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Sicherheit Forschen für die Kinder Von Anna Loll
Die schlechte Nachricht zuerst: "Einen sicheren Ort für das Kind gibt es im Auto nicht", sagt Heiko Johannsen, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Kraftfahrzeuge an der Technischen Universität Berlin. Ob vorne, hinten links, rechts oder in der Mitte - die Kleinen sind bei Unfällen stets gefährdet. Man müsse fragen, wo die Gefahr am geringsten sei, sagt der Diplom-Ingenieur. Er forscht seit sechs Jahren zu Kindersicherheit. Seine Erkenntnis: "Welcher Sitzplatz der beste ist, hängt vom Auto und vom Unfall ab." Ein paar Regeln gelten universell: Bis ein Kind größer als 1,50 Meter ist, braucht es einen Kindersitz. Doch nicht nur der muss vorschriftsgemäß befestigt sein, sondern auch das Kind: "Viele Unfälle sind deshalb so schwer, weil die Eltern nachlässig sind", sagt Johannsen. Rund zwei Drittel der Kinder sind nach einer Studie von 2006 im Auto nicht gut gesichert, meist seien sie falsch angeschnallt. Sind die Gurte zu locker, kann der Kopf bei einem Unfall stark nach vorne und dann nach hinten schlagen. Die Folgen sind hohe Belastungen für Nacken und Wirbelsäule, durch den Rückstoß können die inneren Organe gequetscht werden. 160 Euro halten Unfallforscher für die finanzielle Untergrenze eines Kindersitzes. Billigere Modelle brechen leicht, selbst wenn sie gesetzlichen Normen entsprechen. Keine Experimente mehr mit Leichen Das Institut für Land- und Seeverkehr der TU Berlin forscht dazu seit mehr als zehn Jahren. Anfang der neunziger Jahre gründete sich dort auf Anregung von Autoherstellern eine Ad-hoc-Gruppe, um mehr über die Biomechanik von Kinderkörpern herauszufinden. Denn wie sich ihr Körper bei Unfällen verhält, darüber weiß man wenig. Seit die "Bild"-Zeitung einen Heidelberger Professor Anfang der neunziger Jahre wegen seiner Experimente mit Kinderleichen als "Frankenstein" bezeichnete, traut sich keiner mehr so recht, sie fortzuführen. Stattdessen rechnet man von Erwachsenen runter auf Kinderkörper. Das sei ungenau, sagt Professor Volker Schindler, Leiter des Fachbereichs Kraftfahrzeuge: "Die Köpfe von Kindern sind im Verhältnis zu ihren Körpern deutlich größer und schwerer als die von Erwachsenen." Und Babys seien anfälliger für Verletzungen, ihre Organe hätten in ihrem Rumpf weniger Platz. Verwertbare Daten klauben die Wissenschaftler mit Unfallrekonstruktionen zusammen. Seit 1996 hat die TU Berlin im Verbund mit anderen europäischen Forschern in einer Datenbank rund 800 Unfälle gesammelt und 90 in Crashversuchen nachgestellt: Unfälle, bei denen Kinder sehr stark verletzt wurden oder unerklärlicherweise kaum. Mit dem Einsatz von Dummys können die Ingenieure genaue Aussagen über die Unfallumstände und die Ursachen der Verletzungen treffen. Jetzt sollen die Daten eines solchen Projektes zur internationalen Norm werden. Der Haupttestgegenstand der Versuchsreihe steht unspektakulär in einer Ecke im untersten Stockwerk des Instituts: ein kleines rotes Stahlgerüst, darauf schmutzige graue Kissen und ein Gurt, auf den ein Dummy geschnallt werden kann. Auf einen Schlitten gesetzt, können die Forscher mit dem Modell eine Kollision zweier Fahrzeugen bei 50 km/h nachstellen. Die ISO will das Testverfahren voraussichtlich 2009 normen. "Für statistisch valide Aussagen müsste man 3000 Unfälle nachstellen", sagt Johannsen. Realistisch seien 20. Und so werden nur Wahrscheinlichkeiten errechnet und empfohlen. Die ganze Forschung hilft ohnehin wenig, wenn sie die Eltern nicht interessiert. Als Johannsen bei der Langen Nacht der Wissenschaften bereitstand, um Eltern zu beraten, kam ein einziger Besucher - ein Bekannter. Text: F.A.Z., 15.09.2007, Nr. 215 / Seite C4Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
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