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AStA-Arbeit

Sprungbrett mit Risiko

Wer im AStA mitwirkt, hat davon nicht immer Vorteile beim Sprung in den Beruf. Im Lebenslauf sollte der hochschulpolitische Einsatz trotzdem stehen. Denn die meisten Unternehmen schätzen engagierte Studenten.

Von Steffen Eggebrecht

AStA-Arbeit: Sprungbrett mit Risiko

31. Dezember 2009 

Navina Engelage steht vor rund zwei Dutzend Gymnasiasten. Mit ruhiger und fester Stimme erklärt die Einunddreißigjährige ihnen die Befugnisse des Europäischen Parlaments, blickt durch ihre runde, rahmenlose Brille und klickt sich durch ihre Präsentation. Alle Augen sind auf die junge Frau gerichtet, doch ihre Aufregung hält sich in Grenzen. Engelage kümmert sich im Gesamteuropäischen Studienwerk um die politische Bildung. Wie sie ihre Informationen verständlich präsentiert und schnell einen Draht zu den Jugendlichen aufbaut, hat sie in der Uni gelernt – jedoch nicht im Studium, sondern im Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA).

An der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster organisierte sie als Referentin für Hochschul- und Sozialpolitik unter anderem die Proteste für einen freien Bildungszugang, führte viele Gespräche und vertrat die Forderungen der Studenten gegenüber der Öffentlichkeit. So trainierte sie Fähigkeiten, die ihr noch heute nützen; sie opferte für ihren Idealismus allerdings nicht nur viel Freizeit, sondern auch ein Jahr ihres Studiums. Den Gedanken, dass es ihr das Engagement später bei Bewerbungen helfen könnte, hatte sie damals noch nicht. „Nur gegenüber meinen Eltern rechtfertigte ich mich mit der potentiellen Aufwertung meines Lebenslaufs“, sagt sie selbst.

Nur wenige zieht es in die universitären Gremien

Dabei kann ein Engagement in der studentischen Vertretung durchaus förderlich für die Karriere sein. So jedenfalls sieht es Michael Heidelberger, der stellvertretende Vorsitzende des Fachverbands Personalberatung im Bundesverband Deutscher Unternehmensberater. Studenten könnten sich im AStA Fähigkeiten aneignen, die sie in anderen Jobs oder im regulären Studium nicht mitbekämen. „Solche zusätzlichen Qualifikationen bewerten Arbeitgeber stets als positiv.“ Engagierte Akademiker könnten in den studentischen Gremien erste Schritte im politischen Umfeld machen, Lobbyarbeit betreiben, sich in Themen wie politische Bildung und Umweltschutz einarbeiten. „Für Politik, Wirtschaft, Journalismus oder Jura ist die Studierendenvertretung sicherlich eine sehr gute Schule.“

Dennoch zieht es nur wenige in die universitären Gremien. Einer Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung engagieren sich gerade einmal 14 Prozent der Studenten in der Hochschulpolitik. Aktiv bringt sich nur jeder zwanzigste Student in den AStA oder das Studentenparlament ein. Zähe Debatten und Bürokratie schrecken mitunter von der inhaltlichen Arbeit ab. Am größten ist die Partizipation mit elf Prozent in den Fachschaften, da ihr Wirkungsraum näher am Studienalltag liegt. In politischen Vereinigungen wie den parteinahen Hochschulgruppen engagieren sich dagegen nur vier Prozent der Studenten. Im Senat und Konzil fällt die Partizipation am geringsten aus, wo es um vergleichsweise abstrakte Themen wie Grund- und Prüfungsordnungen geht. Nur zwei Prozent wirken hier mit.

