Von Florian Vollmers
05. Juni 2008 Dass sie weit, weit weg musste, wurde Janna Laue schon am Ende ihres ersten Semesters klar. "Ursprünglich wollte ich als Managerin Karriere machen und viel Geld verdienen", berichtet die 24 Jahre alte Studentin aus Oldenburg. Dieser Plan änderte sich, als Laue in die Gesellschaft ihrer BWL-Kommilitonen gekommen war. "Die wollten die Welt regieren, wussten aber nichts über sie." Sie selbst wollte es anders machen und wechselte an die Universität Passau, wo sie ein internationales Doppelstudium zur Kulturwirtin begann. Die Leidenschaft für Lateinamerika und seine Menschen wurden zur Hauptantriebsfeder ihres Studiums. Die zwölf Monate Studienaufenthalt an der Universidad del Salvador im argentinischen Buenos Aires bezeichnet sie als ihre bislang wichtigste Lebenserfahrung.
"Es sind besonders die menschlichen Erfahrungen, die dabei zählen", sagt sie. "Das Bewusstsein für die eigene Kultur wird geschärft, der Blick für andere Lebens- und Arbeitsweisen geöffnet." Am stärksten beeindruckt habe sie, dass man in Argentinien trotz harter Wirtschaftskrisen immer wieder aufstehe und nicht in Jammern verfalle. "Gleichzeitig habe ich Deutschland mit seinen hohen Gehältern und weitgehenden Arbeitnehmerrechten zu schätzen gelernt." Und noch etwas hat Janna Laue aus Argentinien mitgenommen: "Natürlich macht man sich mit einem Auslandsstudium auch interessant für den Arbeitsmarkt."
Jeder dritte Hochschulabsolvent mit Auslandserfahrung
So wie sie verbringen immer mehr Deutsche einen Teil ihres Studiums im Ausland: Zählte das Statistische Bundesamt 1995 noch 41.800 deutsche Austauschstudenten, lag ihre Zahl 2005 schon bei 75.800. Jeder dritte Hochschulabsolvent hat nach Auskunft des Deutschen Akademischen Austauschdiensts (DAAD) Auslandserfahrung gesammelt, dreimal so viel wie Anfang der achtziger Jahre. "Von guten Bewerbern wird Auslandserfahrung einfach erwartet", stellt Dorothea Rüland, die stellvertretende Generalsekretärin des DAAD, fest. "Arbeitgeber fragen nicht mehr, warum ein Absolvent im Ausland war. Auffällig ist es, wenn jemand keine Auslandserfahrung mitbringt."
Beim Automobilhersteller BMW, der seit Jahren regelmäßig zum beliebtesten Arbeitgeber deutscher Hochschulabsolventen gewählt wird, können fast die Hälfte der Bewerber Studienzeit an einer ausländischen Hochschule vorweisen. "Auslandserfahrung ist Standard, obwohl sie für uns kein Muss ist", sagt BMW-Personalsprecher Michael Rebstock. Was Arbeitgeber an Auslandserfahrenen schätzen? "Wer sich einmal in fremder Umgebung mit wenig Geld durchgekämpft und anschließend wieder integriert hat, beweist eine ordentliche Portion Sozialkompetenz und Teamfähigkeit."
Außer der Statistik und den Kommentaren aus den Personalabteilungen sind es auch die nicht nur in den großen Konzernen verbreiteten Erwartungen an die Fremdsprachenkenntnisse ihrer Mitarbeiter, die ein Auslandsstudium nahelegen. Der Karriereberater Christian Püttjer berichtet, dass es selbst in mittelständischen Unternehmen zu einem typischen Stresstest in Vorstellungsgesprächen geworden ist, Bewerbern, die ihre Englischkenntnisse erwähnen, zu entgegnen: "Aber wir haben doch nach Ihren Fremdsprachenkenntnissen gefragt!" Püttjers Analyse: "Wer heute kein Auslandsstudium vorweisen kann, muss in der Bewerbung anders glänzen. Ausgleichen kann man diesen Mangel eigentlich nur durch ein besonders schnelles Studium oder hervorragende Praktika."
Exotische Länder und Sprachen heben ab
Eine Möglichkeit, sich von all den anderen Auslandsstudenten abzuheben, liegt in der Wahl exotischer Länder und Sprachen. Das beliebteste Zielland deutscher Auslandsstudenten sind zurzeit die Niederlande, für die sich 15,7 Prozent von ihnen entscheiden. Darauf folgen Großbritannien mit 15,3 Prozent, Österreich mit 13,4 Prozent, die Vereinigten Staaten mit 11,6 und die Schweiz mit 10,3 Prozent. Frankreich hat massiv an Popularität eingebüßt, die spanischsprachigen Länder sind dagegen im Auftrieb. Betrachtet nach Fachbereichen, fällt die Mobilität sehr unterschiedlich aus: Während ein Auslandsaufenthalt in den Sprach- und Literaturwissenschaften und auch in den Wirtschaftswissenschaften als selbstverständlich vorausgesetzt wird, haben die Ingenieur- und Naturwissenschaften deutlichen Nachholbedarf. Auch in den Rechtswissenschaften ist ein Auslandsstudium noch relativ selten.
