Von Anna Loll
05. Oktober 2007 Schöne Menschen sind fröhliche Menschen. Jedenfalls sind sie das in der zur Modelschule umfunktionierten Neubauwohnung in der Nähe des Berliner Grunewalds. Es ist Eröffnungsfeier für die Academy“ der Agentur Just-Models: Gegenüber dem Schnittchenbuffet mit den bunten Papierservietten von Ikea dröhnen Techno-Bässe aus der Anlage. Männer mit meist dunklen, gelbelasteten Haaren und Solariumbräune im Gesicht lehnen lässig an einer Wand oder Tür, dazwischen stehen Frauen mit sehr langen Beinen und sehr langen Haaren und sehen dabei auf eine eigentümliche Art und Weise irgendwie alle gleich aus.
Julia Schenke ist eine von ihnen, eine besonders hübsche allerdings, mit blauen Augen und keinem Deut Affektiertheit. Sie ist hier, um zu lernen, wie man Model wird. Die Leiterin der Model-Academy“, Lena Ivlieva-Hackert, hat sie beim Einkaufen entdeckt. Früher war Modelsein nicht mehr als ein Klein-Mädchentraum“, sagt Schenke. Ich habe nie daran gedacht, dass mich jemand anspricht.“ Inzwischen hatte die 19 Jahre alte Berlinerin durch die Vermittlung von Ivlieva-Hackert schon Auftritte als Foto-Hostess bei der WM und in einem Werbefilm von Bruno Banani.
Für 270 Euro im Monat lernt sie seit Anfang September nun nicht nur, wie man sich richtig auf dem Laufsteg präsentiert und schminkt, sondern auch was beim Geschäftsessen und beim Vertragsabschluss wichtig ist. Die Ausbildung von 220 Lehrstunden, in denen es zudem um Ernährungslehre, Finanzplanung und Psychologie geht, dauert ein Jahr. Der wöchentliche Unterricht von sechs Stunden findet montags und mittwochs am späten Nachmittag sowie am Samstag statt. Er soll möglichst kompatibel mit dem Studium oder der Arbeit der Model-Anwärterinnen sein. Für Julia Schenke ist dies wichtig, denn sie will auf jeden Fall studieren. Was aber genau nebenbei laufen soll, das Lehramtstudium in Biologie und Chemie oder die Modelschule, ist ihr noch nicht ganz klar. Wenn ich zu den Glücklichen gehören sollte, die groß rauskommen, würde ich vielleicht das Studium ein Jahr unterbrechen“, sagt sie. Aber man müsse realistisch sein. Eine fundierte Ausbildung gehe in ihrer Lebensplanung vor. Irgendwann habe ich einen Mann und Kinder und brauche einen anderen Job.“
Ihr Weg ist jedenfalls nicht der klassische, um als Mannequin erfolgreich zu werden. Modeln ist kein Akademikerberuf“, urteilt Louisa von Minckwitz, Inhaberin der international renommierten Modelagentur Louisa Models aus München und Hamburg. Schließlich sei es ein harter Job, bei dem die Models von einem Termin zum anderen reisten. Nebenbei noch Zeit für die Vorlesung haben zu wollen sei utopisch. Die Verdienstmöglichkeiten sind allerdings nicht schlecht. Ein normales Model verdiene zwischen 1500 und 2500 Euro am Tag. Es gebe aber auch Gagen von 50 000 Euro pro Shootingtag. Manche studierten dann später mit dem Geld auf dem Konto. Einzelne modelten aber auch weiter, bis sie 50 Jahre alt seien. Das ist abhängig vom Typ und der individuellen Lebensplanung“, sagt von Minckwitz.
Was Modelschulen wie die neue Akademie in Berlin betrifft, ist die Agentin geteilter Meinung. Eine umfassende Ausbildung ist natürlich gut, aber nicht zwangsweise erforderlich. Wichtig ist nur, dass die Schulen wirklich diejenigen aufnehmen, die auch die Voraussetzungen zum Model haben“, sagt sie. Dies sei jedoch selten der Fall. Den meisten Leitern gehe es ums Geld und nicht um die Chancen ihrer Schüler. Und die begännen und endeten letztendlich bei der Körpergröße: Frauen müssten mindestens 1,75 Zentimeter vorweisen können, Männer 1,83 bis 1,90 Zentimeter. Auch zu alt dürften die Anwärter nicht sein. Von Minckwitz’ Agentur nimmt Mädchen von 14 bis 19 Jahren auf, Jungs bis 23 Jahre. Für weibliche Bewerber mit 20 Jahren wird es schon schwierig“, sagt sie. Jemand, der wirklich Model werden wolle, sollte sich bei den großen und seriösen Agenturen vorstellen, etwa den Mitgliedern des Verbands lizenzierter Modelagenturen (Velma).
Wie viele Agenturen es in Deutschland insgesamt gibt, lässt sich schwer schätzen. Denn eröffnen kann sie jeder, der einen Gewerbeschein bekommt. Bei Velma organisiert sind jedoch nicht mehr als 22. Wir nehmen nur die auf, bei denen wir auch sicher sind, dass sie seriös sind“, erklärt Velma-Geschäftsführer Dirk Finkenrath. Schwarze Schafe gebe es in der Branche leider einige. Erst im Sommer habe der Verband ein Mitglied ausgeschlossen, berichtet er. Unlautere Methoden wie die Unterschlagung von Gehältern der Models seien keine Seltenheit. Besonders hellhörig müsse man werden, wenn Agenturen von Neulingen verlangen, die Setcards, die Bewerbungsfotos, gegen Entgelt nur bei ihnen selbst erstellen zu lassen.
In dieser Branche tummeln sich neben guten Marktteilnehmern viele, die keinen Rang und keinen Namen haben“, räumt auch Lena Ivlieva-Hackert von der neuen Berliner Modelschule ein. Wir aber wollen uns einen machen.“ Dazu müsse man sich von den Mitbewerbern abgrenzen. Es gehe in Berlin um die ganzheitliche Ausbildung zum Model. Wir bilden unsere Mädchen sicher nicht zur Rechtsanwältin aus. Aber wenn die in Paris sind, dann wissen sie, wie sie sich verhalten müssen, um den Job zu bekommen“, sagt sie. Wer in Berlin an den Kursen teilnehmen will, muss deswegen nicht unbedingt Modelmaße mitbringen. Die Academy ist offen für alle, die lernen wollen, wie sie sich gut präsentieren“, betont Ivlieva-Hackert. Nicht jeder tauge für die Modeschauen in Mailand. Aber es gebe schließlich auch Fotoaufträge für Kataloge oder Hostessen-Engagements. Modeln kann man definitiv auch im Nebenjob und dabei gut Geld verdienen“, verspricht die 36 Jahre alte Russin. Ihre Agentur, die sie nebenher noch weiterführt, sei vom Lehrangebot unabhängig. Es gebe keinerlei vertragliche Verpflichtung für die Schüler. Momentan stehe man mit den elf Frauen und Männern noch am Anfang und rechne in den kommenden Monaten mit mehr Zulauf.
Julia Schenke jedenfalls ist begeistert von dem Unterricht. Bisher habe sie noch nicht daran gedacht, sich bei anderen Agenturen zu bewerben. Erst einmal wolle sie an der Model-Akademie lernen, wie man sich in der Branche durchboxt. Man sollte ja schließlich nicht nur gut aussehen, sondern auch etwas im Kopf haben“, sagt sie und lächelt dazu. Bildhübsch natürlich – perfekt für jedes Foto.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Archiv