10. April 2008
Auf der Fensterbank des Professors steht eine Mitra. Seit 1991 lehrt Detlef Zühlke an der Universität Kaiserslautern. Seine Haare sind weiß geworden im missionarischen Streit für den Brückenschlag zwischen seinem Fach Maschinenbau, der Elektrotechnik und der Informatik. Zum Papsthut aus Papier, den ihm Mitarbeiter gebastelt haben, passt das gut. "Usability Papst" steht darauf. In Zühlkes Credo ist Anwendbarkeit das erste, Interdisziplinarität das zweite Kapitel. "Komplexe Planung, etwa wenn es um neue Produktionsanlagen geht, ist nur abstrahiert zu bewältigen", sagt er. "Informatiker sind das, anders als Maschinenbauer, seit Jahren gewöhnt."
Wie Sciencefiction lesen sich die Begriffe auf dem Papier: Das "Zentrum für Mensch-Maschine-Interaktion" hat Zühlke in Kaiserslautern gegründet, auch dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) gehört er an. Doch ihm geht es um alles andere als Wolkenkuckucksheime. Maschinen und Fabriken "made in Germany" sind sein Metier. Kein Techniker wird in Zukunft zur Wartung mehr seinen Laptop einstöpseln müssen, davon ist er überzeugt. Ein Mobiltelefon wird genügen.
In der Smart Factory
In der "Smart Factory", einer von Zühlke initiierten Teststrecke für moderne Fertigungstechnik, ist das schon Realität. Neun Maschinenmodule stehen in der Halle, jedes passt exakt auf eine Europalette. "Das ist unsere Spielwiese für neue Technologien", sagt Zühlke. Der Beispielprozess "Seife nach Kundenwunsch färben, abfüllen und beschriften" zeigt, wie flexibel sich Maschinen steuern lassen, wenn Informationen per Bluetooth-Signal gesendet und abgerufen werden. Damit das schnell und sicher geschieht, braucht diese Fabrik Informatiker - da ist sie, die Praxistauglichkeit, ja Unvermeidbarkeit für die Produktion, der sich die Computer- und Datenexperten in Kaiserslautern verschrieben haben.
Ausgerechnet Kaiserslautern. Die Kleinstadt im strukturschwachen Pfälzer-Wald ist ein denkbar unspektakulärer Standort für Hochtechnologie. Der Universität fehlt das Tamtam der in der Exzellenzinitiative erfolgreichen Hochschulen, obwohl sie seit Jahren zu den besten Adressen für Informationstechnik in Deutschland zählt. Im Windschatten des öffentlichen Interesses ist so zwischen Kaiserslautern und Saarbrücken ein südwestdeutsches "Computer Science Cluster" entstanden. An der Trippstadter Straße, die hinauf zur Universität führt, steht es in voller Blüte: Auf dem einstigen Gelände eines Rangierbahnhofs haben das DFKI, das Institut für Oberflächen- und Schichtanalytik und die Fraunhofer-Institute für Experimentelles Software-Engineering sowie für Techno- und Wirtschaftsmathematik Neubauten bezogen, einen Steinwurf vom Uni-Campus. Dort sind zudem das Institut für Verbundwerkstoffe und das Max-Planck-Institut für Software-Systeme zu Hause.
So störungsfrei wie in der "Smart Factory" funktioniert die drahtlose Kommunikation auch im Audimax der Universität. Deshalb hat es Juniorprofessor Achim Ebert montagmorgens nicht leicht im Wettstreit mit dem Internet um die Aufmerksamkeit der Informatik-Studenten - viele der rund 80 Hörer blicken auf die Bildschirme ihrer Laptops, surfen oder mailen. Dabei geht es in der Vorlesung "Human Computer Interaction" zur Darstellung von Daten um Prüfungs- und Praxisrelevantes: Weil Nasa-Sicherheitstechniker ihre Daten nicht übersichtlich genug aufgearbeitet hätten, erläutert Ebert, sei der Start der Raumfähre "Challenger" im Januar 1986 nicht abgebrochen worden - mit fatalen Folgen.
Hohes Ansehen, niedrige Mieten
Trotz des drastischen Beispiels empfindet Stefanie Rollar in Reihe zwölf den Stoff als etwas zu theorielastig. Ihren Laptop aber hat die Erstsemesterin in der Tasche gelassen. Weder sie noch der Dozent tragen elitäre Ansprüche auf der Stirn. Aber warum sie sich für ihren Studienort entschieden hat, weiß die Neunzehnjährige genau. "Kaiserslautern liegt in vielen Rankings vorn", sagt sie. "Auch der Lehrer in meiner Informatik-AG hat mir dazu geraten." Außerdem seien die Mieten niedrig. "Und in Rheinland-Pfalz müssen wir keine Studiengebühren bezahlen."
Rollar ist eine von nur sechs Frauen im Hörsaal. Dieses traditionelle Manko ihres Studiengangs haben auch die Informatiker aus der Pfalz noch nicht behoben. Nur 17 Prozent der Absolventen in Deutschland sind weiblich. Gegen ein anderes Stereotyp haben die Kaiserslauterer gar nichts. "Wir haben viele Freaks, das wirkt befruchtend", beschreibt Andreas Dengel, einer der Leiter des DFKI, die Atmosphäre. Das Zentrum setzt 23 Millionen Euro im Jahr um, ein Drittel davon machen Industrieaufträge aus. Dengel schwärmt davon, wie sich unternehmerische Freiheit und universitäre Verankerung ergänzen: Viele Studenten schreiben am DFKI ihre Diplom- und Doktorarbeiten oder verdienen sich außer Taschengeld auch erste Forschersporen; den Dozenten öffnen die Kooperationen mit der Wirtschaft den Blick für die nichtakademische Welt. Im Idealfall verbessert das Forschung und Lehre.
Langsam kommt die Botschaft an
Kommunikationsdesignern, Verwaltungs- und Medizininformatikern sagt Dengel glänzende Aussichten voraus. Langsam kommt diese Botschaft an: Seit zwei Jahren steigen die zuvor von 2001 an eingebrochenen Studentenzahlen wieder. "Mit dem Fach kann man so viel machen", sagt Stefanie Rollar. In zweieinhalb Jahren wird sie ihren Bachelor-Abschluss haben - und vielleicht ein Projekt am DFKI. Wie Ralf Biedert, der dort in der Forschergruppe "Ambient Intelligence" mitarbeitet.
Wie man ein Ambiente intelligent macht? Auch das zeigt die "Smart Factory", in der dank eines Ortungssystems Wissen lokalisiert zur Verfügung gestellt werden kann - damit die Mitarbeiter die richtige Information am richtigen Ort bekommen. Ralf Biedert demonstriert mit seinem "Eye-Book" das gleiche Prinzip auf spielerische Weise: Eine Kamera erkennt, welche Zeile eines Textes auf dem Monitor ein Nutzer gerade liest. Dazu liefert ein Programm Geräusche und Bilder. Zu "Dracula" etwa heulen Wölfe, knarrend öffnen sich Türen. Die Technik, betont Biedert, habe auch für Unterrichtszwecke großes Potential. Am DFKI-Stand auf der Cebit allerdings haben die Besucher darauf gar nicht so großen Wert gelegt. Dracula und der kleine Prinz, interaktiv aufbereitet, haben sie schon stark genug beeindruckt.