Erstaunlich ist das schwache Abschneiden Osteuropas in der Statistik: Trotz zahlreicher "Go East"-Initiativen und der Expansion deutscher Unternehmen in dieser Region immatrikulieren sich laut DAAD nur 2 Prozent aller deutschen Auslandsstudenten in Osteuropa. Zu ihnen gehört Robert Branchat. Als der sechsundzwanzigjährige Elektrotechnik-Student seinem Professor an der Uni Karlsruhe offenbarte, dass er nicht - wie viele seiner Kommilitonen - in die USA wolle, sondern nach Polen, habe sich dessen Miene sichtlich aufgehellt. "Die osteuropäischen Länder werden in Zukunft vielleicht einmal sehr wichtig", sagt Branchat. Seit Anfang März schreibt er seine Diplomarbeit an der Universität von Danzig. Allein seiner Karriere wegen sei er allerdings nicht gekommen, sondern aus Spaß und Neugierde auf eine fremde Sprache und Kultur. "Vorteile auf dem Arbeitsmarkt sind womöglich ein Resultat meines Auslandsstudiums, aber nicht dessen Ursache."
Damit verhält sich Branchat so, wie es Experten den Studenten empfehlen. Sie warnen davor, nur um der Karriere Willen im Ausland zu studieren. Wer nur nach China gehe, weil das gerade im Trend liege, aber keine Begeisterung für Sprache und Kultur hege, werde davon nicht viel haben, betont Uwe Brandenburg. Er ist Referent am Centrum für Hochschulentwicklung und war zuvor an der Berliner Humboldt-Universität für internationale Angelegenheiten zuständig. "Ein Auslandsstudium sollte zuvorderst aus Freude an der Sache angestrebt werden", sagt er. Was Arbeitgeber schätzen, finden sie seiner Meinung nach nicht auf dem Papier des Lebenslaufs, sondern in der Persönlichkeit des Bewerbers. "Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Kulturen und die Fähigkeit zur Konfliktlösung", so formuliert es Peter Heck von Siemens, der das Recruiting in Deutschland leitet. Zwar sei es von Vorteil, wenn man ausgerechnet in jenem Land studiert habe, in dem das Unternehmen kürzlich eine Tochterfirma gegründet habe. Ein ausschlaggebender Einstellungsgrund sei es aber nicht.
Wie weiter im Bachelor- und Master-System?
Umstritten ist, wie sich der Wert des Auslandsstudiums unter dem Einfluss des Bachelor- und Master-Systems entwickeln wird. Tatsächlich stagniert nach jüngsten Erhebungen die Zahl der Auslandsstudenten seit der Umstellung. "Der dreijährige Bachelor mit seinem verschulten Studienplan lässt weder Raum noch Zeit für einen Auslandsaufenthalt", kritisiert etwa der Präsident des Deutschen Studentenwerks, Achim von der Heyde. "Zudem herrscht bei vielen Studenten Unsicherheit darüber, ob ihre Leistungen im Ausland später auch angerechnet werden." Andere Hochschulexperten rechnen allerdings damit, dass die Mobilität der Studentenschaft ansteigen wird, wenn die Lerninhalte international angepasst worden sind.
Ein Vorbild könnte dann der britische "3 plus 1"-Bachelor sein, der es ermöglicht, das letzte Studienjahr an einer fremden Hochschule zu verbringen. "Mit Bachelor und Master befinden wir uns noch in einer Umbruchphase", sagt Dorothea Rüland vom DAAD dazu. Wankelmütigen Studenten rät sie derweil, die einmalige Gelegenheit zum Studium im Ausland wahrzunehmen. "Gönnen Sie sich ruhig ein zusätzliches Jahr, um sich der Auslandserfahrung auszusetzen." Das komme beim Arbeitgeber besser an, als schneller fertig zu sein - ohne dabei die Luft der Fremde geschnuppert zu haben.
Fahrplan zum Auslandsstudium
Wahl des richtigen Zeitpunkts - empfohlen wird ein Auslandsaufenthalt in den meisten Programmen nach dem ersten oder zweiten Studienjahr.
Wahl der Hochschule - einen Überblick gibt es unter: www.hochschulkompass.de; eine Suchmaschine Internationale Studiengänge steht zur Verfügung unter: www.daad.de
Wahl des Austauschprogramms - dazu berät das Büro des Akademischen Auslandsamts an der eigenen Hochschule.
Sprachnachweis - eventuell ist die frühzeitige Anmeldung zu Sprachprüfungen (TOEFL) notwendig.
Stipendien - weit verbreitet sind die Förderprogramme der Europäischen Union (www.eu.daad.de) und die Stipendien des DAAD (www.auslands-stipendien.de)
Praktika - wer sein Auslandsstudium mit einem Praktikum aufpeppen will, sollte früh mit der Suche beginnen, da in vielen Ländern die Praktikumslandschaft nicht so ausgeprägt ist wie in Deutschland. Hilfe leisten die Zentralstelle für Auslandsvermittlung (www.ba-auslandsvermittlung.de) und das Bundesbildungsministerium (www.go-out.de).
Finanzierung - der Antrag auf Auslands-Bafög muss spätestens ein halbes Jahr vor der Ausreise eingereicht werden.
Beurlaubung - ein Antrag auf ein oder mehrere Urlaubssemester ist meist besser als eine Exmatrikulation.
Anerkennung der Studienleistungen - Mit dem heimischen Prüfungsamt muss geklärt werden, welche im Ausland erbrachten Leistungen angerechnet werden.
Ausweis - eventuell lohnt sich eine International Student Identity Card (ISC), die vergünstigte Studententarife ermöglicht; mehr unter: www.isic.de
Einwohnermeldeamt - bei einem Auslandsaufenthalt von mindestens einem Jahr muss die Behörde informiert werden.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Tresckow