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E-Universität Das zweite Leben der Hochschulen Von Dorte Huneke
Die Ansprüche sind groß. Studenten verlangen heute viele Kommunikations- und Kontaktmöglichkeiten, aber auch sehr viel Service von den Hochschulen“, sagt Michael Stawicki, der Präsident der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Die Schlagworte sind schnell aufgezählt: per Mausklick zur Vorlesung, der Professor als Avatar, Feeds und Vlogs statt Blättersammlungen in Seminarordnern. Statt sich im Morgengrauen aus dem Bett zu schälen und auf Heizkörpern in überfüllten Hörsälen zu sitzen, verfolgen manche Studenten ihre Vorlesungen schon als Video- oder Audio-Podcast daheim am Rechner, wenn es ihnen zwischen Job und Kneipenbesuch gerade passt. Technisch ist das alles möglich. Es ist nur vergleichsweise aufwendig“, schränkt Stawicki ein. Bisher sind solche Angebote in Deutschland deshalb noch Ausnahmeerscheinungen. Aber in diese Richtung wird sich das entwickeln.“ Lernen heißt auch Fehler machen Michael Kerres ist einer der Wissenschaftler, die herausfinden wollen, was nötig, möglich und sinnvoll ist. Der Mediendidaktiker an der Uni Duisburg-Essen, die sich als E-Universität“ profilieren will, führt seit zwei Jahren sein eigenes Internet-Tagebuch, er bloggt. Angefangen habe ich damit, als wir in einem Seminar die Einrichtung eines Blogs als verpflichtendes Element für die Studierenden einführten“, erklärt Kerres. Der Chef muss da natürlich selbst vorangehen.“ Durch das Feedback der Studenten habe er unter anderem seine Sensibilität für missverständliche Formulierungen geschärft. Außerdem ist der Umgang miteinander schon durch das medientypische Duzen informeller, offener geworden. Hat er keine Angst vor Korrekturen und Kritik, die im Netz ja für alle einsehbar sind? Nein“, erwidert Kerres. Lernen heißt auch Fehler machen.“ Er hat schon 1995 die ersten internetbasierten Kurse konzipiert und gehörte damals zu den Pionieren des E-Learnings. Der weitverbreiteten Vermutung, dass die Studenten ihren Hochschulen technologisch voraus seien, widerspricht er nachdrücklich. Mit den Web 2.0-Tools sind längst nicht alle Studierenden vertraut.“ Wird es den Campus 2.0 also nur für jene geben, die mit den neuesten Technologien umgehen können? Es werden keine Parallelwelten entstehen“, beruhigt Kerres. Die Online-Angebote seien allesamt nur Ergänzungen zu Lehrveranstaltungen im realen Raum. Diese Mischformen nennt man im Jargon blended learning“. Neben den Präsenzphasen gibt es dabei Online-Lehr- und Lernphasen. Das Seminar wird sogar noch an Bedeutung gewinnen“, prophezeit Kerres. Der persönliche Austausch erhalte womöglich gerade dann neue Bedeutung, wenn die Gelegenheit zu ihm erst einmal rar geworden sei. Virtuelle Begegnungen an der Uni Derweil finden virtuelle Begegnungen statt, zum Beispiel in den 3-D-Welten von Second Life“. Am Anglistischen Institut der Universität Düsseldorf beispielsweise wurde dort ein mittelalterliches Dorf gegründet, Juristen der Uni Saarbrücken simulieren Gerichtsprozesse in der virtuellen Welt, Architekten der Bauhaus-Universität in Weimar haben in ihr eine Ausstellung visualisiert. Insgesamt sind zurzeit etwa 15 deutsche Hochschulen sowie einige Museen und Bibliotheken in Second Life“ präsent. Und die Studenten? 60 Prozent hatten vorher noch gar nichts von Second Life gehört“, schätzt Bernd Schmitz, der sich an der Rheinischen Fachhochschule Köln seit 2006 mit den Neuen Medien beschäftigt und im Studiengang Medienwirtschaft virtuelle Lehrveranstaltungen anbietet. Die Einstellung der Studenten gegenüber der virtuellen Welt sei generell eher skeptisch, sagt Schmitz. Die Medien hätten die Suchtgefahr und das Kriminalitätspotential zu sehr in den Vordergrund gerückt, vermutet er. Eine Handvoll meiner Studenten hatte aber schon einen Avatar.