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Elitendebatte

„Ein teures Studium schreckt ab“



Autorin gegen Alumnus: Julia Friedrichs geht Martin Hess an
17. Mai 2008 
Ist die European Business School nur für Reiche da? Haben Kinder aus ärmerem Haus schlechtere Bildungschancen? Hat Erfolg nur, wer angepasst ist? Ein Streitgespräch.

Herr Hess, Frau Friedrichs beschreibt in ihrem Buch EBS-Studenten als Anzugträger mit teuren Krawatten, die breitbeinig dastehend Sekt schlürfen. Fühlen Sie sich gut beschrieben?

Hess: Natürlich nicht. Die Szene stammt aus einer Veranstaltung, die es so auch an anderen Unis gibt. Das EBS Symposion findet jedes Jahr statt und ist mit hochkarätigen Referenten besetzt. Natürlich wird da Anzug mit Krawatte getragen.

Haben Sie übertrieben, Frau Friedrichs?

Friedrichs: Ich kritisiere nicht das Aussehen der Studenten und weiß, dass der Uni-Alltag an der EBS anders aussieht. Was mir bei allen Besuchen aufgefallen ist: Es waren auf dem Campus überdurchschnittlich viele junge Männer mit sehr ähnlichem Stil unterwegs.

Hess: Daran kann ich zunächst nichts Negatives erkennen. Die Ausbildung der EBS erfordert, dass man sich an den Gepflogenheiten der Wirtschaft orientiert. Das Buch wirft uns aber auch unterschwellig vor, dass die Persönlichkeiten der Studenten gleich seien. Wir würden nicht unseren Idealen nachgehen, zu konform sein.

Friedrichs: Ich würde mir nie anmaßen, den Charakter von mehr als 1000 Studenten zu beurteilen. Ich sage aber, dass die EBS viel Wert darauf legt, dass alle effizient funktionieren. Viel Leistung, viele Praktika, wenig Urlaub.

Wenn dort viel geleistet wird, woher haben Sie den Eindruck, es sei eine Schule für Reiche?

Friedrichs: Das Studium kostet 10000 Euro im Jahr, damit ist das Vermögen der Eltern ein wichtiger Zugangsfaktor. Das schreckt viele Abiturienten ab. An einer renommierten staatlichen Uni konkurrieren oft zehn Abiturienten um einen BWL-Platz, an der EBS sind es viel weniger. Deshalb finde ich es schwierig, wenn die EBS sagt: Bei uns sind Deutschlands Topstudenten.

Bezeichnet sich die EBS zu Unrecht als Kaderschmiede, Herr Hess?

Hess: Wir leisten im Vergleich zu Studenten staatlicher Fakultäten mehr. Die Studenten investieren viel mehr Zeit in ihr Studium und extracurriculare Aktivitäten. Und wir sammeln früh mehr Praxiserfahrung. Damit gehören wie unbestritten zur Leistungselite.

Eine reiche Leistungselite?

Hess: Leistungselite definiere ich als den Willen, überdurchschnittlich viel zu leisten, um voranzukommen. Wer zu uns kommen will und diese Vorgaben erfüllt, ist noch nie am Geld gescheitert. Mit dem von uns gegründeten Exebs-Bildungsfonds, den Ehemalige finanzieren, bieten wir auch Stipendien für Kinder aus der Unterschicht an.

Friedrichs: Was heißt das für Sie? Arbeiterkinder?

Hess: Mit den Stipendien studieren an der EBS 20 Prozent Arbeiterkinder. Und 30 Prozent der Studenten kommen aus der Mittelschicht, haben zum Beispiel Lehrer als Eltern.

Friedrichs: Nach meinem Wissen gibt es keine solide Erhebung zur Sozialstruktur. Eine Ausgangsfrage für das Buch war: Ist Leistung entscheidend für den Zugang zur EBS? Ich glaube, dass die Gebühren gute, aber finanziell schwache Kandidaten abschrecken. Dazu kommen weiche Faktoren wie die Atmosphäre auf dem Campus. Man spürt: Dieser Ort ist gedacht für Kinder aus wohlhabendem Hause.

Kann man von „ärmeren“ Kindern nicht verlangen, dass sie sich aufrappeln, die emotionale Barriere überwinden und sich für Stipendien bewerben?

Friedrichs: Die Barriere vor teuren Studiengängen lässt sich nicht nur mit Stipendien beseitigen. Das zeigt das Beispiel von Stanford, einer amerikanischen Spitzenuni. Die will künftig von Kindern aus der Mittelschicht gar keine Gebühren mehr fordern, weil es aus dieser Gruppe trotz Stipendien kaum Bewerber gab.

