Medienwirtschaft

Hardcore-Daddeln für die Karriere

Von Philip Eppelshain

Hier wird ernsthaft gespielt

Hier wird ernsthaft gespielt

17. Oktober 2006 Dinosaurier, Krieger, gefährliche Bestien, anarchische Zustände: das Echtzeitstrategiespiel "Paraworld" wird in den kommenden Wochen und Monaten die Welt von Christopher Hecht - Nickname Casper van Vamp - sein. Am Ende des Semesters wollen er und sein Team ein Add-on, eine Erweiterung des Spiels, erstellt haben. Doch vorher heißt es zocken. Zocken ist Pflicht. Unzählige Stunden. Christopher Hecht studiert an der Games Academy in Berlin "Art & Animation complied Game Design". Er ist für Ideen, Farbe und das Storydesign eines Spiels zuständig. Der Dreiundzwanzigjährige will sein Hobby zum Beruf machen, mit Computer- und Videospielen Geld verdienen. Und seine Chancen stehen gut.

Die Computer- und Videospielbranche boomt, sie ist das am stärksten wachsende Segment der Medienwirtschaft und befindet sich zudem noch in der Pionierphase. Allein in Deutschland wurden im vergangenen Jahr 41,2 Millionen Computer- und Videospiele für rund 1,05 Milliarden Euro verkauft. Ein Ende des Aufschwungs ist nicht in Sicht. Pricewaterhouse Coopers prognostiziert bis 2009 fast eine Verdreifachung des Umsatzes auf 2,9 Milliarden Euro. "Bis 2009 werden wir mehr Umsatz machen als die Musik- und die Filmbranche", sagt Stephan Reichart, Geschäftsführer beim G.A.M.E. Bundesverband der Entwickler von Computerspielen.

Dringend Fachleute gesucht

Spieleentwicklung an der Berliner Games Academy

Spieleentwicklung an der Berliner Games Academy

Die Industrie braucht dringend Fachleute. Eine Chance für passionierte Zocker, aus ihrem Hobby einen Beruf zu machen, als Game Designer, Programmierer oder Spieletester. Der Ausbildungsmarkt hat zwar auf diesen Trend reagiert. Dennoch gibt zu wenige Ausbildungsmöglichkeiten, wie es beim Entwicklungsstudio Funatics Software heißt.

Vor sechs Jahren entstand die Games Academy als erste Spezialschule für Computer- und Videospielproduktion in Deutschland.

Weitere private Ausbildungsinstitute sind das L4 - Institut für Digitale Kommunikation - und die Mediadesign Hochschule. Zudem richtete die Hochschule für Gestaltung und Kunst, Zürich den ersten Bachelor-Studiengang für Gamedesign im deutschsprachigen Raum ein, an der Universität Magdeburg entstand das Fach Computervisualistik, und die Technische Universität Ilmenau hat seit dem Frühjahr eine Medienprofessur für Computer- und Videospiele. Außerdem gibt es für künstlerisch Begabte das Ludwigsburger Animationsinstitut und die Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam.

„Woher jemand das Können hat, ist egal“

"Wir fangen jetzt erst an, uns für die Absolventen zu interessieren. Bislang waren wir zurückhaltend, weil viele der Institute versuchen, den Studenten von allem etwas beizubringen. Wir brauchen aber Spezialisten", sagt Sarah Samson, Personalchefin bei Ubisoft. Es komme nur darauf an, was jemand könne. "Woher jemand das Können hat, ist egal." Das Wichtigste sei, ein leidenschaftlicher Videospieler zu sein.

Felix Wittkopf, zuständig für die Ausbildungsberatung bei der Games Academy, sieht die Chancen für Quereinsteiger schwinden. Für sie sei es kaum noch möglich, in die Branche einzusteigen. Qualifizierte Kräfte dagegen seien gesucht. "Die Games Convention war wie ein moderner Sklavenmarkt. Die Firmen haben direkt vor Ort Studenten abgeworben. Bei praktisch jedem wichtigen Game-Studio in Deutschland sind Absolventen von uns." Billig ist die Ausbildung an der Games Academy allerdings nicht. Hecht zahlt pro Monat 690 Euro, und auch die anderen rund 100 Studenten müssen auf ihrem Weg zum Game Artist, 3D-Programmierer, Game Producer oder Game Designer bis zu 870 Euro im Monat zahlen. Dafür bekommen die Studenten aber Kontakt zur Branche, und die Vermittlungsquote direkt nach dem Studium liegt bei 70 Prozent. Viele der Dozenten sind professionelle Spielentwickler.

„Wir sind Hardcore-Zocker“

Bewerben kann sich bei der Games Academy jeder, der mindestens 18 Jahre alt ist und einen Realschulabschluß hat. "Einfach nur gerne spielen reicht nicht", sagt Wittkopf. Die Studenten müßten Rohdiamanten mit Talenten und Vorkenntnissen sein. Nur daraus könne man einen Computer-Crack machen. Oder wie Student Hecht es ausdrückt: "Wir sind Hardcore-Zocker. Wir wissen, was auf den Markt kommt, wie sich der Markt entwickelt, und kennen die Games der vergangenen Jahre." Hecht spielt, seit er denken kann. "Dennoch bin ich kein dicker colatrinkender Computer-Nerd", sagt er. Zeichnen, Fotografieren und Modellieren gehören zum Studienalltag.

Nach dem Abitur studierte Hecht zunächst Informatik, um die Grundlagen des Programmierens zu beherrschen, und wechselte dann nach dem Grundstudium auf die Games Academy. Er sieht einen meilenweiten Unterschied zwischen Informatik und seinem jetzigen Studium. "Hier liegt der Fokus nur auf der Spielebranche." Allerdings weiß er auch, daß Informatiker als Programmierer gute Chancen haben. Wichtig ist laut dem Entwicklungsstudio Bright Future nur, daß man viel spielt, gut schreiben kann, ein mathematisches Grundverständnis besitzt und praktische Erfahrungen vorweisen kann.

Praktische Erfahrung und Referenzen wichtig

Ähnlich äußert man sich auch bei Funatics. Nur das Können sei wichtig. Eine Ausbildung etwa an der Games Academy sei dann noch ein weiterer Pluspunkt. Es gilt also: Wenn jemand etwas kann, dann hat er gute Chancen in der Computer- und Videospielebranche. Wichtig sind allerdings praktische Erfahrung und Referenzen. Zudem sollte man auf Auslandaufenthalte gefaßt sein und zumindest sehr gute Englischkenntnisse haben.

Nach vier Semestern wird Christopher Hecht seine Ausbildung an der Games Academy beendet haben und ein Abschlußzertifikat erhalten. Er will dann vielleicht erst einmal in Kanada als Spieletester arbeiten und anschließend seinem großen Vorbild Shigeru Miyamoto nacheifern. Die Branche, sagt er, sei hart. Allerdings habe er auch die Chance, sein Hobby zum Beruf zu machen und seine Kreativität nutzen zu können. Das Daddeln allein reicht allerdings nicht.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15.10.2006, Nr. 41 / Seite C15
Bildmaterial: F.A.Z. - Christian Thiel

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