Ruven Schäuffele ist das Paradebeispiel für den deutschen Medizinstudenten in Ungarn. 2002 macht er in Marbach am Neckar sein Abitur, "mehr oder weniger durchschnittlich", wie er zögerlich sagt, "aber für Medizin war damals 1,5 oder 1,6 nötig". Im Zivildienst in Ludwigsburg wird er zum Rettungssanitäter ausgebildet, er fährt Krankenwagen und ist überzeugt, "dass Medizin das Richtige für mich ist". Schon als Kind wollte er Arzt werden, ein Kollege seiner Schwester erzählt ihm von der Semmelweis-Universität in Budapest. Schäuffele hatte Leistungskurse in Biologie und Mathe, dank dieser Grundlagen und seiner medizinischen Erfahrungen fällt es ihm ein Jahr nach dem Abitur nicht schwer, die Ungarn davon zu überzeugen, dass er für das harte Studium geeignet sei. Aus seiner Motivation muss er nie einen Hehl machen. "Ich wollte den Numerus clausus umgehen und nicht drei bis vier Jahre warten müssen." So funktioniert das beiderseitige Geschäft. Der Preis bemisst sich in harter Währung: 5600 Euro Studiengebühren kostet das deutschsprachige Medizinstudium in Budapest, Pécs oder Szeged. Pro Semester. (lesen Sie auch, wie es für die Deutschen in Österreich läuft: Die Insel der Seligen)
"Spätreifer" - diesen hübschen Begriff haben die Verantwortlichen an der Semmelweis-Universität für ihre deutschen Kunden entdeckt. Er soll das Selbstbewusstsein der jungen Leute stärken und das eigene Angebot von jenem faden Beigeschmack befreien, dass Geld allein zum Erfolg führe. "Die Abiturnote gibt die realen Fähigkeiten eines Bewerbers nur in begrenztem Maße wieder", sagt Professor Elisabeth Ligeti, Leiterin des deutschsprachigen Medizinstudiengangs. Zwar guckt auch sie sich Zeugnisse an, aber überzeugt sich dann individuell von der Eignung der jungen Deutschen. Deren Motivation und Interesse seien auch für die Dozenten immer wieder anregend, lobt sie. "Es gibt nicht nur exzellente Einzelfälle, sondern auch ihre durchschnittliche Leistung ist sehr gut." Ihr Kollege Professor Róbert Ohmacht, der das deutschsprachige Medizinstudium im südungarischen Pécs leitet, pflichtet ihr bei: "Ein Problem mit angeblich weniger intelligenten Numerus-clausus-Flüchtlingen ist bei uns nie aufgetreten." 2004 habe seine Universität erstmals 100 Plätze angeboten, es gab 200 Bewerber. Inzwischen drängen auf die 170 Plätze mehr als 500 Interessenten, oft Sprösslinge von Ärzten oder Lehrern. "Wir haben also gar kein Problem, die guten Leute rauszufischen", sagt Ohmacht. Früher hätten die Ungarn bei den deutschen Kollegen Werbung gemacht, um zu zeigen, "dass wir nicht irgendwo im Urwald sind". Das ist heute nicht mehr nötig, aber im kommenden Frühjahr wollen sie wieder nach Deutschland kommen, um in mehreren Städten ihr Studium vorzustellen - den Eltern.
Doch tatsächlich nimmt auch die Semmelweis-Universität längst nicht mehr jeden Bewerber an. Im September 2007 sind wieder 250 junge Frauen und Männer für das Studium der Humanmedizin zugelassen worden, aber die Zahl der Bewerber ist schon seit Jahren vier- bis fünfmal höher. Bei der Auswahl kommt es vor allem auf die naturwissenschaftlichen Fächer an. Voller freundlicher Ironie erzählt Ohmacht mit starkem Akzent und eigenwilligem Satzbau: "Manchmal ist mein Deutsch besser als bei meinen Studenten, das sagt doch alles. Aber dafür sind sie brillant in Bio."
Schon zu Beginn der achtziger Jahre entstand die Idee, zahlungskräftige Ausländer ins Land zu holen. Die Gulasch-Kommunisten waren auf der Suche nach Devisen, als ein ungarischer Dozent der Technischen Universität das Missverhältnis von Angebot und Nachfrage in Deutschland und den Unmut über den Numerus clausus erlebte. Sein guter Draht zur Parteiführung ließ eine Idee Wirklichkeit werden: Seit 1983, lange bevor der Eiserne Vorhang fiel, gibt es in Budapest das Medizinstudium in deutscher Sprache, Professor Ligeti spricht von drei Prozent des Etats der Uni, die die Deutschen heute mit ihren Gebühren beisteuern.