“ Um eine virtuelle Vorlesung abhalten zu können, musste Schmitz zunächst einen virtuellen Raum besitzen. Vor einem Jahr kaufte er ein Grundstück für mehrere tausend Linden-Dollar“, umgerechnet 300 Euro. Das Ganze war ein Experiment. Wir waren eine der ersten deutschsprachigen Hochschulen in Second Life“, sagt Schmitz. Nicht zuletzt deshalb wurde seinem virtuellen Campus große Aufmerksamkeit zuteil, schließlich fand sich sogar ein Sponsor aus der Wirtschaft. Am beliebtesten sind bei den Studierenden das Tutorial zur Einführung und die direkte Kommunikation mit dem Dozenten“, berichtet Schmitz. Auch Studierende oft ahnungslos Wie Kerres machte auch Schmitz die Erfahrung, dass viele Studenten mit den Begriffen Podcast, Weblog, Wiki, Google Docs und RSS-Feed wenig bis gar nichts anfangen können. Man glaubt ja gar nicht, dass es Studierende gibt, die keinen Blog kennen“, wundert er sich. Jeder kennt Studi-VZ, aber was dahintersteht, das Web 2.0, das wussten einige gar nicht.“ Vielleicht liegen diese Defizite aber auch daran, dass viele Hochschulen ihrerseits die Digitalisierung lange nur halbherzig betrieben haben. Früher war es so, dass man sich Unterlagen wie Vorlesungs- und Übungsskripte auf den einzelnen Seiten der Institute zusammensuchen musste. Diese Seiten waren natürlich alle anders aufgebaut und mitunter absolut undurchschaubar“, berichtet Thomas Bertling. Er ist 25 Jahre alt und und studiert Bauingenieurwesen in Essen. Dort wird die Open-Source-Lernplattform Moodle eingesetzt, die viele verschiedene Funktionen von E-Learning integriert. Dieses System erleichtert uns das Leben, weil wir nicht mehr nach Unterlagen suchen müssen, sondern alles in unseren in Moodle belegten Kursen finden“, beschreibt Bertling das System. Alle Unterlagen werden nun also auf einer Plattform gesammelt. Aber nur wenige Institute schöpfen die Möglichkeiten von Moodle voll aus und stellen beispielsweise auch bewertbare Übungen oder Aufgaben zur Klausurvorbereitung zur Verfügung.“ Der Druck auf die Unis wächst Ob die Lehre im virtuellen Raum besser ist als im Hörsaal, muss sich erst noch herausstellen. Im Online-Portal meinprof.de zumindest verbessert sich der Status der Dozenten, die virtuell aktiv sind. Auch so können Studenten auf die Entwicklung ihrer Hochschulen Einfluss nehmen. Der Druck auf die Unis wächst“, diagnostiziert Anette Stöber vom Multimedia Kontor, einem Unternehmen der Hamburger Hochschulen, das sich seit fünf Jahren mit digitaler Lehre befasst. Vor zwei Jahren startete das Kontor das Projekt Podcampus“ – eine Podcasting-Plattform für Beiträge aus Wissenschaft und Forschung. Aufwand und Kosten dafür sind sehr unterschiedlich“, sagt Kamilla Nowicki, die als Freiberuflerin Lehrmaterial für diese Plattform herstellt. Ich spreche zunächst mit den Dozenten die Inhalte durch, dann überlegen wir uns gemeinsam ein Konzept.“ Manchmal geht es nur darum, eine Vorlesung zu filmen und ins Internet zu übertragen. Es lassen sich auch Power-Point-Präsentationen in den Film einfügen, das wissen viele gar nicht.“ Ein besonderes Interesse an dem Angebot entwickelten in Hamburg im vergangenen Semester die Natur- und Sportwissenschaften. Eine Gruppe von Studenten konnte einen Online-Kurs, der die Bewegungsabläufe fürs Snowboard-Fahren visualisiert, mit auf die Piste nehmen. Digitale Seminare tauschen wie Klingeltöne Wie die Zukunft aussieht? Schon bald könnten digitale Seminare getauscht werden wie Klingeltöne. Aber um dem Konzept der akademischen Lehre 2.0 gerecht zu werden, müssten Studenten und Dozenten Inhalte gemeinsam erstellen, und das Internet als eine Plattform gleichberechtigter Kommunikation nutzen. Das ist der nächste Schritt“, sagt Anette Stöber. Dass wir die Studierenden die Beiträge kommentieren lassen. Dann wäre es aber wichtig, dass wir den Zugang beschränken.“ Dozenten, die es gewohnt sind, ihre Thesen hinter geschlossenen Türen zu verbreiten, könnten andernfalls abgeschreckt werden. Michael Kerres bringt es auf den Punkt: Das Internet ist das Medium, das nicht vergisst.“ Nicht für jeden Hochschullehrer ist das eine angenehme Perspektive. Text: F.A.Z.Bildmaterial: F.A.Z. - Tresckow
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