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Fahrzeugtechnik

Tollkühne Studenten in rasenden Kisten

Von Anna Loll



Der Schwabenpfeil für die Formula Student
25. September 2007 
Das Wissenschaftsministerium hätte gerne, dass wir Auswahlgespräche führen“, sagt Michael Bargende, Professor am Institut für Verbrennungsmotoren und Kraftfahrwesen (IVK) der Universität Stuttgart und Studiendekan für den Studiengang Fahrzeug- und Motorentechnik. Zeitlich sei das aber eine reine Unmöglichkeit bei 600 Bewerbern jährlich. Außerdem erübrige sich die Frage nach der Motivation, glaubt Bargende. „Die Antwort ist doch klar: Die Bewerber möchten eben einfach einen interessanten und gutbezahlten Job.“

Und den hat man ziemlich sicher, wenn man sich zum Automobilingenieur ausbilden lässt. Der Bedarf ist größer als die Zahl der Studienplätze. In Stuttgart zum Beispiel können im Diplomstudiengang Fahrzeug- und Motorentechnik maximal 175 Studenten im Jahr anfangen. Aber allein im mittleren Neckarraum werden jährlich rund 800 neue Fahrzeugtechniker gesucht. „Wir produzieren keine Arbeitslosen“, sagt Bargende. Arbeitslos werden wohl auch weder Sebastian Seewaldt noch Michael Kissling werden. Beide haben in Stuttgart studiert. Nebenher haben sie vor zwei Jahren mit einem weiteren Kommilitonen ein eigenes Rennteam gegründet, um bei der Formula-Student mitzumachen, der Formel 1 für Studenten. Stolz präsentieren sie ihr Glanzstück: Noch mit Schmutz an den breiten Reifen steht es da, das kleine Rennauto in der Werkstatt im Container neben dem IVK. Mit knapp 3 Meter Länge bringt es 232 Kilogramm auf die Waage. Die Höchstgeschwindigkeit ist auf 131 Stundenkilometer bei 86 PS gedrosselt.

Suttgarter Studenten und ihr Renner

Alles ist von den Studenten selbst geplant, gebaut und gefahren worden. Gewonnen haben sie damit auch: Im Juli 2006 waren die Stuttgarter mit ihrem ersten Auto bereits beste Neueinsteiger auf der Strecke in Silverstone in England. In Deutschland und Italien wurden sie als bestes deutsches Team geehrt und standen in Italien zudem als Dritter auf der Siegertreppe. Nach diesem Anfangserfolg wurde es sogar noch besser. „Uns war klar, dass wir in der nächsten Saison gewinnen wollten“, sagt Seewaldt. Gesagt, getan. Nachdem sie dieses Jahr in England den dritten Platz von 69 teilnehmenden Teams errangen, gewannen sie tatsächlich auf dem Hockenheimring. Das Rennen in Italien auf der Teststrecke von Ferrari in Fiorano ist Ende September.

„Da pfeift der ganze Hörsaal“

So schön kann es also sein, Automobilingenieur zu werden. Gäbe es da nicht ein Problem in der tüftelnden Glückseligkeit der Männer: die Frauen. „Wenn man Werbung für den Studiengang macht, dann sollte man die Frauenquote auf jeden Fall erwähnen“, sagt Seewaldt. Die sei nämlich kaum spürbar. Auf 11 Prozent habe man es laut Professor Michael Bargende vor fünf Jahren schon einmal in seinem Jahrgang gebracht. Zuletzt allerdings waren es nur 5 Prozent. „Dabei sind die Frauen sehr erwünscht“, betont er. Sie brächten einen gesunden Pragmatismus mit, der den manchmal etwas verspielten Männern fehlen würde. Kissling sieht dagegen vor allem den Studentenalltag: „Unter 700 Leuten in einer Vorlesung sind vielleicht zehn Frauen. Wenn da eine unten langgeht, pfeift der ganze Hörsaal.“

Auch in Hamburg wird vor dem Start noch eifrig gebastelt

„Man ist schon ziemlich häufig allein auf weiter Flur“, sagt Alexandra Schulz und lächelt. Die Fünfundzwanzigjährige hat an der Technischen Universität in Berlin Verkehrswesen mit dem Schwerpunkt Kraftfahrzeuge studiert. Seit August ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Kraftfahrzeuge. „Eigentlich ist es grandios, die einzige Frau zu sein“, sagt sie. „Alle kennen einen und sind sehr nett.“ Allerdings müsse man mit zwei Dingen umgehen können: Erstens stehe man immer irgendwie im Mittelpunkt, zweitens gebe es da die festen Rollenbilder. Männer erhielten eher die technischen und handwerklichen Aufgaben, sie dagegen das Organisatorische. „Aber das ist ja gar nicht böse gemeint. Wenn man das einmal anspricht, dann ändert es sich schnell“, sagt sie.