Kaiserin Maria Theresia hatte 1769 die medizinische Fakultät gegründet. 1951 wurde sie eine selbständige medizinische Universität, 1969 nahm sie den Namen von Ignaz Semmelweis an, der dort Mitte des 19. Jahrhunderts Professor für Geburtshilfe war. Er hatte sich zuvor als Assistenzarzt in Wien einen Namen gemacht, weil er die Ursache für das oft tödliche Kindbettfieber der Mütter erkannt und Hygienevorschriften für Ärzte und Krankenhauspersonal eingeführt hatte. Einfach gesagt: Er führte das präventive Händewaschen ein, weil er entdeckt hatte, wie die Ärzte massenhaft Bakterien unter den Patientinnen verbreiteten.
Doch es wirkt mehr als ein Name nach. Es ist die intensive Ausbildung an den ungarischen Unis, die Studenten wie Dozenten gleichermaßen loben: streng verschult, mit hohem Tempo und großem Pensum, häufigen Testaten und mehr mündlichen Prüfungen als Multiple-Choice-Verfahren. Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Deutschen Ärztekammer, weiß: "Die Kollegen kennen jeden Studenten beim Namen, wissen, was der einzelne taugt und lassen niemanden hängen, wenn sie wissen, dass mehr rauszuholen ist." Und dann kümmerten sich die Chefs selber, "das hat sich bei uns leider verflüchtigt". Wohl auch deshalb durfte Hoppes Sohn in Budapest lernen.
Jutta Draganov, die ihr gesamtes Studium in Budapest absolviert hat, arbeitet inzwischen als Anästhesistin und Intensivmedizinerin an der Uniklinik in Düsseldorf. Die 37-Jährige unterrichtet selbst Studenten - und vergleicht: "In Deutschland fallen Vorlesungen und Praktika häufig aus, die Dozenten müssen zum Teil mitten in einem Praktikum in den OP oder auf die Station zurück, die Veranstaltungen werden von wenig erfahrenen Ärzten geleitet. In Ungarn war es für die Dozenten eine Ehre, auch mit ein wenig finanziellem Anreiz, deutsche Studenten unterrichten zu dürfen." Das habe ihr Engagement deutlich gefördert.
Sebastian Zimmer, 24 Jahre alt und im neunten Semester in Budapest, nennt die vorklinische Phase durchaus lobend ein "Paukstudium, wie man sich's im Ostblock vorstellt" - verbunden mit Leistungsanreizen, die Gebührenlast zu mindern. Die schlechteste Note ist eine 1. "Mit einer 2 hat man bestanden, ab 4,5 gibt es 10 Prozent der Semestergebühr zurück, und wer mit 5 oder besser abschneidet, also mit summa cum laude, der bekommt 15 Prozent der Gebühr erlassen", erzählt Zimmer. Der Haken: Keine einzige Note dürfe schlechter als 3 sein. "Ich selber lag bisher leider immer knapp darunter."
So machen viele junge Deutsche ihre persönliche Rechnung auf. Der Schwabe Schäuffele studiert inzwischen im 8. Semester in Tübingen. "Ich hätte gern in Budapest weitergemacht, aber das ist auch eine Geldfrage." Da ist es wieder, das leidige Thema. Die allermeisten Deutschen, bedauert auch Ligeti, gehen bisher nach dem vorklinischen Studium zurück in die Heimat, nur wenige später. Auch Katharina Godolias, 23 Jahre alt und im fünften Jahr ihrer Ausbildung, strebt zurück. Sie lebt ihre Salami-Taktik: scheibchenweise zum Ziel. Sie war erst in Pécs, jetzt in Budapest, als Nächstes lockt die Facharztausbildung in Deutschland oder Amerika, "auch wegen des Einkommens", wie sie offen sagt. Ihre Bildungsinvestition soll sich auszahlen. Trotzig will sie eines loswerden: "Alle sagen immer, ihr bezahlt so viel Geld, aber bei den Business Schools spricht ja auch niemand drüber." Sebastian Zimmer hat nach dem Physikum 21 Bewerbungen an deutsche Unis geschickt - ohne Erfolg. Das hieß: vier weitere Jahre Budapest. "Da mussten wir halt 40 000 Euro nachinvestieren", sagt er scheinbar lapidar, "aber die älteren Absolventen haben immer gute Stellen gekriegt."
Infos im Internet
Zwei Universitäten in Ungarn bieten das deutschsprachige Studium bis zum Abschluss als Arzt, Doktortitel inklusive:
1. Die Semmelweis-Universität in Budapest:
www.semmelweis-medizinstudium.org
2. Universität Pécs:
Homepage der Studenten in Pécs:
Die Universität Szeged bietet die Ausbildung für die ersten zwei Studienjahre, weiterführend nur auf Englisch
Text: F.A.Z., 17.11.2007, Nr. 268 / Seite C18
Bildmaterial: F.A.Z., F.A.Z. - Tresckow