Akademische Grundausbildung

Den Bachelor biegen sie sich schon zurecht

Von Max Bolze

Erst der feste Halt, dann die Spezialdisziplin, sagt der deutsche Bachelor

Erst der feste Halt, dann die Spezialdisziplin, sagt der deutsche Bachelor

05. April 2007 

Ein Raunen geht durch die Reihen der knapp hundert dicht gedrängt sitzenden Studenten und Absolventen von Bachelor-Studiengängen. Philipp Kroetz, Unternehmensberater bei McKinsey, hat sie in seinem Vortrag gerade über den firmenüblichen 14-Stunden-Tag aufgeklärt. „Wenn man eine Woche lang von acht bis Mitternacht arbeitet, kann man in der Folgewoche auch ruhig einmal schon um zwanzig Uhr gehen“, hatte Kroetz im Rahmen der Messe „Startschuss Bachelor“ - ausgerichtet vom Karriere-Netzwerk e-fellows.net - voller Stolz mitgeteilt. Frisch gebackene Bachelor-Absolventen, die als so genannte „Junior Fellows“ in ein Beraterteam eingegliedert werden, müssen bei McKinsey demnach von Null auf Hundert ins Arbeitsleben einsteigen. Sascha Treppte, Student der internationalen Betriebswirtschaftslehre in Frankfurt/Oder ist sich unsicher, ob das für ihn das richtige wäre: „Wenn ich meinen Abschluss mache, bin ich 23 Jahre alt. Ob ich mir dann wirklich in den besten Jahren meines Lebens als Berater die Hörner abstoßen will, weiß ich noch nicht.“

Durch den Bologna-Prozess sollen bis zum Jahr 2010 auch die allerletzten Studiengänge verschwinden, die mit einem Diplom oder Magister abschließen. Bachelor und den Master ersetzen sie. Die kürzere Regelstudienzeit der Bachelor-Studiengänge von meist sechs statt neun Semestern und straffere Studienstruktur sorgen dafür, dass die Absolventen schon in jüngeren Jahren dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, sofern sie nicht direkt ein vertiefendes Master-Studium anschließen. Die Diskussionen um Wohl oder Übel der neuen Abschlüsse sind kontrovers. Der internationalen Vergleichbarkeit und der besseren Berufsqualifizierung der Bachelor-Abschlüsse bei den Befürwortern steht die Meinung gegenüber, die Bachelor-Studiengänge würden unbrauchbare Schmalspurakademiker ohne fundiertes Fachwissen hervorbringen.

Nicht alle sind gleich fit für den Arbeitsmarkt

Dem Für und Wider des Bachelor-Abschlusses begegnet man auch in den Personalabteilungen dieses Landes unterschiedlich. Das hat eine kürzlich veröffentlichte Studie des Arbeitskreises Personalmarketing gezeigt, die Bachelor-Abschlüssen im Bereich der Wirtschaftswissenschaften eine gute, in den technischen Bereichen hingegen eine schlechte Berufsbefähigung attestierte (zur Diskussion des Begriffes Beschäftigungsfähigkeit - Employability - lesen Sie Zukunftsunternehmer in eigener Sache). Ähnliche Erfahrungen hat auch Jürgen Blasi beim Anwerben der Unternehmen für die Karrieremesse „Startschuss-Bachelor“ gemacht.

Bei der Veranstaltung konnten sich etwa 250 nach Studienleistungen ausgewählte Studenten bei Hochschulen und Unternehmen über Masterstudiengänge und Möglichkeiten des Berufseinstieges informieren. „Unternehmen aus den Bereichen Forschung, Technik und Naturwissenschaften stehen dem Bachelor eher skeptisch gegenüber, während gerade Unternehmensberatungen und Wirtschaftsprüfer jetzt schon auf die Jung-Akademiker zählen“, berichtet Blasi. Es seien also vor allem die Unternehmen mit hohem Praxisbezug, die dem Bachelor gegenüber prinzipiell offen seien. Doch auch dort herrsche vielerorts noch Unsicherheit.

