Von Gerd Roellecke
22. August 2007 Der Fall ist idealtypisch gemeint und auch so zu lesen. Er erzählt sich fast von selbst. "Ich will an die Fridericiana" ist ein Artikel in der örtlichen Tageszeitung überschrieben, der von Eignungstests an der Universität (Technische Hochschule) Karlsruhe handelt. Die Universität darf sich seit 1902 nach Großherzog Friedrich I. von Baden als Symbol der Einheit von Thron und Technik "Fridericiana" nennen und seit 2006 "Elite-Universität", weil die Politik meint, sie habe hervorragende Pläne für eine naturwissenschaftlich-technische Forschungsorganisation vorgelegt. Der Zeitungsartikel schließt mit dem Satz: "Erst etwa zwei Wochen nach dem Eignungstest wird sie (die Bewerberin) per Post erfahren, ob sie sich von nun an als ,Elitestudent' an der Fridericiana dem Studium der deutschen Sprache widmen darf oder ob sie doch mit einer Uni vorliebnehmen muss, der der Elitestatus nicht attestiert ist." Das Testergebnis hängt auch von der richtigen Antwort auf Fragen ab wie: "Wann erhielten Frauen in Deutschland das Wahlrecht?", nicht etwa: "Warum erhielten Frauen in Deutschland erst oder schon 1919 das Wahlrecht?"
Hat die Bewerberin leidliche Zeugnisse und die Quizfragen richtig beantwortet, wird sie vier Jahre oder mehr in Karlsruhe studieren und erfahren, dass die Fridericiana zwar keine schlechten Germanisten hat, aber nicht wegen ihrer Germanistik, sondern wegen ihrer naturwissenschaftlich-technischen Pläne zur Elite-Universität ernannt worden ist. Dass die Kompetenz und Berechtigung der beteiligten Gremien für diese Ernennung beim besten Willen nicht zu erkennen sind, wird sie wahrscheinlich nicht hören. Eliten können bekanntlich nicht ernannt werden. Sie leisten etwas Besonderes, reden aber nicht darüber, sondern verlassen sich auf die Wirkung ihrer Leistung. Die Universität Karlsruhe redet darüber, und zwar viel.
Strebt die Bewerberin das Lehramt für Gymnasien an, wird sie erfahren, dass es für ihre Karriere zunächst ausschließlich auf die Examensnote ankommt und der Studienort kaum ins Gewicht fällt. Will sie bei einem Verlag, einer Zeitung oder einem Verband arbeiten, kommt es zwar auch auf die Universität an, aber dann werden die Germanisten aus Frankfurt, Freiburg oder Heidelberg bevorzugt, weil dort die Geisteswissenschaften eine ähnliche Rolle spielen wie die Technikwissenschaft in Karlsruhe. Bewerber, die das nicht wissen, sollten eigentlich nicht zum Germanistikstudium zugelassen werden. Gerade solche Bewerber werden aber massenhaft in Karlsruhe aufkreuzen.
Moral: Elite-Universitäten sind Werbung für politische Entscheidungen über Finanzmittel und wichtig nur für die Verwalter und Empfänger der Mittel, Fernsehkonsumenten und unbedarfte Abiturienten. Bildungspolitisch verfälschen sie die Vorauswahl der Studienbewerber.
Text: F.A.Z., 21.08.2007, Nr. 193 / Seite 35
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