wenig. "Ich kann die bekannten Antworten eigentlich einfach abhaken", sagt Tobias Rossmann, der 26 Jahre alte Referent für Lehre und Studium im studentischen ReferentInnen-Rat der Humboldt-Universität. "Aha - Überforderung. Aha - Leistungsdruck und Stress. Aha - Zukunftsangst." Seit drei Jahren berät er bei Problemen rund ums Studium. Besonders frustrierend sei, dass die meisten die Fehler allein bei sich selbst suchten. "Die sind völlig verzweifelt und sagen: ,Ich bin zu blöd fürs Studium. Ich schaffe die Anforderungen einfach nicht, also bin ich nicht der Durchschnittsstudierende, sondern der Idiot'", berichtet Rossmann. Dabei liegen die Fehler nach seiner Einschätzung im System. Die Arbeitslast, im Bologna-Jargon "Workload" genannt, sei größer denn je. Außerdem seien viele Modulbeschreibungen unklar.
Ähnlich negativ fällt das Urteil über die Umstrukturierung des Hochschulstudiums in Europa zehn Jahre nach dem Startschuss in Bologna auch anderswo aus. Ist die Reform gescheitert? Wäre eine Rückkehr zur alten Struktur die beste Lösung? "Auf keinen Fall", wehrt Anja Gadow vom AStA der Technischen FH Berlin ab. Statt neuer Änderungen sei Ruhe nötig, damit die Reformen greifen können. "Und die muss man dann evaluieren und schauen, was läuft gut, was schlecht."
Genau das haben die Mitarbeiter der AG Studienqualität am Zentrum für Lehrerbildung der Uni Potsdam getan. Um die Qualität des Lehramtsstudiums zu beurteilen, nahmen sich die Wissenschaftler die Studienordnungen und das Veranstaltungsverzeichnis vor. "Diese Dokumente zeigen den Ist-Zustand", sagt Mirko Wendland, einer der Initiatoren der Untersuchung. Vergleicht man diesen mit dem Soll-Zustand, wie ihn die Beschlüsse des Akkreditierungsrates und der Kultusministerkonferenz vorgeben, zeigt sich, wo es hakt: Überschneidung, Überforderung und fehlende Transparenz sind die drei ärgsten Feinde von Bologna.
Ein Beispiel: Wer je Semester und Fach 30 Leistungspunkte erreichen möchte, um in der Regelstudienzeit abschließen zu können, soll dafür offiziell rund 40 Wochenstunden investieren - für die Seminarvorbereitung, die Vorlesungen selbst, ihre Nachbereitung und für Prüfungen. Die Wirklichkeit sieht der Analyse zufolge anders aus: Je Semester fallen rund 5 von theoretisch 22,5 Wochen für Einschreibzeiten, Ferien oder Korrekturphasen der Dozenten weg, die den Studenten dann im "Leistungserfassungsprozess" fehlen. Außerdem sind die Anforderungen in einigen Fächern von vornherein unrealistisch, und am Semesterende ballen sich die Prüfungstermine. Im Ergebnis stehen den Studenten für ihren "Workload" statt 22,5 nur 15 bis 20 Wochen zur Verfügung, und selbst wenn sie in diesen bis zu 49 Stunden für die Uni büffeln, erreichen sie nur 25, nicht 30 Leistungspunkte. "So entsteht Überforderung", sagt Wendland.
Sein erster Verbesserungsvorschlag: eine abgestimmte Prüfungskoordination. "Die Fächergruppen bekommen bestimmte Termine zugewiesen, an denen sie ihre Prüfungen abhalten können." Außerdem sollte die Zahl der Prüfungen reduziert werden, etwa durch modulübergreifende Prüfungen oder Hausarbeiten. "Damit das funktioniert, muss allerdings ein Kulturwandel an den Hochschulen stattfinden", vermutet Wendland. Auch um die Hürde "Überschneidungen" zu überwinden, müssen Professoren und Studenten umdenken: Die Potsdamer Belegungspläne jedenfalls zeigen, dass das Lehramtsstudium vor allem dienstags bis donnerstags von 9 bis 17 Uhr stattfindet. Montags geht es meist erst um 11 Uhr los, dafür ist freitags um 15 Uhr Schluss. Würden die Randzeiten besser genutzt, gäbe es weniger Überschneidungen - eine einfache Rechnung. Aber Unibeginn schon um 8 Uhr? "Da ist persönliche Überzeugungsarbeit bei Professoren und Studenten nötig", räumt Wendland ein.
Mehr Transparenz brächten nach Ansicht der AG Studienqualität schließlich detaillierte Studienverlaufspläne mit klaren Angaben dazu, wann welche Module im wievielten Fachsemester auf dem Plan stehen - und was genau die Studenten dafür tun müssen. Außerdem sollten relevante Veranstaltungen im zentralen Vorlesungsverzeichnis deutlicher kenntlich gemacht werden. "Bologna ist nicht verloren", resümiert Wendland - die Strukturen müssten nur so geändert werden, dass sie möglichst vielen Studenten ein erfolgreiches Studium erlauben.
Das hat sich auch die Humboldt-Universität vorgenommen. Nach der Veröffentlichung der Studierbarkeits-Umfrage hat eine vom akademischen Senat eingerichtete Arbeitsgruppe Lösungsvorschläge formuliert, im neuen Jahr sollen Taten folgen. "Zum Beispiel möchten wir in jeder Fakultät, wenn möglich sogar in jedem Institut Studienbüros einrichten", kündigt Uwe Jens Nagel an, der Vizepräsident für Studium und Internationales. Dort sollten sich Lehrende und Lernende in Sachen Bologna Rat holen können. Bologna sei ein Prozess, bei dem aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt werden müsse. "Ich wiederhole das gebetsmühlenartig", sagt Nagel. "Die Vorstellung, dass man ein völlig neues Studiensystem auf einen Schlag perfekt realisieren kann, ist völlig utopisch."
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Tresckow