Keine Programme und Karrierewege

Mit ungefähr fünfzig Unternehmen hat Blasi bei der Organisation der Karrieremesse gesprochen, vor Ort waren letztlich nur fünf. Dies hat, laut Blasi, neben einem generellen Einstellungsstop, vor allem zwei Gründe. Zum einen sähen viele Unternehmen noch nicht die absolute Notwendigkeit sich die „unbekannten Absolventen“ ins Haus zu holen, wo doch nach wie vor Diplom-Inhaber und Magister auf dem Markt zu finden seien. Zum anderen hätten viele Firmen noch keine Programme und Karrierewege, mit denen sie die Bachelors in die Unternehmen integrieren könnten.

„Bachelors wilkommen“, heißt es vor allem bei den großen Unternehmensberatungen und Wirtschaftsprüfern. Neben McKinsey und Accenture stellten im Rahmen der Messe KPMG, Ernst & Young sowie die Deutsche Bank ihre Karriereprogramme für Bachelor-Absolventen vor, allesamt international agierende Unternehmen, die nach eigenen Angaben bereits gute Erfahrungen mit britischen, amerikanischen oder spanischen Bachelor-Absolventen gemacht haben. Bei der Deutschen Bank wird laut Anne Tilman aus der Personalabteilung kein Unterschied mehr gemacht, welchen Abschluss der Bewerber in der Tasche hat. Auslandserfahrung, Sprachkenntnisse und vor allem persönliche Eigenschaften wie Sozialkompetenz, Leistungsorientierung und Motivation seien die Schlüsselkriterien bei der Bewerberauswahl.

Der Doktor neben dem Bachelor

Bei der Deutschen Bank bewerben sich junge Leute mit Diplom- und Bachelor-Abschluss für ein Trainee-Programm, bei dem sie die Arbeitsbereiche des Unternehmens je nach Neigung und Eignung kennen lernen können. „Es kommt vor, dass in diesem Programm ein 28-jähriger Doktor und ein 22-jähriger Bachelor gemeinsam anfangen. Ihre Karrierechancen hängen nicht vom Abschluss, sondern von der persönlichen Leistungsentwicklung ab“, sagt Anne Tilmann. Auch die Bezahlung richte sich nicht nach dem Abschluss, sondern nach dem Einsatzfeld. 42.000 bis 65.000 Euro sind für Neueinsteiger möglich.

In anderen Unternehmen hat der Abschluss zunächst eine stärkere Relevanz. Die Unternehmensberatung Accenture beispielsweise stellt seine Aufstiegsmöglichkeiten innerhalb des Unternehmens in Form einer Spirale dar. Und dort steigt der Diplom- oder Masterabsolvent eben eine Kurve höher ein als der Bachelor. Überholmanöver auf dem Weg nach oben sind jedoch laut Marcus Reif aus dem Bereich Personalwerbung nicht ausgeschlossen: „Einmal bei uns dabei, haben alle die gleichen Karrierechancen. Sie starten halt nur auf unterschiedlichen Niveaus“, sagt Reif. Wer dabei sein will, erhöht seine Chancen durch ein Praktikum, wie alle bei der Messe vertretenen Unternehmen unisono bestätigen. Bei der Deutschen Bank haben nach eigenen Angaben mittlerweile 70 Prozent aller Neueinsteiger in die Trainee-Programme vorher ein Praktikum bei dem Geldinstitut absolviert.