Wenn man Ihr Buch liest, kann man denken, dass das Thema Leistung für Sie angstbehaftet ist: „Ich sehe meine Freunde vor einem Elite-Tribunal stehen. ,Nichts geleistet‘ lautet das Urteil. Dann wird ihnen das Recht auf einen Job entzogen.“

Friedrichs: Das ist klar als Polemik zu erkennen. Ich finde es problematisch, welche Ansprüche angebliche Eliten aus dieser Position ableiten. Von EBS-Studenten habe ich Aussagen gehört wie: Wer mehr leistet, darf mehr fordern. Wer definiert, was „Leistung“ ist, wie wird sie gemessen?

Haben Sie eine Antwort, Herr Hess?

Hess: Die EBS hält Kontakt zu großen und mittelständischen Unternehmen, die gezielt Bewerber von uns einstellen, weil die erfahrungsgemäß besonders gut qualifiziert sind. Das ist die Messlatte, die für Studenten hier zählen muss.

Friedrichs: Die Studenten sind sehr hart gegen sich selbst. Wollen Sie bestreiten, dass dies ihr Verständnis der Gesellschaft und ihrer eigenen Rolle ändert? Ich habe oft gehört: Wer nichts leistet, darf nicht meckern.

Hess: Viele EBS-Absolventen gehen in den Mittelstand oder gründen eigene Unternehmen. Da kann man es sich gar nicht leisten, diese Haltung zu pflegen. Unsere Leute sind Freigeister.

Friedrichs: Warum regt sich dann keiner auf, wenn ein Topmanager in einem Workshop von „Minderleistern“ redet, wenn jemand 40 Wochenstunden arbeitet?

Hess: Ich kenne leider den genauen Kontext nicht. Meine persönliche Erfahrung ist, dass wir solche Wertungen offen und kontrovers diskutieren.

Muss man angepasst sein, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein?

Friedrichs: Der Aufstieg ist leichter, wenn man effizient funktioniert und im Arbeitsalltag möglichst wenig hinterfragt, was man tut. Die hohe Stundenbelastung lässt keine Zeit für Zweifel. Ein Ex-McKinsey-Berater sagte mir kürzlich, er habe nach zwei Jahren Angst vor sich selbst bekommen.

Hess: In jedem Beruf muss man auf bestimmte Art funktionieren und sich bis zu einem gewissen Grad anpassen. Das gilt für Unternehmensberater wie für Journalisten. EBS-Studenten sind exzellent vorbereitet auf hohe Anforderungen im Beruf. Und wer so qualifiziert ist, bekommt einen besseren Job, ist das verwerflich?

Sind die Netzwerke der Privatunis nicht wertvoller als die Ausbildung?

Hess: Diese Werte würde ich keinesfalls gegeneinanderstellen. Natürlich erhält man mit dem Abschluss exklusiven Zugang zum Alumni-Netzwerk. Aber das ist ein Bonus für Leute, die ohnehin talentiert und leistungsbereit sind. Und dass wir klasse sind, bescheinigen uns viele Firmen und Rankings.

Friedrichs: Die Netzwerke sind ein Grund, warum ich den Begriff „Elite“ schwierig finde. Er steht eben nicht nur für Leistung.

Ist „Elite“ für Sie negativ besetzt? Haben Sie ein anderes Label für gesellschaftliche Spitzengruppen?

Friedrichs: Ich finde das Wort nicht negativ, sondern unbrauchbar. Es umfasst Leute, deren Erfolg von Kontakten abhängt. Andere rechtfertigen damit ihr Anspruchsdenken. Wir müssen erst definieren, wen wir uns als Spitzenkräfte unserer Gesellschaft wünschen. Dann kann man die von mir aus Elite nennen.

Die Kritikerin

Julia Friedrichs, Jahrgang 1979, hat Journalistik in Dortmund studiert und ein Volontariat beim WDR gemacht. Für ihre Arbeit als freie Fernsehjournalistin hat sie wenig Zeit, seit ihr Buch „Gestatten: Elite“ in den Bestsellerlisten steht. Darin beschreibt Friedrichs die Welt von tatsächlichen oder selbsternannten Elitegruppen und befasst sich mit der Frage, wer in Deutschland wie Karriere macht. „Schon 80000 Mal“ habe sie manche Fragen gehört, sagt sie. Etwa ob sie ihre Kinder auf private Kindergärten schicken würde.

Der Verteidiger

Martin Hess wurde 1978 in Bad Kreuznach geboren und studierte mit Stipendium an der privaten European Business School (EBS) in Oestrich-Winkel. Nach Stationen in Los Angeles, Montréal, Tours und Auckland gründete er 2003 mit Freunden eine IT-Sicherheitsberatung für kleine und mittelständische Unternehmen und das Tonstudio „tempozoo“. Zudem promoviert er an der EBS. Seit 2006 ist Hess Vorsitzender des Alumni-Netzwerks eXebs seiner Hochschule. Stromlinienförmig seien deren Absolventen keinesfalls, sagt er, sondern „Freigeister“.

Das Gespräch moderierte Melanie Amann.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Frank Röth
 
 
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