Bologna, aber ohne Prozess

La dolce vita studentesca

Von Sabine Hildebrandt-Woeckel

In Bologna selbst heißt das Gericht nicht Spaghetti, sondern Ragù alla Bolognese

In Bologna selbst heißt das Gericht nicht Spaghetti, sondern Ragù alla Bolognese

29. August 2008 „Ein paar Sätze über Bologna? Oh Gott, das ist schwer.“ Sebastian Strempel, 29 Jahre alt und ausgebildeter Mediziner, überlegt. „Es gibt einfach so viel über diese Stadt zu sagen. Eine fantastische Stadt … vor allem für Studenten.“ Und doch ist die oft mit dem berühmten, dort unter diesem Namen aber gar nicht zu bestellenden Nudelgericht in Verbindung gebrachte Hauptstadt der Provinz Emilia Romagna recht unbekannt. Man liest den Namen in den Straßenkarten, fährt vorbei Richtung Süden. Wer sich für Kunstgeschichte interessiert, stoppt vielleicht für einen Tag, bewundert die großzügigen Plätze, die prächtigen Paläste oder auch die alte Universität, deren imposante Gebäude das Stadtbild bestimmen.

Immerhin wurde Bologna 2000 zur Kulturhauptstadt Europas gewählt, Bolognas Universität nimmt für sich in Anspruch, die älteste Europas zu sein – auch wenn niemand so genau weiß, ob das stimmt. Die Gründung ist nicht exakt datiert, auch die Sorbonne in Paris hält sich selbst für die älteste auf dem Kontinent. Fest steht jedoch, dass es in Bologna schon Ende des 11. Jahrhunderts eine Schule des Rechts gab, seit dem 14 Jahrhundert kamen weitere Fächer hinzu. Darunter auch Kunst und Medizin – davon zeugt etwa das in der heutigen Stadtbibliothek gelegene anatomische Theater, in dem einst öffentliche Leichenöffnungen vorgenommen wurden.

Die Rote, die Fette, die Gelehrte

Auch Sebastian Strempel wusste wenig über die Stadt, die immerhin drei Beinamen trägt: die Gelehrte, was sich von selbst erklärt; die Rote, wofür sowohl die rostbraunen Farben der Häuser als auch die lange Zeit vorherrschende politische Ausrichtung als Erklärung erhalten; und die Fette, was an der reichhaltigen Küche liegt. Doch als Strempel im Sommer 2005 aufbrach, um die nächsten zwei Semester in Bologna studieren, war ihm wie den allermeisten anderen Studenten in Europa der Name der Stadt vor allem wegen des sogenannten Bologna-Prozesses geläufig. Am 19. Juni 1999 unterzeichneten Bildungsminister aus 29 europäischen Nationen in der Aula Magna der altehrwürdigen Universität jene Reform, die mit der Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge seitdem das Studieren zum Teil radikal verändert hat. Als Medizinstudent tangierte ihn die Erklärung, mit der das Hochschulwesen in Europa vergleichbarer gemacht werden soll, allerdings wenig. Schließlich weigern sich deutsche medizinische Fakultäten bis heute, auf Bachelor und Master umzustellen.

Strempel hatte einfach als Schüler eine Klassenfahrt nach Rom unternommen, mochte das dort erfahrene Lebensgefühl und liebte italienische Musik. Dass es dann ausgerechnet Bologna wurde, für die er sich beim Erasmusprogramm bewarb, lag vor allem daran, dass die medizinische Fakultät dort nicht nur eine lange Tradition hat, sondern auch bis heute einen guten Ruf. Er bekam den Platz und zog los, wie die 2000 anderen ausländischen Studenten, die jedes Jahr nach Bologna kommen – und sich dort zuallererst mit einigen Mythen vertraut machen müssen.

Studieren unter Arkaden

So dürfen die jungen Leute nie die Wallfahrtskirche San Luca aufsuchen, die so wunderschön auf einem Hügel im Südwesten der Stadt liegt und den halbstündigen Aufstieg in der Abendsonne mit einem bombastischen Ausblick belohnt. Denn das, so heißt es, bringt Unglück in der Liebe. Auch den Torre Asinelli dürfen sie nicht besteigen, einen der zwei schiefen Türme der Stadt, die ihre Wahrzeichen sind. Die letzten beiden einer einst großen Anzahl mittelalterlicher Geschlechtertürme sind durch die Absenkung des Bodens auf die schiefe Bahn geraten. Wer sie vor dem Examen besteigt, dem droht das gleiche Schicksal: Er wird, so die düstere Prophezeihung, seine Prüfungen nicht schaffen.

Rund 100.000 der heute 450.000 Einwohner Bolognas sind Studenten. Trotz der Mythen hat es die Stadt schon immer verstanden, sich auf sie einzustellen. Das zeigen auch die Arkaden, die die ganze Stadt durchziehen. Fast 40 Kilometer schlängeln sie sich durch Bologna und schützen vor Sonne und Regen. Entstanden sind sie, weil es schon im Mittelalter so viele Wissbegierige an den Fuß des Apennin zog, dass der Wohnraum nicht ausreichte. Und so bauten die Einwohner einfach an – auf Stelzen über der Straße.