Jan Klaas Verweyen hatte vor seinem Einstieg bei der Deutschen Bank nicht dort hospitiert. Trotzdem hat er einen der begehrten Plätze im Trainee-Programme bekommen. Er konnte es schon während des Studiums der internationalen Betriebswirtschaftslehre in Furtwangen kaum erwarten, einen interessanten Job anzutreten, sagt er. Bei der Studienwahl ging er pragmatisch vor: Er wählte den Studienort, der in den Rankings ganz oben stand und entschied sich für einen international ausgerichteten Studiengang um seine Chancen auf eine gute Anstellung zu erhöhen. Das Studium sei für ihn nur Mittel zum Zweck gewesen, sagt er. Mit 23 Jahren bewarb er sich bei der Deutschen Bank für eine Trainee-Stelle. Heute ist er dort als Analyst im Investement Banking tätig, einem Bereich, in dem Bachelor-Absolventen gute Einstiegsmöglichkeiten haben. Am Anfang bekommt man kleinere Aufgaben. Wenn man die sorgfältig erledigt, hat man bei der nächsten Aufgabe mehr Freiraum. Und so bekommt man Schritt für Schritt mehr Verantwortung“, sagt Verweyen. Trotzdem soll sein Bachelor-Studium nicht sein letzter Auftritt auf der akademischen Bühne gewesen sein. Innerhalb der nächsten drei Jahre, überlegt er, einen Masterabschluss anzuschließen.

Kaum einer strebt nach dem Master

Verweyens Karriereeinstieg ist das Vorbild fast aller bei der Karrieremesse anwesenden Studenten, die wie Verweyen vornehmlich wirtschaftsnahe Studiengänge belegen. Die wenigsten bevorzugen ein vertiefendes Masterstudium im direkten Anschluss an den Bachelor, ergab eine Umfrage im Rahmen der Messe. Ebenso wenige glauben, dass das Grundlagen-Studium das Ende ihrer akademischen Bemühungen sein soll. Ein bis drei Jahre Berufserfahrung sammeln, um sich unter dem Eindruck der praktischen Erfahrungen aus dem Berufsleben in den am liebsten gewonnen Bereich zu vertiefen, steht bei den meisten auf der Agenda.

Die Unternehmen stellen sich auf diese Planungen ein. Bei McKinsey beispielsweise werden Bachelor-Absolventen nach dem Studium ein Jahr als Berater beschäftigt und durchlaufen nebenbei Trainingsprogramme, die die jungen Akademiker dort schulen sollen, wo sie noch Schwächen haben. Nach einem Jahr können sie sich dann entscheiden, ob sie ein vom Unternehmen finanziertes Masterstudium anschließen.: „Wer sich als Bachelor bei uns bewirbt, sollte die Absicht haben, später auch einen Master nachzuholen. Die akademische Schlagkraft ist uns sehr wichtig“, kommentiert Jan Malmendier von McKinsey. Auch die Finanzierung einer Promotion für Hochqualifizierte sei demnach möglich. Bei Accenture, Ernst & Young und der Deutschen Bank sind Finanzierungen von Master-Studiengängen für qualifizierte Arbeitskräfte ebenfalls nicht ausgeschlossen.

Unter dem Strich wird der Bachelor bei den genannten Unternehmen vor allem als eine solide Grundlagenausbildung angesehen. Fundiertes Fachwissen verlangen sie von den vermeintlichen Schmalspur-Akademikern nicht. Sie sehen jedoch die Chance, diese nach ihren Bedürfnissen zurechtzubiegen und die Ausbildung auf Basis der Grundlagen mehr und mehr selbst in die Hand zu nehmen. Verbunden ist dies natürlich mit erheblichen Kosten. Und auch die Gefahr, dass die jungen Arbeitskräfte frisch ausgebildet zum Konkurrenten abwandern könnten, ist ihnen bewusst.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2010.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Bleiben Sie pausenlos informiert. Mit den RSS-Services von FAZ.NET behalten Sie alle Nachrichten stets im Blick. Alle Informationen unter www.faz.net/rss-serviceVerlagsinformation

Bleiben Sie pausenlos informiert. Mit den RSS-Services von FAZ.NET behalten Sie alle Nachrichten stets im Blick. Alle Informationen unter www.faz.net/rss-service

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche