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09. Mai 2008
Schalte mal eben jemand das Licht aus, bitte! Für Friedrich Veuhoff muss es jetzt dunkel sein. Wegen der Wirkung. Erst dann drückt der Mann am Schaltpult auf den Startknopf. Sofort leuchtet warnend über ihm eine rote Lampe auf. Achtung, Hochspannung! 45 Augenpaare spähen in der Dämmerung nach dem großen Glaskreis, der hinter einem deckenhohen Gitterzaun im Keller der Technischen Fachhochschule (TFH) in Berlin aufgebaut ist und aussieht wie eine futuristische Zielscheibe für Messerwerfer.
Rund um den schwarzen Knubbel in ihrer Mitte beginnt es zu leuchten. Erst schwach, dann immer stärker, bis schließlich lange, grellweiße Blitze in einem wahren Veitstanz über die Glasscheibe zucken. Es zischt und brutzelt und riecht nach Ozon. Die Zuschauer hinter dem Absperrgitter, allesamt im fortgeschrittenen Teenager-Alter, reißen Augen und Münder auf, einige halten ihre Fotohandys hoch, um das blitzende Schauspiel auf den Speicherchip zu bannen. Das ist lebendige Wissenschaft! Das ist Elektrotechnik!
Das ist Elektrotechnik?
Das ist Elektrotechnik? Friedrich Veuhoff, ein schlanker Mann Anfang sechzig, mit dünnem Haarkranz und feinem Lächeln, nickt. Er ist Professor für Elektro- und Feinwerktechnik an der TFH, wo ab dem vierten Semester im E-Technik-Studienplan auch das Arbeiten und Experimentieren im Hochspannungslabor vorgesehen ist. Wie beim Parcours in einem Fitness-Studio stehen in dem elektromagnetisch abgeschirmten Kellerraum große Prüf- und Anlagenteile herum - aber nicht um die Muskeln der Studenten zu trainieren, sondern um ihnen für Tests verschiedene Prüfspannungen zur Verfügung zu stellen. Während es bei den seminarbegleitenden Experimenten zum Beispiel um die Frage geht, ob Schalter ihre genormten Prüfspannungen halten können, damit sie den Anforderungen im Hochspannungsnetz gerecht werden, hat es Veuhoff bei seiner Vorführung heute auf das Gegenteil angelegt. Die Versuchsanordnung ist so gebaut, dass die Oberflächenspannungsfestigkeit der Glasplatte überschritten und so auf spektakuläre Weise elektrische Gleitentladungen hör- und sichtbar werden. Ein wahres Blitzlichtgewitter also, das Veuhoff da veranstaltet, um für seinen Studiengang zu werben. Zu Recht, findet er - schließlich sei die Elektrotechnik nach wie vor die Grundlage unserer modernen Welt, dementsprechend gut seien auch die Berufsaussichten der Absolventen: Das dauert nach dem Abschluss keine zwei Wochen, dann haben die schon eine Anstellung in der Tasche.
Um das endlich breiter bekannt zu machen, greift Veuhoff nun zu einer ungewöhnlichen Maßnahme: Er lässt sich vermieten. Mit einem Vortrag über erneuerbare Energien im Gepäck - denn auch die gehören zu den Tätigkeitsfeldern eines Elektrotechnikers - besucht er Schulen in und um Berlin, um die Jugendlichen für sein Fachgebiet zu begeistern, aber auch, um für die TFH und ihre aus seiner Sicht guten Studienbedingungen zu trommeln. Bei uns gibt es seminaristischen Unterricht in kleinen Gruppen, kurze Studienzeiten und einen ausgeprägten Praxisbezug, sagt der Diplom-Ingenieur. Er muss wissen, wovon er redet, schließlich hatte er schon ein Berufsleben vor der Professur - wie alle TFH-Dozenten. Bevor Veuhoff den Ruf an die TFH erhielt, arbeitete er zehn Jahre im Siemens-Hochleistungsprüffeld in Berlin, davor bei AEG in Kassel.
Doppeldeutig
Seine Kollegin, die Mathematikerin Angela Schwenk, arbeitete fünf Jahre als Software-Entwicklungsingenieurin bei Siemens, bis sie 1990 ihrem Herzenswunsch folgte und an der TFH eine Mathematik-Professur annahm. Die umtriebige Berlinerin, deren Augen hinter einer randlosen Brille unternehmungslustig funkeln, ist die Initiatorin von Miet den Prof. ,Miet‘ deshalb, weil da ja, wenn man es ausspricht, auch das englische Wort 'meet‘ also 'treffen‘, drinsteckt, erklärt Schwenk die Namensgebung. Mit Nachdruck fügt sie hinzu: Die Miet-Profs sind zum Nulltarif zu haben. Sie sind Überzeugungstäter - im doppelten Sinn.
Vor knapp zehn Jahren, als die Mathematik-Professorin mit ihrer Idee im Kollegenkreis und bei der Fachhochschulleitung hausieren ging, stieß sie nicht überall auf offene Ohren. Das ist heute anders. Wir müssen ja auch für unsere Fachhochschule werben und Absolventen klarmachen, warum sie ausgerechnet hierher kommen sollen, erklärt sie. Vor allem Abiturienten können sich ja aussuchen, ob sie an einer Universität oder an einer Fachhochschule studieren wollen.