Allerdings: Vollständig lösen ließ sich die Wohnungsnot damit nicht, weder damals noch heute. Noch immer ist die Zimmersuche Anfang des Semester fast das größte Problem für ausländische Studenten. Das erlebte auch Sarah Maupeu aus Köln, die ein Semester Kunstgeschichte, Ethnologie und Philosophie in Bologna studiert hat. Wer ein Einzelzimmer möchte und nicht wie die meisten italienischen Studenten ein Bett im Doppelzimmer, sollte ein par Wochen früher anreisen. Billig ist das Wohnen in Bologna auch nicht. Wer im Zentrum bleiben will, zahlt 500 bis 600 Euro für ein Einzelzimmer. Außerhalb des „Rings“, der heute an der Stelle der einstigen Stadtmauer das Zentrum umrundet, bekommt man es mit Glück für 350 Euro; meist sind die Zimmer dort außerdem auch besser ausgestattet.

Zwei Fahrradschlösser sind ein Muss

Doch Bologna ist nicht so groß, dass Wohnen jenseits des Stadtrings auch gleich bedeutet, auf die „vita studentesca“ verzichten zu müssen. Zehn Minuten mit dem Fahrrad brauchte etwa Sarah Maupeu zum allabendlichen Studententreffen auf der Piazza Santo Stefano. Und auch nicht länger zur Piazza Maggiore, dem historisches Herz der Stadt, wo auch die Studenten ihren Aperitivo einnehmen. Dieses Ritual ereignet sich abends zwischen 18 und 20 in einer der vielen Bars, für einen festen Preis von um die 6 Euro bekommt man dort ein Getränk nach Wahl, außerdem darf man sich an einem Büfett mit Snacks bedienen.

Nicht zuletzt wegen der vielen Studenten ist Bologna heute – vollkommen untypisch für Italien – eine Fahrradstadt. Fahrradwege allerdings gibt es deswegen noch lange nicht, betont Sarah Maupeu. „Doch man lernt schnell, sich eine forscheren Fahrstil anzugewöhnen.“ Sogar der Schwarzmarkt hat sich auf das Thema eingestellt. Nicht nur Haschisch wird dort unter dem Stichwort „fumo“ feilgeboten, sondern auch „bici“, also Fahrräder. Schon für 15 Euro kann man fündig werden – und muss danach gut aufpassen. „Zwei Schlösser“, berichtet die Kunsthistorikerin, „sind ein Muss“.

Für Austauschstudenten ist der Sprachunterricht gratis

Sind Wohnungs- und Transportproblem aber erst einmal gelöst, gibt es kaum noch Hürden, nicht einmal mangelnde Sprachkenntnisse. Zweimal im Jahr bietet die Uni kostenlos einen fünfwöchigen Sprachkurs für ausländische Sudenten an, viele Privatanbieter gewähren Kunden aus dem Ausland außerdem deutliche Rabatte. Und ohnehin sind italienische Sprachkenntnisse zunächst keine Zulassungsvoraussetzung. Für die meisten Prüfungen werden sie dann zwar benötigt, aber wer Glück hat, findet Professoren, die auf Englisch ausweichen.

Auch Sebastian Strempels Italienisch-Kenntnisse waren zunächst eher dürftig, wie er heute unumwunden zugibt. Doch an die Sprache gewöhnte er sich ebenso schnell wie an das Studentenleben in der Stadt, Ausflüge inklusive: Bologna hat nicht nur einen internationalen Flughafen und ist Knotenpunkt im Eisenbahnnetz, auch mit dem Auto lassen sich Mailand, Venedig, Verona und die Toskana schnell erreichen. Fünf Scheine hat Strempel trotz aller Ablenkungen in Bologna gemacht und danach sein Studium in Deutschland abgeschlossen. „Obwohl ich den Torre Asinelli natürlich bestiegen habe“, gesteht er. Seinen Aufenthalt in Italien hat Strempel so erlebt, wie er ihn sich vorgestellt hatte. „Bologna als Studentenstadt“, sagt er heute, „hat eigentlich nur einen Nachteil: Wieder zu Hause fehlen einem die Bars und der Espresso im Stehen.“

Bei der Zimmersuche hilft Austauschstudenten der „Bussolo“ in der Via Zamboni 62, Telefon +3951-229264. Die Erasmus-Institution, die kostenlos vermittelt, ist auch erreichbar per E-Mail an: erasmus@alma.unibo.it

Außerdem gibt es online die private Zimmervermittlung www.postoletto.com

Immatrikulieren kann man sich an der Universität Bologna online unter: www.unibo.it

Wer den Sprachkurs der Uni besuchen will, muss sich vorab anmelden und einstufen lassen. Infos unter: www.cilta.unibo.it

Mehr zum Bologna-Prozess auf der Homepage des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF).

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: KFotolia

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