Der straffe Stundenplan schreckt ab

Stephan Holthoff-Pförtner bezweifelt, dass sich daraus direkte Vorteile für den Berufseinstieg ergeben. Der ehemalige Rechtsbeistand des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl war zwischen 1969 und 1974 als Referatsleiter für Öffentlichkeitsarbeit in der Studentenvertretung der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg tätig. „Es ist vielmehr eine Frage der individuellen Reife, die durch eine solche Verantwortung gefördert werden kann“, sagt der inzwischen 61 Jahre alte Jurist. Es sei ein großer Unterschied, ob man im persönlichen Gespräch oder vor einem Plenum überzeuge oder sich überzeugen lasse. „Solch eine Streitkultur verhindert, dass junge Menschen stromlinienförmig werden.“

Für die Karriere sei das nicht immer förderlich, sagt die Bundestagsabgeordnete Brigitte Pothmer. Die Grünen-Politikerin gehörte 1977 und 1978 der Studierendenvertretung an der niedersächsischen Fachhochschule Hildesheim/Holzminden an. „Es war bekannt, dass politisches Engagement eventuell zu Einstellungsschwierigkeiten führen konnte – besonders bei öffentlichen Arbeitgebern.“ Schließlich drehten sich die Diskussionen um das politische Mandat der studentischen Vertretung damals auch um so brisante Themen wie die Rote Armee Fraktion und die Notstandsgesetze gegen sie.

Heutzutage schrecken weniger die ideellen Kontroversen Studenten vor einem Engagement ab, häufiger ist es ihr straffer Stundenplan. Bis zu 35 Stunden in der Woche investiert beispielsweise Michael Markus in sein Amt als AStA-Vorsitzender an der Uni Bremen. „Man muss schon sehr motiviert sein, um sein Studium regulär weiterführen zu können“, sagt der Lehramtsstudent. Einen Großteil seines Pensums absolvierte er in den ersten vier Semestern. Trotzdem überzog er die Regelstudienzeit. Als Bafög-Empfänger trifft ihn das finanziell. Zwar kann die Tätigkeit in einem universitären Gremium die Förderung verlängern, doch die Prozedur dafür sei willkürlich, kritisiert Markus. In einigen Fällen reiche ein einfacher Antrag auf Verlängerung, in anderen würden umfangreiche Tätigkeitsberichte verlangt. Dem Vierunddreißigjährigen selbst erkannte das Studentenwerk sein Engagement an – allerdings erhöht sich dadurch der Betrag, den der gelernte Energieelektroniker nach dem Studium zurückzahlen muss. Andere Konsequenzen waren einschneidender: Die stark antirassistische Ausrichtung des Bremer AStA brachte Markus und einige seiner Kommilitonen ins Visier von Rechtsextremen. Via Youtube wurde eine Prämie für die Preisgabe seiner Adresse ausgelobt, später Fensterscheiben eingeworfen.

Kontakte, Charakterfestigkeit, Argumentationsgeschick

Positiv wirkte sich das hochschulpolitische Engagement dagegen auf Björn Stecher aus – und auf seinen Geldbeutel. Vier Jahre lang arbeitete in der Studierendenschaft der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin mit. Unweigerlich hätten sich daraus viele Kontakte zu Personen aus Universität und Politik ergeben, sagt der Wirtschaftsrechtsstudent. So kam der Siebenundzwanzigjährige zum Beispiel zu seiner Tätigkeit für den studentischen Akkreditierungspool. Ein weiterer Vorteil war ein Stipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung. „Durch meine vielen ehrenamtlichen Tätigkeiten war die Voraussetzung für die Aufnahme schnell erfüllt.“ Erst ein Kommilitone, der Vizepräsident des Studierendenparlaments war, habe ihn überhaupt darauf gebracht, sich zu bewerben.

Kontakte, Charakterfestigkeit, Argumentationsgeschick – die Qualifikationen, die sich unter Umständen in der Studentenvertretung erwerben lassen, sind vielseitig. Umso wichtiger ist es nach den Worten von Michael Heidelberger vom Bundesverband Deutscher Unternehmensberater, im Lebenslauf möglichst aussagekräftig darzustellen, wie das jeweilige Mandat ausgestaltet wurde – damit sich potentielle Arbeitgeber ein Bild davon machen können, welchen Nutzen sie womöglich davon haben könnten. Dann kann das Engagement im AStA tatsächlich als Karrieresprungbrett dienen. Ein Garant für langfristige Vorteile ist es jedoch nicht. Je länger jemand in einem Job arbeite, desto mehr zählten die dort gemachten Erfahrungen, sagt Michael Heidelberger. „Deshalb heißt es, sich auch hier weiter zu engagieren!“

Text: F.A.Z.

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2010.
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