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Latinum Neuer Schwung für die alte Sprache Von Anna Weiland
Julia Kaiser studiert Germanistik und Romanistik. Muss sie dafür Latein können? An der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg schon, denn am Neckar setzt man auf Tradition. An anderen Hochschulen, an anderen Instituten kann das anders sein – überall dort, wo man nicht daran glaubt, dass angehende Lehrer die Sprache von Cäsar und Cicero für Studium und Beruf benötigen (lesen Sie über Sinn und Sinnlichkeit des Lateins Latein ist nicht tot, sondern unsterblich). Für Julia Kaiser aber führte am Latinum im Studium kein Weg vorbei. An der Schule war das nicht der Fall. Niemand habe ihr je nahe gelegt, dass sie die tote Sprache einmal gebrauchen könnte, sagt die Einundzwanzigjährige. An meiner Schule gab es keinen Ansturm auf den Lateinunterricht, mich persönlich hat die Sprache auch nicht interessiert“, sagt sie. Nach dem Abitur bescherte ihr dies anstrengende erste Semester. Weil sie Latein nachholen musste, legte sie erst zu Beginn dieses Jahres, nach fünf Semestern, die Zwischenprüfung ab, die eigentlich nach vier Semestern vorgesehen ist. Die meisten anderen Nachholer brauchen länger - wenn sie es überhaupt schaffen. Um zwei Semester wird ihnen in Heidelberg die Regelstudienzeit für das Grundstudium verlängert, längst nicht alle kommen damit hin. Seit es die Studiengebühren gibt, ist das auch ein finanzielles Problem. ECTS-Punkte kurbeln die Nachfrage an Die Lateinkurse sind anstrengend und sehr zeitaufwendig“, sagt Julia Kaiser. Der Frontalunterricht, der nur wenig Kommunikation mit dem Dozenten oder den Kommilitonen zuließ, habe sie besonders gestört. In überfüllten Kursen wälzte sie zwei Semester lang am Seminar für Klassische Philologie lateinische Texte und paukte Formenlehre, Syntax und Vokabeln. Bei den vier Stunden Unterricht in der Woche blieb es nicht. Zu Hause musste ich einiges nachholen“, berichtet sie. Nur 40 von 120 Studenten im Kurs legten am Ende tatsächlich ihre Abschlussprüfung beim staatlichen Prüfungsamt ab. Julia Kaiser war eine von ihnen, sie bestand im ersten Anlauf. Doch im Nachhinein ärgert sie sich darüber, dass sie sich in ihren ersten Semestern nicht voll und ganz ihren eigentlichen Fächern widmen konnte. Ehrlich gesagt, habe ich mir meinen Studienbeginn völlig anders vorgestellt.“ Latein hält sie zwar für eine gute Grundlage, das Latinum aber bedeutet ihr nicht viel. Im Endeffekt habe ich es nur wegen des Scheins gemacht. Später an der Schule werde ich es nicht brauchen.“ So wie ihr ging es lange den meisten Studenten der Lehramts- und Magisterstudiengängen nur um den Schein, den sie eben machen mussten, um ins Hauptstudium einsteigen zu können. Die Einführung der Bachelorprogramme, die ja schneller zu einem Abschluss führen sollen, hätte diesen zusätzlichen Stoff aus den Studiengängen katapultieren und die Zahl der Lateinlernenden sinken lassen können. Doch das Gegenteil scheint nun der Fall zu sein. Bei den Bachelorstudenten ist die Nachfrage nach Latein gestiegen“, sagt Stefan Kipf, der Vorsitzende des Deutschen Altphilologenverbandes. Zarte Zeichen dafür finden sich an den Seminaren für Klassische Philologie, zum Beispiel in Heidelberg, wo nun auch zum Sommersemester Latein-Grundkurse angeboten werden, die bisher nur zum Wintersemester belegt werden konnten. Die Studenten der neuen Studiengänge genießen einen Vorteil gegenüber denen in den alten Programmen“, sagt Kipf, der Klassische Philologie an der Humboldt-Universität in Berlin lehrt. Dort können sich Bachelorstudenten ihre Lateinkurse als allgemeine Berufsvorbereitung auf ihr ECTS-Punktekonto anrechnen lassen. Zusätzlich zählen sie für die Bachelor-Endnote. Studentenzahlen steigen, Ansprüche auch Jetzt müsse sich auch die Qualität des Unterrichts verbessern, fordert Stefan Kipf. Die Universitäten müssen an ihrem Lateinkursangebot arbeiten und es attraktiver gestalten.“ Die Teilnehmerzahlen seien zu hoch, das verhindere effektives Lernen von vorneherein. Außerdem seien die Kurse zu unspezifisch. Sie deckten nicht die Bedürfnisse der Studenten aus unterschiedlichen Fachrichtungen ab. Ein Anglist bedarf anderer Lateinkenntnisse für sein Studium als ein Theologe, ein Germanist, ein Archäologe oder ein Musikwissenschaftler. Vielen wird dadurch auch das Nützliche des Lateinlernens nicht deutlich“, sagt Kipf. Das demotiviere die Lerngruppen und überfordere die Dozenten. Kleinere Gruppen bieten seit jeher die Intensivkurse, die vielerorts in den Semesterferien angeboten werden. Dreimal vier Wochen lang belegte Fabian Lindenmayer, der in Heidelberg Spanisch und Sport studiert, so einen Kurs, der es in sich hatte. Ich hatte jeden Morgen drei Unterrichtsstunden, und dann gab es einen Latinumstext zum Übersetzen mit nach Hause. Daran saß man auch noch sechs bis acht Stunden“, berichtet er. Dafür habe er sich aber in den ersten Semestern auch intensiver auf seine anderen Fächer konzentrieren können. 350 Euro kostete der Kurs am Heidelberger Pädagogium. Wir bekommen ein gutes Feedback von den Studenten. Viele holen ihr Latinum lieber in den Ferien nach, damit sie im Semester Zeit fürs Studieren haben“, sagt Christine Weigel-Merz, die Koordinatorin des Pädagogiums. Das Geld war es mir wert. Während des Semesters ist das Nachholen wirklich stressig. Ich wollte es so schnell wie möglich abhaken“, stimmt ihr Fabian Lindenmayer zu. In sein Studium einbringen allerdings kann er die Zwei, mit der er das Latinum bestanden hat, nicht – er studiert auf Lehramt, das Latinum war für ihn eine reine Pflichtveranstaltung. Oft wichtig für den Master-Abschluss Elisa Brückner dagegen lernt in ihren ersten Semestern an der Berliner Humboldt- Universität Latein freiwillig. Sie studiert Altgriechisch und Russisch. Zwei Semester lang besucht sie dreimal in der Woche zweistündige Lateinkurse. Dass sie diese in ihren Stundenplan einbauen und die Studienpunkte einbringen kann, findet sie gut. Für viele Studenten erhöht das die Motivation, denn das Bachelor-Studium ist ohnehin zeitlich streng organisiert“, sagt sie. Es gibt aber noch einen anderen Grund, warum sie sich für Latein entschieden hat: Das Latinum braucht sie zwar nicht für Bachelor-, wohl aber für den Master-Abschluss, den sie machen möchte. Das ist in gar nicht so wenigen Studienrichtungen der Fall, weshalb Stefan Kipf Studenten dazu rät, sich schon früh ausführlich auch über mögliche Master-Programme zu informieren. Nach seiner Einschätzung wird die neue Studiensituation nicht nur die Nachfrage nach Lateinkursen ankurbeln, sondern auch deren Ansehen bei Studenten aufwerten. Schließlich steigerten sich dadurch auch die Erwartungen der Studenten an den Unterricht. Neue didaktische Mittel, moderne Lehrbücher seien nötig, damit das neue Interesse an der alten Sprache nicht schneller wieder schwinde, als es aufgekommen sei.
Bildmaterial: fotolia.com
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