Vereinigte Staaten

Die erste Frau an Harvards Spitze

Von Andreas Eckert

Mit Vorschussmisstrauen der Naturwissenschaftler: Drew Gilpin Faust

Mit Vorschussmisstrauen der Naturwissenschaftler: Drew Gilpin Faust

13. Februar 2007 

Die neunundfünfzigjährige Historikerin Drew Gilpin Faust wird die erste Präsidentin in der dreihundertvierundsiebzigjährigen Geschichte der Harvard-Universität. Damit steht nun an vier der acht Universitäten der "Ivy League" eine Frau an der Spitze.

Nur fünf Jahre hatte der frühere Finanzminister Lawrence Summers Harvard regiert, der nach unklugen Äußerungen ein Opfer jener im Lehrkörper herrschenden linksliberalen Meinung wurde, deren Vormacht er hatte brechen wollen. Sein Sturz machte Probleme der Universitätsverfassung offenkundig. Der Präsident und ein Beratungsgremium stehen den auf Autonomie pochenden Fakultäten gegenüber. Drew Gilpin Faust wird das zum Regieren eines solchen Gebildes notwendige diplomatische Geschick zugetraut. Auf Erfahrungen mit der Leitung größerer Einrichtungen kann sie freilich noch nicht verweisen.

Seit sechs Jahren steht sie dem Radcliffe Institute for Advanced Study in Harvard vor, das sich vornehmlich der Frauen- und Geschlechterforschung widmet. Dort gebietet sie über ein Jahresbudget von siebzehn Millionen Dollar, gerade einmal ein halbes Prozent der Summe von drei Milliarden Dollar, über die die Gesamtuniversität pro Jahr verfügt. Einige Beobachter interpretieren das Votum für die aktive und engagierte Forscherin und Hochschullehrerin sogar als dezidierte Entscheidung gegen eher wissenschaftsferne Technokraten oder Manager, die (nicht nur) an amerikanischen Universitäten zunehmend das Sagen haben.

Preisgekrönte Studie „Mothers of Invention“

Frau Faust, die lange an der Universität von Pennsylvania wirkte, gehört zu den führenden Spezialisten der Geschichte des nordamerikanischen Südens im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert. Sie ist Autorin mehrerer vielbeachteter Werke, so der 1996 publizierten preisgekrönten Studie "Mothers of Invention", einer sozial- und kulturhistorischen Untersuchung zu Frauen in den Südstaaten während des Bürgerkrieges. Ihr erstes Buch behandelte 1977 das "Dilemma des Intellektuellen im Alten Süden".

Was hat sie sich für ihre Präsidentschaft vorgenommen? Als Historikerin, sagte sie auf ihrer ersten Pressekonferenz nach der Ernennung noch etwas vage, habe sie viel darüber nachgedacht, wie die Vergangenheit die Zukunft präge. Wohl keine Universität auf der Welt könne eine solche glorreiche Vergangenheit wie Harvard vorweisen. Sie wolle Harvards Zukunft ebenso glorreich gestalten. Besonders sei es ihr darum zu tun, die Grenzen zwischen den Disziplinen durchlässiger zu machen sowie Angehörige der geschützten Minderheiten in die Wissenschaft und auf Lehrstühle zu bringen. Die Naturwissenschaftler, die sehr gehofft hatten, einer der ihren werde nach mehr als fünfzig Jahren wieder einmal das Präsidentenamt bekleiden, werden ihren Amtsantritt wohl mit Vorschussmisstrauen verfolgen.

Text: F.A.Z., 13.02.2007, Nr. 37 / Seite 38
Bildmaterial: AP

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