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| Auf dem Hochschulmarkt zieht die Marke "Europa" |
07. Mai 2008
Friederike Hecker und Anne-Marie Fleischer waren schockiert. Die Podiumsdiskussion über den Streit um die europäische Verfassung hatte den Studentinnen aus Halle die Augen geöffnet: Für sie und die meisten Kommilitonen war Europa eine große Unbekannte. Wie war aus der französisch-deutschen Produktionsgemeinschaft für Kohle und Stahl ein Bund mit 27 Mitgliedstaaten geworden? Woraus speisten sich dessen Legitimation und Identität? Woher rührten die Widerstände gegen eine noch engere Kooperation? Wie ein Stochern im Nebel empfanden die Freundinnen jenen Abend Anfang Mai vor einem Jahr. Sie selbst hatten gerade ihre ersten Wochen im Studiengang "Interkulturelle Europa- und Amerikastudien" hinter sich. Noch in derselben Nacht wuchs die Idee zu einer Ringvorlesung mit Dozenten aus verschiedenen Disziplinen - um über Fächergrenzen hinweg Wissenslücken zu schließen. "Als EU-Bürger sollte man wissen, was Europa ist", erläutert Friederike Hecker das Ziel.
Allein ist sie nicht mit dieser Überzeugung. Auf dem Hochschulmarkt zieht die Marke "Europa", erst recht seit der Einführung der Bachelor- und Master-Studiengänge. Im Hochschulkompass, einem von der Hochschulrektorenkonferenz ohne Anspruch auf Vollständigkeit geführten Verzeichnis, sind derzeit 84 grundständige Programme aufgelistet, die Europa im Titel führen - von "Religion im europäischen Kontext" an der Universität Siegen bis zu "European Computer Science" an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Noch üppiger ist das Angebot der weiterführenden Studienmöglichkeiten. Europarecht in Passau, Europäisches Management im brandenburgischen Wildau, Europäische Medienwissenschaft in Potsdam - 135 Einträge spuckt die Datenbank aus. "Wie Pilze aus dem Boden geschossen sind diese Studiengänge", kommentiert ein Berater der Bundesagentur für Arbeit, der seit Jahren den Arbeitsmarkt für Akademiker beobachtet, die Entwicklung. "Viele Studenten schließen Studiengänge ja von vornherein aus, wenn da nicht von ,international' oder ,europäisch' die Rede ist."
Mogelpackungen fürs Marketing
Manche Hochschulen haben darauf seiner Meinung nach mit Mogelpackungen reagiert. "Oft ist der schicke Name ein Marketinginstrument, den der Inhalt kaum deckt", sagt der Experte. Entsprechend schwer falle nach dem Abschluss eine adäquate Vermittlung. Adäquat wäre etwa eine der 49 000 Stellen, die es in der Europäischen Kommission, im Parlament und am Gerichtshof zu besetzen gibt. Aber der Andrang ist groß, das Auswahlverfahren hart - und oft sind gerade keine Europa-Allrounder gefragt, sondern Fachleute, die zwei oder drei Fremdsprachen beherrschen. Nicht einmal die aktuelle Stellenausschreibung für den "EU-Referenten" eines Max-Planck-Instituts etwa fragt nach Kenntnissen der europäischen Geschichte, Rechtsordnung oder gar kulturellen Identität.
Selbst wer seine vermeintliche Traumstelle ergattert - luftige Büros in Brüssel, Straßburg oder Luxemburg, Limousinen mit Diplomatennummernschildern und Termine im Dunstkreis der Mächtigen zwischen Nizza und Stockholm, Lissabon und London haben mit der Realität nicht viel gemeinsam. Anne-Marie Fleischer und Friederike Hecker sind nicht so blauäugig, dergleichen zu erwarten. "Das malt man sich attraktiver aus, als es ist", sagt Fleischer über die begehrten Positionen. Erst 20 Jahre alt ist sie, spricht aber schon von der "Illusion Brüssel", die sie selbst nicht mehr habe. Stattdessen sieht sie ihre berufliche Zukunft in einem internationalen Unternehmen.
Jesus Jimenez dagegen will bald in einer Kulturinstitution arbeiten. Der 28 Jahre alte Spanier ist vor zwei Monaten nach Göttingen gezogen, um dort das obligatorische Auslandssemester im anderthalbjährigen Master-Programm "Euroculture" zu absolvieren. Das Besondere daran ist, dass es von sechs Hochschulen in sechs Ländern organisiert wird - auch nach Uppsala, Groningen, Krakau und ins tschechische Olmütz hätte Jimenez von San Sebastian aus wechseln können. Sechs Universitäten unter einen Hut zu bringen, das geht nicht ohne Reibungsverluste. So war die Zahl der Partnerhochschulen schon einmal größer, und in Göttingen haben sich kürzlich die Juristen ausgeklinkt. Dafür aber hat die EU "Euroculture" in ihr Förderprogramm "Erasmus mundus" aufgenommen, das ein Siegel für erstklassige Master-Studiengänge sein soll. Jesus Jimenez hat gerade beim Cervantes-Institut in Berlin, dem spanischen Pendant zum Goethe-Institut, einen Praktikumsvertrag unterschrieben, dort will er im nächsten Semester seine Abschlussarbeit schreiben. "Die Mobilität hat mich überzeugt", sagt er über "Euroculture".
