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Sprache und Wissenschaft Say it in English, please Von Josefine Janert
Freitag früh an der Humboldt-Universität Berlin. Der Saal füllt sich mit Studenten. Einige blättern im "Wall Street Journal", der Pflichtlektüre der Betriebswirtschaftler. Lesen bildet - auch für die englischsprachigen Veranstaltungen im Vorlesungsverzeichnis. Wer längere Zeit im Ausland war, kommt mit ihnen gut zurecht, andere eher nicht. "Deutsche Kommilitonen haben oft einen starken Akzent", urteilt ein Student aus der Nähe von Schanghai. "Sie benutzen mitunter komische Wörter. Ich muss mir Mühe geben, sie zu verstehen." Er selbst hat Englisch schon in der Grundschule gelernt. Trotzdem findet er im "Wall Street Journal" Vokabeln, die ihm nicht geläufig sind. "Aber ich verwende beim Lesen kein Wörterbuch. Da wäre ich zu langsam, es würde mir auch keine Freude bereiten." Während der Vorlesung macht er sich Notizen auf Englisch und auf Deutsch. Neben ihm sitzen Deutsche, Ukrainerinnen, ein Mexikaner, ein Chilene. Der Professor, grauhaarig, in Jeans und kariertem Sakko, redet Englisch, gespickt mit deutschen Begriffen wie "Sparkasse". Richard Stehle unterrichtet internationales Bankmanagement. Sein gutes Englisch verdanke er vielen Aufenthalten in den Vereinigten Staaten, sagt er selbst. Mit 17 Jahren, das war 1963, fuhr er zu einem Jugendaustausch nach Minnesota. Das Telefonieren war teuer, deutsche Freunde hatte er dort nicht, also redete er fast nur Englisch. "Ich lernte es rasch, obwohl ich wenig sprachbegabt bin." () Klausuren auf Englisch oder Deutsch Die Berliner Betriebswirtschaftler können auswählen, ob sie Klausuren auf Englisch oder Deutsch schreiben. Die Sprechstunden bei Richard Stehle und die meisten Lehrbücher aber sind auf Englisch. "Die Literatur ist für ein internationales Publikum geschrieben und daher gut verständlich", sagt Stehle. Dass die Vorlesung auf Englisch stattfindet, heißen viele Studenten gut. "Schließlich ist es auch möglich, auf Deutsch zu fragen, wenn wir nicht weiterkommen", sagt eine junge Frau. Ein Kommilitone gesteht allerdings Verständnisprobleme: "Es wäre leichter, wenn wir erst den Stoff auf Deutsch durchnehmen und später alles ins Englische übersetzen würden." Diesem Wunsch wird Richard Stehle sicher nicht entsprechen - und auch nicht die anderen Dozenten, die Seminare und Vorlesungen auf Englisch halten. "Die meisten Studenten wollen diese Lehrveranstaltungen", sagt die Historikerin Inga-Dorothee Rost von der Uni Hannover. "Schließlich möchten sie ins Ausland gehen." Rost berichtet von guten Erfahrungen mit englischsprachigen Kursen, etwa über den Kalten Krieg. Die Studenten hatten die Wahl - mehr als zwei Drittel lieferten ihre Hausarbeiten auf Englisch ab. Im Seminar ließ Rost ihre Studenten Themen zuerst zu dritt oder viert diskutieren, um ihnen die Hemmungen zu nehmen, und sie dann vor den anderen präsentieren. "Niemand äußerte den Wunsch, auf Deutsch fortzufahren." Gravierende Probleme mit der Sprache 82 Prozent aller deutschen Studenten schätzen ihre eigenen Englischkenntnisse als "mindestens gut" ein, wie aus einer Studie über die "Aspekte der Internationalität deutscher Hochschulen" des Deutschen Akademischen Austauschdiensts hervorgeht. Für "besonders gut" halten demnach angehende Lehrer, Sprach- und Kulturwissenschaftler, Juristen und Ökonomen ihre Fremdsprachenkenntnisse. Doch wenn Ulrich Ammon an der Uni Duisburg in einem Seminar über die Sprachpolitik der Europäischen Union ins Englische wechselt, stellt er fest, dass sich nur noch ein Drittel der Anwesenden an der Debatte beteiligt. "Davon haben einige gravierende Probleme mit der Sprache", sagt der Germanist, der zugleich Präsident der Gesellschaft für Angewandte Linguistik ist. Manche kennten Wörter wie "interviewee" (Interviewter) und "aftermath" (Folge) nicht. Ammon regt deshalb englischsprachige Abende an: Studenten und Wissenschaftler sollten sich regelmäßig zum Sprachtraining treffen. Ammon vermutet, dass deutsche Wissenschaftler es mitunter als "demütigend" empfinden, Englisch zu reden. Schließlich sei Deutsch einst in der ganzen Welt als Wissenschaftssprache anerkannt gewesen. Zu einem rein deutschsprachigen Vorlesungsverzeichnis führt jedoch kein Weg zurück. Die "Academic Cooperation Association" in Brüssel hat seit 2002 europaweit eine Verdreifachung der Studiengänge festgestellt, die in nicht englischsprachigen Ländern auf Englisch angeboten werden. Allein für Deutschland weist die Studie 415 solcher Programme aus. Die Gründe für den Trend? Einerseits locken die Kurse ausländische Studenten ins Land, deshalb ist Englisch in den Niederlanden und in Nordeuropa seit Jahren als akademische Unterrichtssprache etabliert. Andererseits können Seminare auf Englisch eine gute Berufsvorbereitung sein. Ohne Englisch sind wir isoliert "Ohne Englisch sind wir isoliert", fasst Ulrich Ammon die Situation zusammen. "Es hat wenig Sinn, auf eine internationale Konferenz zu fahren, wenn man die Vorträge nicht versteht." Gleichwohl gibt er zu bedenken, dass die vielen englischsprachigen Seminare hierzulande das Interesse an Deutschkursen im Ausland schmälern können. "Diese sind aber wichtig für unsere internationalen Beziehungen." Gaststudenten sollten wenigstens Basiskenntnisse in Deutsch erwerben. Umgekehrt fehlt vielen deutschen Studienanfängern das nötige Sprachniveau, um an Kursen auf Englisch erfolgreich teilzunehmen. Die Münchner Anglistikprofessorin Friederike Klippel etwa bemängelt die Kenntnisse der Abiturienten. "Sie sind in der Regel nicht so, dass deutsche Studenten damit in einen wissenschaftlichen Diskurs eintreten können", kritisiert sie. Der Schulunterricht sei zu wenig praxisbezogen, es gebe zu wenig Gelegenheit zum Sprechen, rügt auch Ulrich Ammon. Insgesamt seien es vor allem Studenten aus bildungsfernen Familien, die durch lückenhafte Sprachkenntnisse auffielen - einen Aufenthalt in einem englischsprachigen Land konnten sie sich nicht leisten. Die Nachteile ostdeutscher Studenten, die vor 15 Jahren noch deutlich schlechter Englisch sprachen als westdeutsche, haben sich dagegen inzwischen eingeebnet. Sprachkluft zwischen jung und alt Eine Sprachkluft dagegen tut sich auf zwischen älteren Dozenten, die angestaubtes Schulenglisch reden, und der Generation unter 45 Jahren. Jüngere fahren mit großer Selbstverständlichkeit ins Ausland - wie Inga-Dorothee Rost, die in den Vereinigten Staaten gelernt und gelehrt hat. Ein Lebenslauf wie der ihre, gespickt mit Lorbeer aus aller Welt, wird künftig wohl Voraussetzung sein für eine Karriere an einer deutschen Hochschule. "Anfang der achtziger Jahre war es noch eine große Sache, dass Deutsche, Österreicher und Schweizer zusammenarbeiteten", erinnert sich die Hamburger Journalistikprofessorin Irene Neverla. Längst veröffentlicht sie auf Englisch - und ist mitverantwortlich für einen internationalen Masterstudiengang an ihrer Hochschule. Für Nachwuchswissenschaftler führt am Vokabellernen also kein Weg vorbei. Harald Barre, der in Hannover Politik und Geschichte studiert, ist sich darüber klar. "Wie soll ich später sonst anderen Wissenschaftlern E-Mails schreiben?" Ihm selbst bereiten nach einem Jahr in den Niederlanden, wo Filme nicht synchronisiert werden und fast jeder Englisch spricht, fremdsprachige Referate keine Problem mehr. Aber das, räumt er ein, ist unter seinen Kommilitonen nicht die Regel. "Einige haben auch im achten Semester grundlegende Literatur noch nicht gelesen, weil sie auf Englisch ist." Text: F.A.Z.Bildmaterial: F.A.Z. - Tresckow
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