Stolz wedelt Angela Schwenk mit einem Blatt Papier: ihre persönliche Erfolgsbilanz, natürlich in Zahlen, schließlich ist sie Naturwissenschaftlerin. Statistik über all die Jahre steht ganz oben auf dem Zettel. Darunter sind in Tabellenform nicht nur die Buchungen seit 1999 vermerkt - die sind von 12 auf 395 im Jahr gestiegen! - sondern auch die Anzahl der Vorträge im Katalog - 1999 waren das 14, in der aktuellen Ausgabe sind es 50 - und die Summe der beteiligten Professorinnen und Professoren. Das waren früher zehn, heute sind es 37. Sie kommen aus allen Fachgebieten der TFH von der Technischen Informatik über das Vermessungs- und Bauingenieurwesen bis hin zur Architektur und der Verfahrens- und Umwelttechnik. Neu im Angebot sind Vorträge aus den Bereichen Augenoptik/ Optometrie, Audiovisuelle Medien und Gebäude- und Energietechnik. Beispielsweise hält Holger Dietze vom Studiengang Augenoptik/Optometrie in seinem Vortrag Antworten auf die Frage bereit, warum die Welt so bunt ist, und Katja Biek-Czarny will unter der Überschrift Wie viel Technik braucht ein Tier - verschiedene Anwendungsgebiete in Sonderbauten Interesse für das Fachgebiet Gebäude- und Energietechnik wecken. Bei Sonderbauten handelt es sich zum Beispiel um die Behausungen von Panda, Gorilla und Co. in den Zoos. Gebäudetechniker sorgen mit energieeffizienten Betreiberkonzepten dafür, dass das tierische Heim möglichst naturnah und artgerecht ist.
Um die Fachgebiete für Schulen kompatibel zu machen, haben die Dozenten sie den Schulfächern Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Informatik, Geographie, Kunst und Politikwissenschaft zugeordnet. Auch deshalb, weil sie mit ihrer Initiative die Lehrer an den Schulen unterstützen wollen. Die Mathelehrer bekommen ja oft die Frage zu hören, was man überhaupt mit Mathe später anfangen kann, sagt Angela Schwenk. Jede Menge, ist sie überzeugt und tritt mit ihrem Vortrag über Zykloide - eine Kurve mit bemerkenswerten Eigenschaften und vielen Anwendungen den Beweis an. Das Arbeitsfeld für Mathematiker ist breit und spannend, das will ich vermitteln, erklärt Schwenk. Sie arbeiten immer in interdisziplinären Teams, zum Beispiel in der Softwareentwicklung, oder an Problemlösungen für mathematisch-technische oder statistische Aufgabenstellungen in Branchen wie dem Automobilbau, der Flugzeugindustrie, der pharmazeutischen Industrie oder in Versicherungen und Banken.
Schon mal Hochschulluft schnuppern
Wer möchte, kann die Profs. auch direkt vor Ort, an ihrer Wirkungsstätte treffen. Das hat den Vorteil, dass angehende Studenten schon mal Hochschulluft schnuppern und einen Blick in die Labore werfen können. Die Lehrer Ralf Hengesbach und Jörg Mallinkrodt vom Berufskolleg Hilden zum Beispiel haben einen Miet-den-Prof-Termin mit ihrer Klassenfahrt nach Berlin verbunden. Eine Klassenfahrt nur zum Spaß ist rausgeschmissene Zeit, begründet Hengesbach die Entscheidung. Und so sehen sich er und seine Schüler nicht nur das Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen und das Holocaust-Mahnmal an, sondern treffen an einem Donnerstagmorgen auch Friedrich Veuhoff im Hörsaal C 113 der Technischen Fachhochschule. Zunächst hängen die 40 Jungen und das eine Mädchen, die in Hilden eine zweijährige Berufsfachschule mit der Ausrichtung Mechatronik absolvieren, noch etwas müde auf ihren Stühlen - Klassenfahrten sind vielleicht nicht nur, aber eben auch Spaß, vor allem nächtlicher. Aber je weiter Veuhoff mit seinem Vortrag über Erneuerbare Energien fortschreitet, umso höher steigt auch das Energieniveau der Schüler. Ihr Interesse scheint geweckt, spätestens durch den Blitz-Versuch im Hochspannungslabor. Beim abschließenden Mensabesuch diskutieren einige der Schüler sogar angeregt über das Für- und Wider von Wind- beziehungsweise Atomkraft.
Angela Schwenk ist zufrieden. Studium soll ja immer auch Persönlichkeitsbildung sein sagt sie. Schließlich gehe es darum, später, im Beruf gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Das ist auch der Grund, warum sich Friedrich Veuhoff so engagiert. Das wird zurückgezahlt, ist er überzeugt. Schließlich würden die Studenten irgendwann auf die Menschheit losgelassen. Und spätestens dann sollten sie wissen, was sie tun, aber auch, warum sie es tun.