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Südtirol

Dreisprachig studieren

Von Anette Orth



Die Uni-Bibliothek in Bozen
27. November 2008 
Die Stadt Bozen kennt der aus Düsseldorf stammende Sebastian Schmitz seit seiner Kindheit. Hier hat er zusammen mit seinen Eltern einige Urlaube verbracht und später selbst Kinderfreizeiten für seine Kirchengemeinde organisiert. Als dann der 21-Jährige von dem Studiengang „Politics, Philosophy and Economics“ an der Universität in Südtirol erfuhr, fühlte er sich sofort angesprochen: „Eine interessante Kombination, die so nur noch in Oxford angeboten wird. Außerdem ist die Uni fast nagelneu. Dazu noch diese Urlaubsatmosphäre - das hat einfach alles gepasst.“

Die Freie Universität Bozen ist noch jung, sie startete ihren Lehrbetrieb vor zehn Jahren, und mittlerweile studieren hier mehr als 3.000 Studierende aus 51 Ländern. Ihr Markenzeichen: die Mehrsprachigkeit. Deutsch und Englisch waren für Sebastian kein Problem, Italienisch musste er allerdings von Grund auf lernen. In den Sommerferien vor Studienbeginn bietet die Uni bereits einen Sprachkurs an, vor allem aber im täglichen Leben lernt man hier Italienisch ganz schnell. „In Bozen sind alle Schilder, Tafeln oder Plakate zweisprachig - die ganze Stadt ist wie ein einziger, großer Vokabelkasten.“ Größere Probleme bereite ihm da das Deutsch, das die Südtiroler sprechen, ein bairischer Dialekt, der zur Gruppe der oberdeutschen Mundarten gerechnet wird und teilweise in Bayern, Südtirol und Oberitalien gesprochen wird. „Da muss ich bis heute nachfragen, vor allem weil die Dialekte auch noch von Tal zu Tal verschieden sind“, sagt Sebastian und lacht.

Der erste Abschluss ein „Brenner-Doktor“

Sebastian Schmitz musste erstmal Italienisch büffeln

Nach einem Semester sind von den anfänglich 30 eingeschriebenen Kommilitonen etwa 20 übriggeblieben. Jeder kennt jeden, und das Verhältnis zu den Professoren kann er als durchaus freundschaftlich bezeichnen. „Keine Warteschlangen bei den Sprechstunden, oft gehe ich sogar ohne Anmeldung hin und lasse mir das eine oder andere aus der Vorlesung noch mal erklären - eine persönliche Nachhilfestunde sozusagen.“

„Ein richtiges Auslandssemester im richtigen Italien“, möchte Sebastian im Laufe seines Studiums noch machen. In voraussichtlich drei Jahren hat er sein Studium abgeschlossen, dann darf er sich offiziell „dottore“, also „Doktor“, nennen. Das ist in Italien so üblich. „Allerdings auch nur in Italien, nördlich des Brenners wäre das Titelanmaßung“, sagt Sebastian. Entsprechend trägt der Abschluss hier unter den deutschen Studierenden den Spitznamen „Brenner-Doktor“. Um einen Platz im Studentenwohnheim hat sich Sebastian bereits ein halbes Jahr vor Studienbeginn beworben, denn: „First come, first serve“. 240 Euro muss er für sein Zimmer im Wohnheim bezahlen. Für die Studierenden, die keinen Platz ergattern, bleibt nur der freie Wohnungsmarkt in Bozen, und der ist nicht gerade billig.

Die Bozener Uni ist geeignet für Leute, die sich engagieren wollen: Arnbjörn Eggerz, früher Präsident der Studentenvereinigung „Kikero”

900 Euro für eine 70 Quadratmeter große Dreizimmerwohnung bezahlen Kristina Hartjen und ihre zwei Studienfreundinnen. Etwas über 300 Euro muss man für den Lebensunterhalt dazurechnen, die Studiengebühren schlagen mit 1.250 Euro pro Jahr zu Buche. Die Förderung, die man beantragen kann, ist abhängig vom Einkommen der Eltern und damit vergleichbar mit dem deutschen Bafög. Der Höchstsatz beträgt 5.500 Euro pro Jahr. Anders als in Deutschland müssen Studenten die Förderung nicht zurückzahlen.

Kristina beschäftigt sich bereits mit ihrer Laureatsarbeit, der früheren Diplomarbeit. Nach ihrem Studium an der Fakultät für Design und Künste geht sie jetzt der Fragestellung nach, worin sich Souvenirs und persönliche Andenken unterscheiden. Wenn alles klappt, soll am Ende der Arbeit eine Art Souvenirserie für Bozen entstehen. „Typische Mitbringsel aus Bozen sind Wein oder Schinken, aber die sind relativ bald getrunken und gegessen. So gesehen hat Bozen gar keine richtigen Souvenirs.“ Das Studium hat ihr sehr gefallen, vor allem weil an der Uni Produktdesign und Visuelle Kommunikation als Kombination gelehrt wird. In Deutschland muss man sich für einen der beiden Studiengänge entscheiden. Jetzt sitzt die 28-Jährige, die in Deutschland bereits zwei Jahre als Mediengestalterin gearbeitet hat, jeden Tag in einem großen, sonnendurchfluteten Raum in der Uni, gemeinsam mit vier anderen Kommilitonen, die ihre Laureatsarbeit fertigstellen. Auch dieser Raum ist ein exklusives Angebot der Hochschule.

