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Deutsche Perspektiven

München–Mumbai und zurück

Von Christoph Hein



Der Leistungsdruck ist hoch in Indien
07. März 2008 
Tobias Röhm traut sich was. Als Einziger seines Studienjahrgangs an der Technischen Universität München wählte der angehende Computerwissenschaftler Indien als Ort für sein Auslandssemester und Praktikum – nicht etwa das Silicon Valley oder das behütete Singapur. „Die anderen haben schon etwas dumm geguckt, einige haben den Kopf geschüttelt, als ich mich für Bangalore entschieden habe“, erzählt er. Seit sieben Monaten ist er nun auf dem Subkontinent. Erst studierte er an der indischen Spitzenuniversität Indian Institute of Science für ein Semester, nun schnuppert er in den indischen Software-Giganten Infosys hinein.

Eine Fülle von Erfahrungen wird der Jungwissenschaftler mit zurück nach Bayern nehmen. „Vieles ist hier anders. Zum Beispiel die Haltung der Menschen. Die Unis sind mehr auf Forschung ausgerichtet, der Leistungsdruck ist hoch.“ So erzählt er von einem indischen Freund, den er nach seinem Abschneiden in der von Zehntausenden Schulabgängern besuchten Aufnahmeprüfung fragte. „Er sagte nur, es sei ganz gut gelaufen. Hinterher stellte sich heraus, dass er die Nummer 19 von allen Bewerbern aus ganz Indien geworden ist.“ Auch der Umgang untereinander ist nicht immer einfach. Der Kontakt etwa zu Studentinnen sei schwieriger als in Deutschland. „Einmal etwa bat mich sogar eine Kommilitonin im Hörsaal, mich nicht hinter sie zu setzen“, erzählt er schmunzelnd.

Freunde gefunden

Freunde aber hat Röhm dennoch gefunden. Und mit denen reist er am Wochenende quer durch Indien. Goa, Kerala, demnächst stehen Bombay und Delhi auf dem Plan. „Aber auch das ist anders, als ich es kenne: Während ich als Hellhäutiger immer sofort eine Bahnkarte bekomme, gehen meine indischen Freude oft leer aus, weil der Zug überbucht sein soll.“ Auch am Arbeitsplatz geht es anders zu, als es der 24-Jährige von seinen Praktika in Deutschland kannte: „Man ist immer betont freundlich untereinander. Selbst wenn etwas Mist war, lobt man zunächst.“

Mit dieser Art hat auch Michael Donhauser zu kämpfen. Er entwickelt das Asien-Geschäft für den Münchner Telekommunikationsausrüster Adva Optical Networking von Singapur aus. Seit 2004 aber ist er immer öfter in Indien, alle zwei Wochen mindestens für drei Tage. „Es gibt schon einen Unterschied zwischen westlichem und östlichem Denken: Die Inder mischen Euphorie mit einer gesunden Portion Selbstüberschätzung.“ Kleine Probleme würden so lange verschwiegen, bis sie wirklich unübersehbar seien. „Bei jedem Stromausfall – und die gibt es in Indien ja laufend – will der Inder dann aber am liebsten gleich und auf der Stelle ein ganzes Atomkraftwerk bauen“, scherzt der Münchner. Schwierig für jedes Unternehmen aus Europa oder Amerika sei diese Melange aus Anspruch und Wirklichkeit: „Jedes Angebot muss am besten noch am selben Tag eingereicht werden. Bis die Entscheidung dann aber kommt, dauert es Wochen.“ Donhauser hat sich entschieden: „Wir hatten die Wahl, auch nach Indien zu ziehen. Aber meiner Familie und auch mir wollte und konnte ich das nicht zumuten.“ Auch Röhm zieht es nach fast einem Jahr Indien wieder weg: „Dauerhaft möchte ich nicht in Indien leben. Ich hänge schon an Deutschland. Das habe ich hier erst richtig gemerkt“, sagt er.

„Für Choleriker ist Indien tödlich

Clas Neumann aber hat den Sprung gewagt. Er hat sich entschieden, vor Ort zu leben. Für den Softwarekonzern SAP hat Neumann das Indien-Geschäft in Bangalore aufgebaut. Und ganz eigene Erfahrungen auch im Privatleben gesammelt: Ein Jahr tropfte es durch das Dach im Schlafzimmer. Handwerker waren nicht zu bekommen. Zunächst also stellte Neumann einen Eimer unter das Leck. Monate später wurde der Eimer gegen eine schmuckvolle indische Vase ausgetauscht – Problem erledigt. „Es stört mich nicht mehr“, sagt Neumann. Damit gibt der Asien-Experte ein Beispiel für die höchste Tugend des Indien-Expats: Gelassenheit. „Für Choleriker ist Indien tödlich.“ Durch Rumschreien habe sich in Indien noch nie etwas bewegt. Also empfiehlt der Indien-Fachmann, sich im Alltag möglichst viel von der „indischen Lebensweise anzueignen“.

Die braucht schon, wer derzeit nur ein Hotel buchen will. Donhauser berichtet von Erfahrungen, die jeder Geschäftsreisende vor Ort macht – überbuchte Hotels zu horrenden Preisen. In denen der Portier nach der Ankunft als Erstes bittet, das Zimmer doch mit dem Geschäftspartner zu teilen, weil zu wenig Betten zur Verfügung stünden. Röhm ist da relativ gut versorgt. Er hat Geld genug, um in Indien zu überleben, denn sein Bafög lief weiter, als er studierte. Für sein Praktikum erhält er nun ein Stipendium. Zunächst war er in einem Wohnheim auf dem Campus der Renommieruni untergebracht, nun lebt er auf dem parkähnlichen Campus von Infosys.

Zwei Stunden Fahrt für ein paar Kilometer

Über den Verkehr stöhnen beide: Denn auch Röhm braucht von der „Electronic City“ in die Innenstadt ewig, will er mit seinen Kollegen essen gehen. „Zwei Stunden kann die Fahrt für ein paar Kilometer wegen der vielen Staus schon dauern.“ Zwei Stunden, die Donhauser etwa von Indiens Neustadt Gurgaon bis zum Büro der Kunden am Connaught Place in Delhi braucht. „Der permanente Schmutz, die Armut, das Elend nehmen jeden mit. Wirklich gewöhnt man sich nie daran. Man kann ja in einer Stadt wie Delhi keinen Kilometer fahren, ohne dass nicht ein achtjähriges Mädchen mit Baby auf dem Arm an die Wagenscheibe klopft und bettelt“, sagt er.

Trotz der manchmal hohen Hürden will keiner der drei Deutschen seine Indien-Zeit missen. Alle haben in den vergangenen Monaten aber gelernt, dass es solche Erfahrungen in einer fremden Kultur nicht umsonst gibt. Wie sagte Donhauser doch? „Eine Woche Geschäftsreise in Indien schlaucht so wie drei Wochen in Bangkok, Hongkong oder Singapur.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
 
 
Lesermeinungen zum Beitrag [1]
Indien ohne indisch? 07.03.2008, 16:36
 
   
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