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| Hier ist vorläufig Unabhängigkeit gewahrt worden |
21. Juni 2007
Normalerweise wird in der Eingangshalle der Uni Witten-Herdecke selten gefeiert. Doch am Mittwochabend brach dort gleich zwei Mal lautstarker Jubel aus. Zum ersten Mal, als der Direktoriumsvorsitzende August Oetker verkündete, dass er der Stiftung Rehabilitation Heidelberg (SRH) abgesagt habe, die der finanziell angeschlagenen Privatuni als Investor auf die Beine helfen wollte. Und zum zweiten Mal, als Oetker die Alternative vorstellte: Das Familienunternehmen Droege International Group AG spendet 12 Millionen Euro an die Hochschule, die dafür in aller Eile zu einer Stiftungsuniversität umgewandelt wurde. In letzter Minute wurde so der Einstieg der SRH verhindert, gegen den Studentenvertreter erbittert gekämpft hatten. Studenten und Dozenten feierten den Erfolg mit Freibier und Pizza.
Selbst Unipräsident Wolfgang Glatthaar gibt sich überrascht, dass seine Hochschule nun zumindest vorläufig doch unabhängig bleiben kann, ohne sich finanziell zu ruinieren. Anders als die International University Bremen etwa, die künftig Jacobs University heißt. Das Angebot der Familie Droege kam sehr kurzfristig, ich habe erst diese Woche davon erfahren, sagt Glatthaar. Aber jetzt sind wir natürlich hoch zufrieden.
Auf eine Million Euro verzichtet
Das Düsseldorfer Familienunternehmen Droege, zu dem Unternehmer- und Finanzberatungen gehören und das weltweit mehr als 2000 Mitarbeiter beschäftigt, arbeitet seit mehr als zehn Jahren in Projekten mit der Uni zusammen. Doch in der Wahrnehmung des Präsidiums und der Studenten hat es einen noch wichtigeren Vorteil gegenüber der SRH, die immerhin eine Million Euro mehr in Aussicht gestellt hatte. Die Droege-Vertreter versichern glaubhaft, dass ihnen die Unabhängigkeit der Hochschule wichtig ist. Als Stiftungsuniversität werde die Hochschule nicht mehr Eigentum von Gesellschaftern sein, sondern sich selbst gehören, verwalten und weiterentwickeln. Weitere Unternehmen und Privatinvestoren hätten bereits ihre Unterstützung für das Konzept zugesagt.
Zu fordernd war im Vergleich zu Droege die SRH aufgetreten, zu wenig hatte sie den Dialog mit den Studenten gesucht, die sich um ihre eigene Zukunft sorgten und mitreden wollten. Uns geht es um die Förderung eines Hochschulmodells, das den Studierenden gleichrangig die Entwicklung der Persönlichkeit und den Erwerb fachlicher Qualifikation ermöglicht, sagt dagegen Droege-Miteigentümerin Hedda im Brahm-Droege. Ein Satz, der auch aus einer Erklärung der Verantwortungsgemeinschaft (VG) stammen könnte, die seit Februar um die Zukunft der Privatuni kämpft.
Verständnis für das freiheitliche Bildungsverständnis
Bei der SRH hätte das Verständnis für das freiheitliche Bildungsverständnis unserer Uni erst geweckt werden müssen, sagt Patrick Hypscher, Wirtschaftsstudent und Vorstandsmitglied der VG. Daher sei er nun sehr erleichtert, dass die Uni sich weiterhin selbst verwalte. Der umgekehrte Generationenvertrag wäre mit dem Investor höchstwahrscheinlich auf der Strecke geblieben, sagt Hypscher. Auf diese Regelung, nach der Studenten erst nach ihrem Abschluss und abhängig vom Einkommen Studiengebühren zahlen, sind sie in Witten besonders stolz. Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal ist das studium fundamentale, das den Studenten aller Studiengänge eine Bildung in verschiedenen Fachbereichen ermöglicht. Wir würden sogar höhere Studiengebühren akzeptieren, wenn der Generationenvertrag und die freiheitliche Orientierung der Uni erhalten bleiben, sagt Hypscher.
Geht es nach Unipräsident Glatthaar, werden die Gebührenerhöhungen auch kommen. Es sind jetzt nicht alle finanziellen Probleme gelöst, sagt er. Davon kann auch keine Rede sein. Praktisch seit ihrer Gründung in den 80er Jahren kämpft die Uni gegen die Insolvenz. Als die Software AG, die von den rührigen Studenten als Ersatzinvestor ins Spiel gebracht wurden, die Bücher prüften, fanden sie 12 Millionen Schulden bei einem Etat von 36 Millionen - und sagten gleich wieder ab. Das Präsidium sucht also weitere Sponsoren. Und es erwägt laut Glatthaar Studiengebühren von durchschnittlich 500 Euro pro Monat, abhängig vom Studiengang und den daraus resultierenden Berufserwartungen. Solch ein Beitrag würde zahlreiche Studenten von Witten abschrecken, befürchtet dagegen Hypscher.
Die Diskussionen zwischen Unileitung und Studenten dürften auch aus einem anderen Grund weitergehen: Trotz der Absage, über die man bei der SRH nicht begeistert gewesen sein dürfte, hält Glatthaar eine Kooperation mit dem privaten Klinik- und Fachhochschulbetreiber nicht für ausgeschlossen. Die SRH ist in ein großes Netzwerk eingebunden und wäre ein kompetenter Partner. Wir würden uns freuen, sie mit ins Boot zu holen. Die in Studentenkreisen geäußerten Hoffnungen, dass es mit dem Gegeneinander in Witten-Herdecke nun vorbei ist, könnten umsonst sein.