Was ist ein guter Europa-Studiengang?
Was aber gehört zu einem guten Europa-Studiengang? Um das flüchtige Forschungsobjekt dingfest zu machen, dem sich unter dem Label der Interdisziplinarität alles und nichts zuordnen lässt, lädt der Flensburger Soziologieprofessor Gerd Grözinger Ende September zu einer Konferenz an die Förde ein. Seit 2006 gibt es dort ein zweijähriges "European Studies Program" für Master-Studenten. Auf Englisch und in Kooperation mit einer dänischen Universität angeboten, zieht es laut Grözinger seit neuestem mehr und mehr indische Bachelor-Absolventen an. "Gibt es einen Acquis Académique der Europa-Studien?", heißt in Anlehnung an einen Lieblingsbegriff der Eurokraten die Schlüsselfrage der Konferenz. "Ich halte viele deutsche Programme für zu juralastig", formuliert Grözinger seine eigene Position. Der Historiker Hein Hoebink, der gerade in Düsseldorf den Master-Studiengang "Europa kulturhistorisch" aus der Taufe hebt, stimmt ihm zu. Auch die Politik- und die Wirtschaftswissenschaft seien überproportional vertreten. Er will vom Wintersemester an einen geisteswissenschaftlichen Kontrapunkt setzen - mit unbescheidenem Anspruch: "Wir wollen kompetente Akteure einer mobilen Welt ausbilden", sagt Hoebink.
Die Konferenz in Flensburg ist schon die vierte zu diesem Thema in Deutschland. Institutionalisiert oder verbindlich jedoch ist der Austausch über Konzepte und Inhalte der Europa-Studien nicht. Aus dem "Arbeitskreis europäisch orientierter Magister- und Master-Studiengänge", der die Vorläufer organisierte, ist nie mehr geworden als ein sehr lockerer Zusammenschluss Gleichgesinnter. Außerdem sind die meisten einschlägigen Studiengänge in Deutschland verhältnismäßig klein, selten haben sie mehr als 20 Studenten im Semester. Entsprechend schwer fällt die Orientierung. Wie es um Internationalität und Interdisziplinarität tatsächlich steht, ob sich hinter den Programmen mehr verbirgt als ein Potpourri aller irgendwie mit Europa in Verbindung zu bringender Lehrveranstaltungen einer Universität, lässt sich oft nur mühsam herausfinden.
Auch deshalb weichen viele deutsche Interessenten ins Ausland aus - bevorzugt nach Maastricht, wo 1992 der Gründungsvertrag der Europäischen Union unterzeichnet wurde. Erst seit drei Jahren bietet die dortige Universität "European Studies" an, mit rund 300 Erstsemestern im Jahr ist es schon jetzt das größte Programm seiner Art in Europa. "Etwas mehr als die Hälfte von ihnen kommen aus Deutschland", berichtet Sophie Vanhoonacker. Viel mehr sollten es nach Ansicht der Politologin, die den Studiengang leitet, nicht werden. Denn die Anzahl der Jobs sei eben doch begrenzt, auch wenn es der Einsatzmöglichkeiten viele gebe. In der Politikberatung und in Lobbyverbänden, in Abgeordnetenbüros, in Regierungen und in Nichtregierungsorganisationen arbeiten die ersten Absolventen aus Maastricht heute.
Tradition als Trumpf in Maastricht
Der Vorteil der Größe liegt auf der Hand. Maastricht ist inzwischen so bekannt, dass bei Sophie Vanhoonacker das Telefon klingelt, wenn es einen der begehrten Praktikantenplätze im 100 Kilometer entfernten Brüssel zu besetzen gibt. Einen anderen Trumpf - den der Tradition - spielt das Europa-Kolleg im noch einmal 100 Kilometer weiter im Westen gelegenen belgischen Brügge aus. Das 1949 gegründete Kolleg, das inzwischen einen zweiten Sitz in der Nähe von Warschau hat, gilt als Kaderschmiede schlechthin für die Organisationen der Europäischen Union.
So weit ist Halle noch nicht. Aber in der Ringvorlesung haben schon ein Wirtschaftsjurist, ein Germanist und ein Völkerrechtler ihre Antworten auf die Frage "Europa, wer bist du?" gegeben. Friederike Hecker und Anne-Marie Fleischer allerdings waren nicht dabei, den vollen Hörsaal haben sie nur auf den von Kommilitonen aufgezeichneten Videos gesehen. Beide studieren zurzeit in Frankreich, in Caen die eine, in Toulouse die andere. Dass sie sich dafür beurlauben lassen mussten, weil ihre Studienordnung den Auflandsaufenthalt nicht vorsieht, klingt nur auf den ersten Blick absurd. Auf den zweiten lässt sich dahinter eine tiefere Einsicht vermuten - die, dass sich Europa kaum in ein Curriculum pressen lässt.