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| Die "Laurea" sang- und klanglos vergeben? |
15. April 2008
Zuweilen begegnet man in italienischen Universitätsstädten launigen Grüppchen, die einen jungen Mann an der Leine führen, der bellen muss. Oder sie umringen eine Signorina, die ihre reizvolle Unterwäsche über der Oberbekleidung zur Schau trägt. Oder sie lachen über einen Zeitgenossen, der im Clownskostüm die Gasse fegen muss. Man könnte meinen, diese bemitleidenswerten jungen Leute hätten eine Wette verloren. Aber sie haben einen Doktortitel gewonnen.
Das italienische Übergangsritual der öffentlichen Verspottung im Kreise von Kommilitonen und Angehörigen, das an Prüfungstagen halbe Innenstädte blockiert, macht das feierliche Prüfungserlebnis natürlich keineswegs wett. Doch ach, von britischer Stilsicherheit beim Promovieren ist man zwischen Trient und Palermo heutzutage meilenweit entfernt. Keine Rede von Studenten, die zu geistlichen Hymnen in die Aula marschieren und unter Doktorhüten als approbierte Akademiker wieder herauskommen. Die Zeitung "Repubblica" berichtet von massiven Beschwerden der studierenden Jugend, in den Prüfungen nurmehr abgefertigt zu werden wie bei der Pizzabude.
Dem einen oder anderen wackligen Prüfling mag es ja durchaus gefallen, ohne schriftliche Arbeit und ohne mündliches Examen seine Urkunde zugeschickt zu bekommen. So geschieht's nämlich routinemäßig etwa in Cagliari, wo die angehenden Ingenieure, statt Examen abzulegen, auch akkumulierte Zwischenprüfungen einreichen können. Sogar an der renommierten Mailänder Bocconi-Universität wird nach drei Jahren Studium die "Laurea" sang- und klanglos ohne Debatte vergeben. "Laurea" kommt übrigens vom Lorbeer, der einst die erfolgreichen Akademiker krönte. Und nun sollen sie nicht einmal ein lobendes Wörtchen vom Professor hören?
Abgefertigt von irgendeinem Assistenten
Oft ist es aber nicht einmal der Lehrstuhlinhaber, der die Studenten abfertigt, sondern irgendein Assistent, wie die empörte Presse berichtet. Eine Mamma aus Pavia beschwerte sich gar per Leserbrief, dass sie ihren Sprössling im hektischen Getümmel gar nicht zu sehen bekam; nach einer halben Stunde mit fünfundzwanzig frischgebackenen Doktoren der Ökonomie war alles vorbei. Wo bleibt da der feierliche Fototermin für den Papa? Wann kann der Onkel seine Blumen überreichen? Wann kommt der erinnerungswürdige Moment, an dem die Oma ihre Tränchen verdrückt, weil die Enkelin nun wider Erwarten eine Gelehrte ist?
Doch nein, statt erlesener Rhetorik gibt es Akademiker vom Fließband. Den Prüfungsrekord hält einstweilen die Abruzzenuniversität in Pescara, wo ein und dieselbe Professorin an einem Tag achtunddreißig Doktoren der Soziologie ins postakademische Leben entließ. Dabei ist es nur ein geringer Trost, dass in Italien alle Absolventen einer Universität "Dottore" gerufen werden (und oft alle halbwegs alphabetisierten Mitmenschen noch dazu). Zynisch, doch letztlich lebensecht klingt da die Begründung der Wissenschaftler: Weil die heutigen Arbeiten ohnehin nicht mehr als Spickzettelchen seien, müsse man sie auch nicht länger als fünf bis sieben Minuten diskutieren. Da bleibt umso mehr Zeit für das karnevalistische Spektakel auf der Straße.