Von Andrea Herzig
06. Juni 2007Die derzeit etwa 800 Juniorprofessorinnen und -professoren in Deutschland sind mit ihrer Arbeitstelle zufrieden. Die meisten würden sich erneut für diesen Weg in den höheren Akademiebetrieb entscheiden. Das zeigt eine jetzt veröffentlichte Studie des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE). Die Juniorprofessur werde von den Universitäten genutzt, um Nachwuchskräfte zu rekrutieren, heißt es, wobei das Engagement der Bundesländer bei der Einrichtung derartiger Stellen sehr unterschiedlich ist. Juniorprofessoren werden mit dem gleichen Verfahren berufen wie Langzeitprofessoren. Allerdings stagniert die zahlenmäßige Entwicklung der Stellen, vier Prozent aller Professorenstellen sind Juniorprofessoren.
Die Juniorprofessur wurde vor fünf Jahren eingeführt, sie ist auf sechs Jahre begrenzt. Die Juniorprofessur war als große Reform für die Hochschule gedacht, langfristig sollte sie die Habilitation verdrängen. Mit der Juniorprofessor sollte sich der deutsche Uni-Betrieb an internationale, insbesondere amerikanische Hochschul- und Wissenschaftskarrieren anpassen. Modell war der Assistant Professor. Ziel der Reform war es, Qualifikationswege zu verkürzen, Kandidaten sollten jünger in Forschung und Lehre kommen, Karrieren sollten kalkulierbarer und attraktiver werden. Auch für die Gleichstellung hofften die Reformer, etwas zu erreichen.
Das scheint zumindest in Teilen gelungen zu sein. Der Frauenanteil liegt mit 28 Prozent bei den Juniorprofessoren deutlich höher als bei den traditionellen Professoren (C3/W2 12,7 Prozent; C4/W3 8,7 Prozent), die Quote der habilitierten Frauen beträgt 23 Prozent. Der Frauenanteil ist selbst in den männerdominierten Fächern wie Natur- und Ingenieurswissenschaften höher als bei den Vollprofessuren, belegt die CHE-Studie.
54 Prozent der befragten Juniorprofessoren haben Kinder. Die Frauen sind öfter kinderlos als die Männer, von denen auch mehr mehrere Kinder haben (siehe Grafik). Da das Durchschnittsalter der Befragten mit 37 Jahren in etwa gleich ist und Frauen statistisch früher eine Familie gründen, sprechen die Zahlen laut CHE-Studie für die These, dass eine Familie für eine wissenschaftliche Karriere bei Frauen hinderlich ist. 60 Prozent der kinderlosen Frauen sind zudem über 35, was ein weiterer Hinweis auf die zunehmende Kinderlosigkeit von Wissenschaftlerinnen ist.
Dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch bei Juniorprofessuren eine Rolle spielt, zeigt die Zufriedenheit mit der Situation“, die die Studie erfragt hat. Professorinnen mit Kindern sind eher unzufrieden als professorale Familienväter oder kinderlose Kollegen beiderlei Geschlechts. Generell wird die Vereinbarkeit von den Kinderlosen als schlechter eingeschätzt als von den Juniorprofessoren, die tatsächlich Eltern sind.
Besonders viele Juniorprofessuren, zeigt die Studie, richteten die Humboldt-Universität in Berlin, die Göttinger Georg-August-Universität, die Universität Hamburg, die Freie Universität Berlin, die Uni Bremen und die Leibniz Universität Hannover ein. In der Humboldt-Universität Berlin ist die Juniorprofessur inzwischen im Hochschulentwicklungsplan verankert, 20 Prozent aller Professuren sollen so besetzt werden.
Generell wird die Einrichtung einer Juniorprofessur häufig mit besonders innovativen Forschungsgebieten verknüpft. Bei den Naturwissenschaften, so heißt es in der Studie, sei die Juniorprofessur leicht überproportional, im Bereich der Sprach- und Kulturwissenschaften deutlich, bei den Ingenieurswissenschaften leicht unterproportional vertreten. In den Rechts- Wirtschafts- und Sozialwissenschaften entspricht die Zahl der Juniorprofessuren der der gewöhnlichen Professuren in diesen Fächern.
Die meisten aller in der CHE-Studie befragten Juniorprofessoren haben nicht an der Hochschule promoviert, an der sie Professor wurden. Überdurchschnittlich viele Juniorprofessoren der Medizin und der Ingenieurswissenschaften haben an ihrer Uni jedoch auch schon promoviert. Im Schnitt liegen 3,4 Jahre zwischen Promotion und Professur. Nach fünf Jahren hatten gut 75 Prozent der Befragten ihre Juniorprofessur.
Nach Erkenntnissen der Studie bleibt die Juniorprofessur weiterhin ein Qualifikationsweg neben anderen. Befragte Hochschulleitungen schätzten die Habilitation für manche Fächer nach wie vor als entscheidendes Qualifikationsmerkmal bei der Bewerbung auf W2 und W3- Professuren ein. Für welche Fächer dies gilt, wird nicht einheitlich beantwortet.
Viele Hochschul-Leitungen sehen es aber ähnlich wie die FU Berlin, die auch künftig vor allem in den Geisteswissenschaften die Habilitation als Voraussetzung einer W2/W3-Professur annimmt. Technischen Unis wiederum sei mehr und mehr weder die traditionelle noch die Juniorprofessur als Voraussetzung für eine Qualifikation wichtig, sondern Erfahrung in der Industrie, sagt die CHE-Studie. Nur ein Drittel der befragten Juniorprofessoren habe noch vor, sich zu habilitieren, in der Humanmedizin ist es die Hälfte, in den Natur- und Ingenieurswissenschaften nur ein Viertel. Die meisten erhoffen sich bessere Berufschancen.
Zehn Prozent der Juniorprofessuren wurde vor dem Ende der Regelzeit von sechs Jahren aufgegeben. Eine Aufgabe ohne höherwertige Stelle, belegt die CHE-Studie, war allerdings die Ausnahme, vierzig schafften den Sprung auf eine W2/W3-Stelle, zwölf wechselten auf eine Professoren-Stelle im Ausland. Nur 18 Prozent der befragten Juniorprofessoren gaben an, dass ihre Stelle mit einer "Tenure Track"-Option versehen ist. Das ist die Möglichkeit, ohne weitere Ausschreibung als W2/W3-Professor übernommen zu werden oder sich zumindest unter Aufhebung des Hausberufungsverbots an der gleichen Uni um eine freie Professur bewerben zu können.
Links:
Stimmen zur CHE-Befragung:
Download:
Die CHE-Befragung „Fünf Jahre Juniorprofessur” als pdf-Datei
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), Gütersloh, picture-alliance / dpa/dpaweb