An diesem Freitag sind in Bonn die Gewinner der zweiten Runde im Exzellenzwettbewerb deutscher Universitäten verkündet worden (Zweite Runde Exzellenzwettbewerb: Sechs Universitäten werden Elite-Unis). Nun wird sich, außer in Rektorats- und Präsidialetagen, deren Ambitionen nicht befriedigt sein werden, mancherorts vermutlich Erleichterung breitmachen. Endlich Schluss. Denn jener Wettbewerb hat viele gute deutschen Universitätsinstitute und Fakultäten nun über mehr als zwei Jahre hinweg in eine maßlose Geschäftigkeit gestürzt. Mit ihren eigentlichen Aufgaben war sie oft nur schwer zu verbinden. Zu den Bologna-Kommissionen und den Drittmittel-Kommissionen, den Evaluierungs-Kommissionen und den Akkreditierungs-Kommissionen kamen die Exzellenz-Kommissionen hinzu.
In dieser Situation muss jedes auch nur vorübergehende Nachlassen des forschungspolitischen Drucks, Ideen eigens für angekündigte Gelder zu entwickeln, anstatt Gelder für bestehende Ideen zu erhalten, von den Universitäten eigentlich als befreiend empfunden werden. Es würde zwar keine Befreiung zum fraglos Guten sein, aber immerhin eine vom Überflüssigen.
Doch schon fordert die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Margret Wintermantel, mit Nachdruck eine Verstetigung“ des Wettbewerbs. Nur so, ließ sie die Berliner Zeitung“ wissen, bleibe Bewegung im System. Was aber wäre von einer Bewegung zu halten, die sofort aufhörte, wenn der Staat auch nur einen Moment lang seine Marktsimulation aussetzen würde? Ist die Eigenträgheit der Wissenschaft inzwischen so groß, dass ohne Ausschreibungsverfahren sich gar nichts mehr regt?
Tatsächlich meint Frau Wintermantel aber wohl etwas anderes: Die Verlierer im Wettbewerb, die man aber um Himmels willen nicht so nennen darf, sollen beruhigt werden. Es ist wie bei der Berufung von Professoren: Kaum hat man entschieden, jemand sei hochgeeignet, muss man ihn oder sie sogleich mit neuerlichen Evaluationsverfahren überziehen, weil der Argwohn, Qualitätszuschreibungen seien gegenüber allen anderen irgendwie ungerecht und würden womöglich Qualitätsunterschiede festhalten, ungeheuer ist.
Eine Verstetigung der Exzellenzanträgeschreiberei wäre jedenfalls ein Schrecken. Denn es ist ja doch vor allem aus dem Zwang zum instutionalisierten Backenaufblasen und Erfinden von Plakaten, wenn eine Friedrich Schlegel Graduate School of Literary Studies“, eine International Graduate School in History, Sociology and Politicis“ oder ein Exzellenzcluster Multiple Futures“ beantragt wird. Und wer sich nicht gerade in Angeberei und Schaufensterdekoration übte, war gehalten, die entsprechenden Produkte der Kollegen zu begutachten. Eine lange Pause hiervon gewährt zu bekommen wäre unter den gegebenen Umständen für alle Hochschulen ein Gewinn.
An manchem Institut dürfte dementsprechend der Hauptgrund dafür, sich über eine Bewilligung der eingereichten Projekte zu freuen, mehr darin bestehen, dass man so viel Energie, Nerven und Zeit an die Anträge gewendet hat, als in einer tiefgefühlten Überzeugung, so eine Graduiertenschule oder so ein Forscherverbund werde unbedingt benötigt. Es waren vor allem die Rektorate und Präsidien, für die der Exzellenzwettbewerb eine erstrangige Prestigeangelegenheit darstellte. Entsprechend schneidig war in den vergangenen zwei Jahren auch oft der Kommunikationsstil der inzwischen mit mehr Macht ausgestatteten Universitätsverwaltungen mit ihren nachgeordneten Instanzen. An der Freien Universität Berlin (FU), einem besonderen Fall von Exzellenzautokratie, wurde gestern am Fachbereich für Nordamerikastudien gegen die offenbar politisch motivierte Ablehnung einer Berufungsliste durch das Universitätspräsidium protestiert. Vom Kandidaten des Fachbereichs wusste die Vizepräsidentin der FU, er habe für sein Alter zu wenig veröffentlicht: Da zählt man einfach mal die Publikationen, da muss man kein Fachwissenschaftler sein.“ So hört sich der Wille zur Exzellenz dann im Originalton an.
Er war mitunter vor allem ein Wille zu Durchgriffen. Weil der Präsident das nicht will“, beschied man dieser Tage einen Göttinger Professor, dessen Studiengang eingestellt werden soll, als er um eine Begründung bat. Zu den unbeabsichtigten, aber soziologisch erwartbaren Nebenfolgen der Exzellenzinitiative gehört es insofern, dass sich die Krise der Kollegialität und der Furor des Managertums an den Universitäten inzwischen mit Hochleistungsabsichten drapieren kann.
Die über den Tag hinausgehenden Folgen des Exzellenzwettbewerbs sind weniger offensichtlich. Sie könnten beispielsweise die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) betreffen. Denn was sind die Exzellenzcluster“ genannten Forschungsverbünde, an denen sich die MPG durchaus beteiligt, anderes als universitär geprägte Einrichtungen auf einem Feld, das bis dato vorzugsweise von der MPG allein bestellt worden war? Und da sich manche Max-Planck-Institute selber stark zu Graduiertenschulen entwickelt haben, treten auch die geförderten Einrichtungen gleichen Namens in der ersten Förderlinie des Wettbewerbs in Konkurrenz zu ihnen.
Eine andere Folge des an sich nichtssagenden Titels Eliteuniversität“ dürfte sich im Inneren der Hochschulen bemerkbar machen. Dort steht die Frage an, welche Forscher wie stark in der vom Bologna-Prozess besonders mitgenommenen Lehre engagiert sein müssen. Den als beste Universitäten bezeichneten Häusern zu erlauben, ohne Mittelabfluss weniger Studierende aufzunehmen, um sich um die verbleibenden besser kümmern zu können, wäre darum der einzige echte Schritt zu mehr Differenzierung im Hochschulsystem. Es wird interessant sein zu sehen, ob auch nur ein einziger Wissenschaftsminister der Länder bereit sein wird, die Implikationen des Begriffs Exzellenz“ so ernst zu nehmen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.