„Konsumstudenten“ wird die Stadt schnell zu klein

Designstudentin Kristina Hartjen schreibt an der FUB an ihrer Diplomarbeit

Arnbjörn Eggerz hat im vergangenen Jahr seinen Bachelor an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften absolviert. Gleich im Anschluss bekam er von der Hochschule einen Projektauftrag, seitdem entwickelt er Verkaufskonzepte, um den Designstudenten bei der Vermarktung ihrer Produkte zu helfen. Während seiner Studienzeit war Arnbjörn Präsident der Studentenvereinigung „Kikero“, die mittlerweile circa 150 Mitglieder hat. „Kikero“ versucht, zusätzliche Seminarangebote zu schaffen, in denen Experten über bessere Kommunikation, Lernmethoden oder Rhetorik dozieren. Aber auch das gesellige Zusammensein darf nicht zu kurz kommen, und so organisiert der Vorstand auch mal Studienreisen nach China oder Rom, Mondscheinrodelpartien und große Studentenpartys. „Ich denke, die Uni ist geeignet für Leute, die sich engagieren wollen und viel Antrieb haben“, sagt Arnbjörn. Sogenannten „Konsumstudenten“ wird die Stadt schnell zu klein, manchen sei auch nicht bewusst, dass man für die dritte Sprache einen erheblichen Mehraufwand einrechnen muss. Leistungsbereitschaft sei eine wichtige Voraussetzung. Dafür könne man von der Überschaubarkeit der eher kleinen Hochschule und den internationalen, erfahrenen Professoren profitieren.

Bozener Nachtleben lässt zu wünschen übrig

„Südtirol muss man mögen“, meint der Düsseldorfer Sebastian. „Wenn man hier länger ist, kommen irgendwann mal die Berge auf einen zu, sagen manche. Aber mir gefällt es.“ In einer Skihalle in Düsseldorf sei er vor zwei Jahren das erste Mal wackelig auf dem Snowboard gestanden, aber „seit ich hier bin, kann ich's“, sagt er. Überhaupt ist der Freizeitwert sehr hoch, es ist kein Problem, mal kurz zum eine Stunde entfernten Gardasee zu fahren, nach Verona oder Mailand, zumal das Zugfahren in Italien sehr günstig ist.

Bozen - Landeshauptstadt von Südtirol

„Nur das Bozener Nachtleben lässt zu wünschen übrig“, wendet Kristina ein. Gern würde sie mal wieder in einen Club gehen, in dem nicht jeder jeden kennt. „Geheimnisse oder anonymes Weggehen gibt es hier nicht. Eine heimliche Affäre fliegt sofort auf“, sagt sie amüsiert. Außerdem seien bereits um 24 Uhr fast alle Lokale geschlossen, „dann steht man auf dem leeren Obstmarkt und überlegt, ob man nun rechts oder links in die dunkle Gasse geht.“ Problematisch seien auch die undurchsichtigen Mittagspausen der Geschäfte. „Irgendwann ab 12 Uhr ist alles geschlossen, zwischen 15 Uhr oder 16 Uhr.“ Sie habe keine Ahnung, nach welchem System wieder geöffnet ist. „Irgendwie nervig. Andererseits kann man sich so voll auf das Studium konzentrieren.“ Die Studentin aus Delmenhorst sieht es pragmatisch.

Fakultäten:
In Bozen werden Laureatsstudiengänge an folgenden Fakultäten angeboten: Wirtschaftswissenschaften, Design und Künste, Informatik und Technik und Naturwissenschaften. Der Laureatsstudiengang ist der erste akademische Grad im italienischen Universitätssystem, der einem Bachelorabschluss entspricht. Ein zweijähriges Fachlaureat oder ein Master lässt sich anschließen.

Vorinskription:
Mit der Vorinskription bewerben sich Studierende um einen Studienplatz. Die Vorinskription ist für alle Laureatsstudiengänge notwendig, die eine begrenzte Anzahl von Studienplätzen vorsehen, sie ist für mehrere Studiengänge möglich. In Bozen weiß man bereits ein halbes Jahr vorher, ob man den Studienplatz bekommt.

Weitere Informationen:
Studentenberatung, telefonisch unter (00 39) 04 71 012-100 oder per E-Mail: advisoryservice@unibz.it

Freie Universität Bozen
Sernesistraße 1
I-39100 Bozen/Bolzano

Text: Hochschulanzeiger Nr. 98, 2008, Seite 132
Bildmaterial: Evi Oberkofler, Petra Kaminsky
 
 
   
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