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Berufsaussichten Die Rangliste der Bedrückten Von Anna Loll
Sich selbst würde sie durchaus als Optimistin bezeichnen, sagt Franziska Heym. Aber dass Zuversicht keine unerschöpfliche Ressource ist, hat die Siebenundzwanzigjährige lernen müssen. "Als nach dem Diplom nur Absagen ins Haus flatterten, war es schon schwierig, den guten Glauben nicht zu verlieren", räumt die junge Sozialwissenschaftlerin ein. Während ihres Studiums an der Humboldt-Universität in Berlin war das anders. Heym hatte nie Sorgen, was ihre Leistungen betraf. Ihr fiel es leicht, die Anforderungen zu erfüllen. Auch mit der Abschlussnote 1,9 musste sie sich nicht verstecken. Den Personalchefs aber war das anscheinend nicht gut genug. "Man sagt sich dann immer, dass es nicht an einem selbst liegt. Dass man eigentlich qualifiziert ist. Aber manchmal kratzten die Ablehnungen doch sehr am Selbstvertrauen", sagt die zierliche Berlinerin. Wenn sich die Dinge so addierten, könne man schon bisweilen "etwas dramatischer" werden. Einen gewissen Grund zur Dramatik verspürt anscheinend ihre gesamte Fachzunft. Sozial- und Kulturwissenschaftler führen nach einer Studie der Konstanzer Arbeitsgemeinschaft Hochschulforschung an Deutschlands Hochschulen die Rangliste der Bedrückten an: 20 Prozent von ihnen machen sich Sorgen, nach dem Abschluss keine Stelle zu finden, die ihrer Ausbildung entspricht. Unter den Naturwissenschaftlern und Juristen ist diese Quote nur halb so groß. Dafür aber sind die angehenden Rechtswissenschaftler besonders bekümmert, nach dem Examen überhaupt eine Stelle zu finden: Ein Viertel der Befragten äußerten sich in diesem Punkt skeptisch. Die Optimisten schlechthin an den Universitäten sind der Umfrage zufolge die Mediziner - nur 1 Prozent von ihnen erwartet Probleme beim Berufsstart. Ein objektiver Unterschied?
Liegt dem gefühlten auch ein objektiver Unterschied zugrunde? Oder sind Geistes- und Gesellschaftswissenschaftler einfach nur ein bisschen depressiv veranlagt? Die unterschiedlichen Arbeitsmarktchancen der Absolventen dürften jedenfalls eine Rolle spielen. Das Unternehmen Hochschul-Informations-System (HIS) hat herausgefunden, dass Sozialwissenschaftler nicht so schnell eine Stelle bekommen wie Wirtschaftswissenschaftler oder Mediziner. Nur 51,3 Prozent der Soziologen finden nach der letzten Prüfung ohne langes Suchen einen Arbeitgeber. Bei den Medizinern sind es 86,7 Prozent, bei den Informatikern sogar 94,6 Prozent. Auf etwas längere Sicht betrachtet, sind die Aussichten für Sozial- und Kulturwissenschaftler aber weit weniger trüb: Ein Jahr nach ihrem Abschluss haben 67 Prozent der Soziologen und 70 Prozent der Geisteswissenschaftler eine Stelle. Der Mittelwert für Akademiker insgesamt liegt bei 69 Prozent; eigentlich kein Grund zur Trübsal also. Vielleicht beeindruckt die Soziologiestudenten aber auch der immer wieder aufgesagte Spruch, dass ihre Zukunft in der Taxibranche liege. Mit solch negativen Prognosen haben aber nicht nur sie zu kämpfen. Auch die Mehrheit seiner Jura-Kommilitonen sei eher pessimistisch, schätzt Thomas Färber. Das hat seiner Erfahrung nach stark mit dem Bild zu tun, das ihnen vermittelt wird. "Es stellt sich nie ein Dozent hin und sagt: Jungs, macht euch keine Gedanken, es wird schon alles", sagt der 28 Jahre alte Absolvent der Rechtswissenschaften, der zurzeit Referendar in Frankfurt am Main ist. Vielmehr werde den Studenten immer nur erzählt, wie schwierig das Leben sei und wie sehr sie sich anstrengen müssten, um nicht völlig zu versagen. Wahrscheinlich solle das motivieren, vermutet Färber. "Tut es aber nicht." Die Folgen dieser Negativ-Motivation sind seiner Einschätzung nach für viele Studenten fatal: Verinnerliche jemand immer nur, wie kompliziert und aussichtslos die Dinge seien, blockiere er sich selbst und damit seinen Erfolg. Er selbst hat sich deswegen Optimismus regelrecht zum Motto gemacht, um sich nicht in diese Falle zu begeben. Angesichts von kaum zu vermeidenden Misserfolgen und der oft niederschmetternden Kritik seitens gewisser Professoren - man solle sich doch lieber überlegen, ob man ausreichend Denkfähigkeit mitbringe, um Jura zu studieren -, blieben ohnehin nur zwei Optionen: aufgeben oder weitermachen. Für das Weitermachen entschieden Färber hat sich für das Weitermachen entschieden. Sein Rezept: Herausforderungen annehmen und erledigen - ohne sich über die Folgen zu sorgen. "Das klappt super. So habe ich viel mehr Zeit, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren", sagt er. Statt über Prüfungsängste zu diskutieren lerne er effizient. "Panik zu schüren bringt gar nichts", findet er. So sah das auch Franziska Heym, trotz frustrierender Erfahrungen nach dem Studium. Nachdem vier Monate lang nur Ablehnungen aus allen Ecken Deutschlands das einzige Echo auf ihre Bewerbungen waren, suchte sie sich einen Job an der Rezeption im Hotel Adlon neben dem Brandenburger Tor. Mit ihrem Studium hatte das natürlich nicht viel zu tun. "Aber zu Hause auf Hartz IV zu warten, das war nichts für mich", erklärt sie. Außerdem arbeitete sie ehrenamtlich, unternahm viel mit Freunden, machte mehr Sport. "Deprimiert rumzusitzen, das bringt nichts. So lernt man keine Leute kennen und die Soft Skills rosten ein." Diese Einstellung und die Erfahrung aus ihrem Bewerbungsmarathon haben sich inzwischen ausgezahlt: Seit dem 1. April arbeitet Franzsika Heym in einem Personalberatungsinstitut in Berlin. Folgt man Martin Seligman, einem der Pioniere der Positiven Psychologie und Professor an der University of Pennsylvania, haben sich sowohl Franziska Heym als auch Thomas Färber für den genau richtigen Weg entschieden. Denn externe Faktoren spielen nach Seligmans Einschätzung für den Optimismus nicht die einzig entscheidende Rolle. Eine "erfolgszuversichtliche Einstellung" hängt demnach nicht nur von der vererbten Grundbegabung und den aktuellen Lebensumständen ab. Wichtig ist auch die Entscheidung des Einzelnen, die Dinge positiv zu sehen. Ähnlich sieht es Gislinde Bovet, die Vorsitzende der Sektion Aus-, Fort- und Weiterbildung in Psychologie des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen: "Objektive Faktoren wie die Arbeitsmarktsituation spielen natürlich eine Rolle. Entscheidend ist aber, wie man die objektive Lage subjektiv einschätzt und welche Haltung sich daraus ergibt." Die Umwelt begegne einem so, wie man es erwarte, sagt die Psychologin. Jemand mit einer pessimistischen Grundhaltung zum Beispiel versuche eher, Herausforderungen zu vermeiden - aus Angst vor Misserfolgen. Grund dafür sei in der Regel, dass er sich entweder mit geringen Ansprüchen zufriedengebe oder aber völlig überhöhte Erfolgsvorstellungen habe. Beides bringe ihn in die unschöne Situation, selten Höchstleistungen zu bringen. Indem er pessimistisch an eine Aufgabe herangehe, blockiere der Pessimist sich nicht nur selbst. Auch andere trauten ihm deshalb nicht viel zu. So vergebe er sich die Möglichkeit, an Misserfolgen zu wachsen oder über besondere Erfolgserlebnisse mehr Selbstvertrauen zu gewinnen. Ein Optimist dagegen schrecke vor hohen Anforderungen nicht zurück. Nicht nur, weil er prinzipiell zuversichtlich sei. Ihm falle es außerdem leichter, Misserfolge zu verarbeiten. Deswegen versuche er sie nicht um jeden Preis zu vermeiden. Das aber wiederum kann zu besonderen Erfolgserlebnissen führen - und Optimismus wie ein sich positiv verstärkender Mechanismus funktionieren. Sozialisation in der Kindheit entscheidend Die Gründe dafür, warum jemand tendenziell zur rosaroten Brille greife oder aber das Glas immer halb leer sehe, sind individuell verschieden. Laut Gislinde Bovet ist vor allem die Sozialisation in der Kindheit entscheidend: Kinder präge es, wie ihre Vorbilder mit Herausforderungen und Schwierigkeiten umgingen und wie sie auf Erfolge und Misserfolge des Kindes reagierten. Entsprechend habe auch jeder einzelne Student eine bestimmte Disposition, mit Herausforderungen im Studium oder bei der Bewerbung umzugehen. Wer sich nun vom Pessimisten zum Optimisten wandeln will, muss den Teufelskreis der mangelnden Zuversicht durchbrechen. Fühlt man sich von Misserfolgen niedergedrückt, ist das kein leichtes Kunststück. Für all jene, denen es einfach nicht gelingen will, ein kleiner Trost aus der Psychologie: Pessimisten sind zwar - nicht nur im Studium - unglücklicher als Optimisten. Dafür aber weiser. Text: F.A.Z.Bildmaterial: F.A.Z., F.A.Z. - Tresckow
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