Besonders von Autos begeistert sei sie allerdings nicht. Die Entscheidung für ihr Studium fiel relativ nüchtern. Nach dem Abitur in Berlin wusste sie, dass sie etwas mit Mathe und Physik studieren wollte. Jedoch etwas Anwendungsbezogenes. Das Ingenieurstudium Verkehrswesen an der TU lag deswegen als Wahl nahe. „Ich wollte sehen können, was ich mache“, erklärt sie.

Wissen, was in der Praxis los ist

Schon nahe am Vorbild Formel 1 dran

Im Grundstudium ging es um die Grundlagen: Mathe und Physik, unterteilt in Thermodynamik, Strömungslehre oder Konstruktion. Die Spezialisierung fing erst im Hauptstudium an. Kraftfahrzeuge sind an der TU Berlin nur einer von vier Schwerpunkten. Doch das Angebot ist laut Schulz riesengroß – vor allem, wenn man sich auf Fahrzeugtechnik konzentriere. Denn dort kommen nicht nur besonders Veranstaltungen des Lehrbereichs Kraftfahrzeuge in Frage, sondern auch die des Fachbereichs Verbrennungskraftmaschinen. „Man läuft da nicht nur in eine Schiene hinein“, sagt die Berlinerin. Schließlich lerne man nicht bloß Fahrzeugdynamik, sondern beschäftige sich zum Beispiel auch mit Motoren und Unfallforschung. Sehr positiv sei außerdem, dass es viele externe Lehrbeauftragte aus verschiedenen Unternehmen gebe. „Die wissen, was wirklich in der Praxis geht und was nicht“, lobt Schulz.

Der Berliner Verkehrswesen-Studiengang mit der Spezialisierung auf Forschung und Entwicklung rund ums Auto ist in Deutschland einzigartig. Am Häufigsten werden Auto-Ingenieure in den Studiengängen Maschinenbau oder Maschinenwesen ausgebildet. Reine Fahrzeugtechnik kann man in Ilmenau und in Aachen studieren, Fahrzeug- und Motorentechnik auf Diplom in München und Stuttgart. Außerdem bieten viele Fachhochschulen ähnliche Ausbildungen an.

1a Kurvenlage auf dem Hockenheimring

Zur ersten Liga gehören laut Michael Bargende aber nur Wenige: die Universitäten in Aachen, Karlsruhe, München. Und natürlich die in Stuttgart. Bei ihm am Institut habe man eine Verknüpfung mit der Privatwirtschaft etabliert, durch die Studenten wirklich am Puls der Zeit studieren könnten. Der Studiengang der Universität Stuttgart wird nämlich in enger Kooperation mit dem Forschungsinstitut für Kraftfahrwesen und Fahrzeugmotoren Stuttgart (FKFS) angeboten. Das FKFS ist eine unabhängige Stiftung bürgerlichen Rechts, die von Aufträgen der Automobilindustrie lebt. Das schlägt sich auch in der finanziellen Ausstattung nieder. Zählt man die Mittel von FKFS und IVK zusammen, kommen 2 Millionen Euro als Grundfinanzierung und 1,5 Millionen Euro als selbst eingeworbene Forschungsmittel zusammen. 13,5 Millionen Euro gibt es aus den Aufträgen der Wirtschaft dazu. Die Lehre profitiert von der guten finanziellen Ausstattung.

Rennprojekt für die nächste Generation

Der Andrang von Studenten ist entsprechend groß. Doch nicht jeder ist geeignet. „Der ideale Student ist engagiert, in hohem Maße fähig zur Selbstorganisation, zäh, innovativ, teamfähig und kritisch. Und die besondere Logik, die in der Mathematik liegt, findet er schön“, sagt Bargende. Außerdem seien gute Manieren durchaus wünschenswert. „Wenngleich auch wir natürlich unsere Autisten haben“, räumt er schmunzelnd ein. Ganz besonders Hochbegabten gestehe man eben ein gewisses Maß an sozialer Unverträglichkeit zu. Für Michael Kissling und Sebastian Seewaldt aber wird das Soziale wohl kein Hindernis auf dem Weg in die Automobilbranche sein, nachdem sie ein Team von 35 Studenten um sich geschart, es mit genauen Terminplänen und Zielvereinbarungen organisiert und Kontakt zu über 50 Unternehmen aufgebaut haben. Doch vorher drängt erst einmal der Studienabschluss. Beide sind inzwischen im zehnten Semester. Das Rennprojekt geben sie deshalb im Oktober an die nächste Studentengeneration weiter.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, picture-alliance/ dpa
 
 
   
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