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Die moderne Universität Entwurzelt Von Heike Schmoll 20. Februar 2008 Zu den größten Täuschungen der Bologna-Reform an den deutschen Universitäten zählt die Verwechslung von Bildung und Ausbildung. Für lange, kurvenreiche Bildungswege bleibt keine Zeit mehr. Es geht darum, straff zu studieren und mit einem sogenannten berufsqualifizierenden Abschluss auf dem Arbeitsmarkt unterzukommen. Wie sehr die Lebenslüge dieser Reform schon jetzt die Universitätslandschaft verändert hat, zeigt die Lage der sogenannten Kleinen Fächer. Traditionelle Orchideenfächer wie Iranistik, Byzantinistik, Indologie oder Islamwissenschaft sind trotz ihrer politischen Aktualität gefährdeter als die neuen Fächerkreationen der Medien- oder Bioinformatik und der Computerlinguistik, die den beteiligten Fakultäten erkleckliche finanzielle Zuwendungen bescherten. Seit die fiskalischen Kriterien von Rechnungshöfen und Studentenstatistik die Wertigkeit eines Faches bestimmen, müssen die Orchideenfächer fortgesetzt ihren Bestand rechtfertigen. An der Konkurrenz zwischen neuen und alten Kleinen Fächern ändert vorläufig auch die Ende vergangenen Jahres vorgelegte und durchaus verdienstvolle Dokumentation der Hochschulrektorenkonferenz nichts („Die Zukunft der Kleinen Fächer” - Empfehlungen der HRK-Projektgruppe (pdf)). Dabei erfüllen gerade die Kleinen Fächer das interdisziplinäre Ideal der modernen Universität. Sie sind immer forschungsstark und prägen das Ansehen deutscher Universitäten im Ausland. Vor allem aber dienen sie als Reservoir kultureller Erkenntnis und Erfahrung, die etwa bei der brennenden innenpolitischen Frage nach dem Zusammenleben mit Muslimen in einer westlich-aufgeklärten Gesellschaft dringend gebraucht würden. Aber es geht um mehr. Das Aussterben ganzer Disziplinen zeigt, wie sich die modernen Universitäten ihrer Wurzeln berauben. Die Bedeutung mancher Erkenntnis lässt sich häufig erst Jahre später ermessen. Für manche der Fächer ist es dann zu spät. Solange die Dokumentation der HRK nur der Gewissensentlastung der Beteiligten dient und die Hochschulen nicht die nötigen Schlussfolgerungen aus der Fächerverteilung im Lande ziehen, wird die Kartographie nichts nützen. Text: F.A.Z., 21.02.2008, Nr. 44 / Seite 8 |
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